Im Jahre 1974 ging es mit dem britischen Horrorfilm so langsam zuende.
Die jahrelangen Vorzeigeproduktionen der Hammer Films hatten inzwischen Patina angesetzt und selbst die Anthologiemeister von der Firma Amicus schwenkten allmählich zum Fantasygenre hinüber – das Genre Horror erfand sich über Europa und die Vereinigten Staaten mal wieder neu.
Für Ikonen wie Vincent Price, Christopher Lee und Peter Cushing war es eine ungewöhnliche Zeit, denn ihr steter Broterwerb brach weg, während gleichzeitig von kleinen Independantfirmen neue Angebote für „ähnliche“ Produktionen an sie herangetragen wurden, nur leider nicht immer auf dem gleichen Niveau, wie es noch in den 60ern üblich war.
Für Cushing war die Situation noch schwieriger, denn seit dem Tod seiner geliebten Frau hatte der Schauspieler nicht nur Lebensfreude und Lebenswillen verloren, er arbeitete auch eigentlich nur für die Arztrechnungen und weil es ihn vom Grübeln abhielt. Das führte dazu, dass Cushing in der Spätphase für Hammer praktisch in alles und jedem auftrat, selbst in kuriosen Frankensteinvariationen oder Kopplungen von Dracula und dem Martial Arts-Genre.
Ein paar seine Soloprojekte nach/ab 1974 verdienen aber dank ihrer Obskurität noch einmal einen genaueren Blick…
Nachdem 1974 noch 7 Filmprojekte mit Cushing auf den Markt gespült worden waren, ging die Produktivität ab 1975 deutlich zurück. Seinen Auftritt in „Star Wars“ mal beiseite gelassen, waren im ersten Jahr Post-Hammer nur zwei Produktionen im Körbchen, in denen Abbilder alten Glanzes wieder aufleben ließ, wenn es die Umstände und Budgets denn zuließen.
Nach seinem Werwolfabenteuer übernahm Cushing dann die nominelle Hauptrolle in „The Ghoul“, einem nur namentlichen Remake des Karloff-Films von 1933. Tatsächlich reiht sich der britische Film in die Reihe von farblich modernisierten Neuauflagen ein, die auch Klassikern wie „Im Westen nichts Neues“, diversen Hitchcocks und Gruselbühnenstoffen wie „Die Katze und der Kanarienvogel“ zuteil wurden.
Im Kern steckt hier aber ein simpler Hammer-Plot: eine Gruppe feiernder junger (oder nicht mehr ganz so junger) Leute der 1920er Jahre veranstaltet aus Jokus ein Autorennen in Cornwall. Im dichten Nebel bleibt ein Pärchen hängen und während er auf Tagelicht wartet, latscht sie in die Botanik und findet schließlich das Haus von Doktor Lawrence, der einstmals Frau und Kinde verlor, als er in den indischen Regionen praktizierte. Lawrence empfängt die aufgerüschte Daphne (Veronica Carlson) sehr freundlich, aber allein die Anwesenheit einer ständig mosernden indischen Hausdienerin und dem Umherschleichen eines relativ depperten Faktotums (Bombenrolle für einen jungen John Hurt) sollten ihr Sorgen machen. Nachdem die Gute in der Folge nett bewirtet wurde, sich ausrufen darf, für uns nackt in der Sitzbademuschel Platz nimmt und sonstwie durchs Haus eiert und hinter Vorhänge schaut, die nicht für sie bestimmt sind, kommt dann endlich die große Stunde des Titelhelden. Der wohnt nämlich oben in einem abgeschlossenen Kämmerlein und wird nur rausgelassen, wenn es was zu meucheln gibt. Bis zu seiner ersten Großaufnahme sieht man meistens nur seine ungesund ausschauenden Füße und Sandalen, aber auch Fußgeruch kann für Stimmung sorgen.
Das Problem: als der „Ghoul“ (natürlich handelt es sich um des Doktors Sohnemann) endlich sein bares Haupt in die Kamera hält, um mit einem seltsamen Stoß-Schneidewerkzeug aus Daphne sein nächstes Festmahl zu machen, ist schon fast eine Stunde der breitgetretenen 89 Minuten rum.
