Review

Nachdem wir im Vorherbst den lang erwarteten fünften Harry Potter-Band mit nach Hause nehmen konnten, bereichert uns die Filmindustrie nun auch mit der dritten Verfilmung des Hypes. Und hier gibt nun mit dem Mexikaner Alfonso Cuaron erstmals ein neuer Regisseur seinen Einsand als Harry Potter – Filmer. Er sollte nun das beliebte dritte Harry Potter – Buch auf die Leinwand zaubern.

Nach dem ersten Ansehen muss ich sagen, dass mir eine leichte Enttäuschung nicht erspart geblieben ist. Von vielen Seiten wird „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ als der bislang beste Harry Potter-Film eingeschätzt. Und den dort genannten Gründen kann ich auch durchaus zustimmen, doch ging ich bei den ersten beiden Filmen mit einem sehr viel zufriedeneren Gefühl aus dem Kino. Doch der Reihe nach.

Nun ist „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ nichtsdestotrotz ein hervorragender Fantasy – Film. Er ist flott inszeniert, hat keine Durchhänger, unterhält also blendend. Das hier ein neuer Regisseur am Werke war, ist den ganzen Film über zu spüren. Er hat einen anderen Stil, düsterer und auch etwas ausgeflippter (aufgrund der etwas wilder wirkenden Kamerabewegungen). Die Schauspieler sind wieder über jeden Zweifel erhaben. Die drei Jungstars Radcliffe, Grint und Watson (seufz !) haben ihre Rollen inzwischen fest im Griff. Sie können einen Film inzwischen wirklich auf ihren Schultern tragen, daher ist es kaum störend, dass das hochkarätige Erwachsenen – Ensemble noch mehr in den Hintergrund gerückt worden ist. Trotzdem hat vor allem Alan Rickman hier einige gute Szenen. Am wenigsten ist diesmal von Maggie Smith zu sehen.
Als Neuzugänge sind hier zunächst Michael Gambon als Dumbledor und David Thewlis als Professor Lupin zu nennen, die beide ihre Sache sehr gut machen. Der mit Vorfreude von mir erwartete Gary Oldman als Sirius Black kommt leider etwas zu kurz um wirklich zu glänzen.

Die Stimmung ist noch düsterer als im Vorgänger. Es regnet und gewittert oft, und auch am Tage ist kaum noch die Sonne zu sehen. Das wichtigste neue Element sind die finsteren Dementoren. Sie sind, genau wie im Buch, die unheimlichsten Gestalten, die bisher in der Reihe aufgetaucht sind und haben noch einiges an Bedrohlichkeits - Potential für die folgenden Geschichten zu bieten. Die Szenen in denen sie den Leuten ihre Gefühle aussaugen sind wirklich sehr intensiv umgesetzt worden.

Eine weitere ersehnte Neueinführung ist der Hippogreif Seidenschnabel. Er ist recht schön animiert (größtenteils digital, aber auch einige Puppentricks soweit ich das beurteilen kann) und kann als „Tier – Charakter“ überzeugen. Harrys Ritt auf Seidenschnabel ist eine der schönsten Szenen des Films, weil die wohl einzige spektakuläre und unbeschwerte Sequenz.

Der Film hat die bislang beste Handlung. Sie profitiert von der, wie schon erwähnt, bis dahin (wenn nicht überhaupt) besten Romanvorlage. Sie bietet mehr emotionale Tiefe für den Hauptcharakter (insbesondere natürlich Harrys erstmals aufkeimende Rachegelüste) und einige überraschende Wendungen, besonders zum Schluss.
SPOILER
Hier besonders, wenn Peter Pettigrew sich grinsend in eine Ratte verwandelt und flieht, kriegen Potter- Kenner vielleicht ein kleines Kribbeln, weil sie wissen, das das der Beginn des mit dem vierten Teil beginnenden Handlungsbogens um die Rückkehr von Lord Voldemort ist, wo es noch ernster und härter zugeht.
SPOILER ENDE
Außerdem wird unser zu Teenies gereifter Dreier – Gespann nun etwas in Richtung Pubertät gelenkt, was sich im Film wie im Buch jedoch noch durch diverse witzige Kleinigkeiten und Verhalten andeutet.

Die Musik ist wieder mal erstklassig. Dabei wurde hier im Gegensatz zum zweiten Film nur sehr wenig bisher bekannte Musik verwendet. Nur das Harry Potter – Thema erklinkt an ein paar Stellen. Ansonsten ist alles völlig neu, auch der Abspann wurde nicht mehr konventionell gestaltet, sondern kommt als eine Art Bildergalerie daher.

Es gibt für den Kenner der Harry Potter – Bücher jedoch durchaus etwas zu murren. Dabei könnte man es in einem Satz sagen: Der Film ist einfach zu kurz. Es ist für mich auch unlogisch, dass man für die Verfilmung eines 330 seitigen Buches 147, für die eines 350 seitigen 155 und nun für die eines 450 seitigen nur noch 140 Filmminuten verwendet. Sicher ist klar, dass sich literarischer Stoff nicht ohne Abstriche auf die Leinwand übertragen lässt, doch hätte hier mehr Laufzeit bzw. genauere Umsetzung des Geschriebenen schon sehr viel ausgemacht.

In der Filmversion von „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ wird die Handlung einfach zu schnell vorangetrieben. Dieses Problem war schon in den ersten beiden Filmen zu spüren, doch was dort ein kleines Manko war, hat sich in diesem Fall zum echten Störfaktor für Buch – Puristen entwickelt. Es gibt Szenen, die wirken geradezu abgehackt, nach dem Motto, „das Wichtigste ist gesagt, los schnell weiter“.

Das geht los mit dem Zaubererbus, dem „Fahrenden Ritter“. Dass das Aufblasen von Tante Magda recht schnell abgehandelt werden würde, war ja klar und stört auch nicht weiter, witzig ist‘s alle mal. Doch nachdem die kurzen nächtlichen Szenen in Surrey (nach Harrys Flucht aus dem Dursley – Haus), das Auftauchen des schwarzen Hundes und das plötzliche Hervorbrechen des Fahrenden Ritters noch wirklich stimmig wirken, sind die Szenen im Bus selbst etwas enttäuschend. Zwar bietet die rasante Fahrt des Busses reichlich Gags und witzige, coole Tricks, doch die nächtliche, mystische Stimmung, die im Buch auch noch während der Fahrt vorherrscht, geht aufgrund der Kürzung des Dialogs über Sirius Black verloren. Abgesehen davon sind die quatschenden Schrumpfköpfe einfach nur nervig (und stehen auch nicht im Buch).
Des Weiteren müssen wir diesmal auf die Winkelgasse ganz verzichten. Überhaupt ist das typisch britische Potter – Flair, das Chris Columbus in den ersten beiden Harry Potter – Filmen noch so gekonnt einfing, hier weniger zu spüren. Das hervorragend gestaltete Dorf Hogsmeade wird als solches nicht genügend gezeigt um Atmosphäre zu erzeugen.

Das Quidditsch – Match fällt ganz unter den Tisch (abgesehen von der Begegnung Harrys mit den Dementoren während eines Spiels, doch diese Szene dreht sich weniger um das Spiel als um eben diese Begegnung), was wohl das größte Ärgernis darstellt. Denn so fällt der letzte Auftritt Woods ins Wasser sowie Harrys Triumph über Malfoy bzw. den von Gryffindor über Slytherin und somit fehlt auch Sirius Blacks Einbruch in den Gryffindor – Gemeinschaftsraum.

Außerdem mache ich dem Filmteam auch einen Mangel an Kontinuität zum Vorwurf. Wieso liegt Hagrids Hütte auf einmal an dem Fuß eines Hügels und die Peitschende Weide völlig abseits von Hogwarts, wo doch die Hütte früher auf relativ ebener Fläche und die Weide deutlich auf dem Schulgelände lag. Man könnte mit etwas Phantasie jetzt argumentieren, dass dies alles eine Zauberwelt ist und die Landschaft sich nach Belieben verändert. Doch ist klar, dass der Grund viel mehr an dem Drehortwechsel der Filmcrew nach Schottland zu suchen ist.

Insgesamt ist auch die als positiv hervorgehoben düstere Stimmung manchmal schon fast zu ernst. Die Figuren haben ziemlich wenig zu lachen und es bleibt eigentlich Ron / Rupert Grint überlassen, durch einige humoristische Einlagen doch noch für etwas Heiterkeit zwischendurch zu sorgen.

Als einziger Schwachpunkt der visuellen Effekte wäre wohl der Werwolf zu nennen, denn der sieht schlicht und ergreifend blöd aus. Wieso hat der keine Haare? Und besonders bedrohlich wirkt er auch nicht (noch nie „Das Tier“ gesehen?). Nicht einmal die Animation überzeugt.

Es wäre hier also, mehr als je zuvor, eine erweiterte Version des Films für spätere Veröffentlichungen wünschenswert (also jetzt mal aus rein kommerziellen Gesichtspunkten, die „Herr der Ringe“ – Reihe hat ja wohl gezeigt, dass es sich rentiert). Wenn einige Szenen verlängert und damit harmonischer wirken würden, wenn der Zuschauer mehr Zeit zum Luft holen bekommt und vielleicht noch das eine oder andere Element mehr aus dem Buch wieder findet, könnte aus dem guten Harry Potter – Film ein richtiges Meisterwerk werden.

Schlussendlich lässt sich sagen: Wer Harry Potter nur aus dem Kino kennt, wird seine wahre Freude haben. Es ist ja auch ein wunderbar unterhaltsames Fantasy – Abenteuer geworden, ebenso düster wie spannend und mit erstklassigen Darstellern. Dazu noch die wendungsreichste, bisher reifste Geschichte, die abermals eifrig aus der scheinbar grenzenlosen Phantasie von Joanne K. Rowling schöpft. Hinzu kommt, dass die drei Hauptcharaktere einem doch schon richtig ans Herz gewachsen sind.
Nur die Erwartungen derer, die auf eine vorlagengetreue Umsetzung des Romans hoffen, werden nicht ganz erfüllt (und dazu gehöre ich leider).

8 / 10

Details
Ähnliche Filme