Man soll Atmosphäre nicht unterschätzen, aber Überbewerten ist auch nicht funktionabel und so wird selbst das unheimlichste Haus irgendwann fade.
Derweil hat Hurt Daphnes Galan über die Klippe gehen lassen und Hoffnung naht nur noch in Form der anderen Autobesetzung: Angela und Geoffrey. Am nächsten Tag von einem feigen Polizisten informiert, wühlen die beiden die Gegend um und stranden schließlich auch bei Lawrence, wenn auch getrennt. Angela wird vom lüsternen Stallknecht entführt und der sich selbst überschätzende Geoffrey entert das Haus über Cushing.
Die Details des Showdowns erspare ich hier alle Willigen, die den Film aufstöbern mögen (es kursiert eine längere britische Fassung – die hier besprochen wurde – und eine gewöhnliche Kinofassung, die 83 Minuten geht), aber sagen wir mal, als noch 2,5 Minuten auf dem Tacho waren, hab ich mich langsam gefragt, mit welcher Abfolge rasender Zufälle hier noch ein HappyEnd gestrickt werden soll.
Aber…muss ja auch gar nicht…aber wie hier mit der groben Kelle Zufall am Ende alles Verantwortlichen noch in die nächste Welt expediert werden, das ist schon einen Asbach Uralt wert.
Cushing hat in diesem Rührstück ein paar hübsche traurige Monologe und darf auf der Violine spielen, fällt aber unter die rätselhaften Charaktere, die einerseits hübsche Mägdelein erst bewirten und dann opfern, damit der Sohnemann was zu napfen hat, die man aber dennoch mögen soll. Das Problem ist: sonst ist niemand von wirklicher Bedeutung dabei, der eine Verbindung zum Publikum aufbauen könnte. Bei den Opfer-Herren überschätzt sich einer, der Andere ist ein Dösbaddel. Veronica Carlson wiederum ist zwar ein Geschoss vor dem Herrn gewesen (und genau darum hier gecastet, um Bein zu zeigen und blank zu ziehen), hat aber die erwartbar undankbare Janet-Leigh-Rolle aus „Psycho“ abbekommen. Und Alexandra Bastedo, die im Finale für sie übernimmt, hat leider so überhaupt keine Ausstrahlung und kommt über hilfloses Gekreische nicht hinaus.
Wenn sie hysterisch versucht, Hurt in seiner Hurte…pardon, Hütte abzuwehren, kommt der kleinwüchsige Mime kaum an sie heran. Sieht man ihr jedoch eine gute Minute dabei zu, wie sie kreischend das gesamte Mobiliar der Hütte abräumt, ohne mal auf ihren Peiniger mit was Brauchbarem einzustechen, dann provoziert das irgendwann nur noch Lacher.
Für Cushing war dies eine weitere Rolle, in der er einen trauernden Witwer spielen musste/sollte/konnte und man sieht ihm deutlich an, dass ihn diese Form der Verarbeitung mitnimmt (und beim Dreh fast kaputt gemacht hätte), aber seinem Doktor fehlt die Balance, werden die Abhängigkeiten zu Haushälterin und Hausknecht nicht deutlich, schwankt der Sympathiefaktor ständig.
Was der gute Ghoul denn nun hat, Krankheit oder Fluch, die ihn offenbar dazu zwingt, ein leckeres Menschenfleischgericht zu schnabulieren, dass die indische Hausdame hier aus Daphne raushackt (das klingt schlimmer, als es dargestellt wird), bleibt ebenfalls im Nebulösen. Was man zu sehen bekommt, ist ein stiläugiger Glatzkopf mit ungesunder Haut und schleppendem Gang, dem im normalen Leben jede 92jährige während der Rush Hour im Edeka locker ausgewichen wäre – da kann der Film leider seinen atmosphärisch guten Ansätzen und der sehr schönen Ausstattung leider keine Rechnung tragen.
Aber so gut oder so schlecht man „The Ghoul“ nun findet, für 1975 ist der Film eindeutlig zu altmodisch, selbst wenn man das cineastische Faible für die goldenen 20er von damals mit einrechnet. Etwas spektakulärer hätte es da schon ausfallen können. (4/10)