„Wer bildest du dir denn ein, was du bist?!“ (Sportler und Sprache...)
US-Regisseur Herb Freed („Jenseits des Bösen“) ist einer von vielen, die Anfang der 1980er während der grassierenden Slasher-Welle ein Stück vom Kuchen abbekommen wollten und einen niedrig budgetierten eigenen Titel ins Rennen schickten. Sein 1981 zeitgleich mit der ersten „Freitag der 13.“-Fortsetzung veröffentlichter „Graduation Day“ trägt zur Tradition bei, einen Slasher an einem besonderen Tag („Halloween“, „Prom Night“, „Blutiger Valentinstag“, „Freitag der 13.“ etc.) spielen zu lassen und wählte den titelgebenden Tag des Schulabschlusses. Die Rechnung ging anscheinend auf und „Graduation Day“ spielte fast das Zehnfache seiner Produktionskosten ein.
Trainer George Michaels (Christopher George, „Ein Zombie hing am Glockenseil“) betreut die Sport-Leistungskurse der örtlichen Highschool und muss eines Tages mitansehen, wie seine Schülerin Laura unter seinen Anfeuerungen zwar den Rekord bricht, jedoch kurz darauf tot zusammenbricht. Den Schulabschlusstag möchte man der verstorbenen Schülerin widmen, auch Lauras ältere Schwester und Navi-Soldatin Anne (Patch Mackenzie, „Die Wiege des Schreckens“) möchte partizipieren und kommt zurück in die Stadt. Zeitgleich beginnt ein Unbekannter eine unheimliche Mordserie an Lauras ehemaligen Sportkurs-Mitschülern...
Schon im Prolog mit seinen Sportszenen, während derer es zum Tod Lauras kommt, stechen dem Zuschauer die 1980er voll ins Auge: 1981 waren Tennissocken, Schweißbänder etc. bereits voll en vogue, dazu dudelt ein schlimmer '80s-Disco-Soundtrack. Die eigentliche Handlung setzt zeitlich ein paar Wochen später ein und bleibt im Sportschüler-Milieu, was für Freunde des Subgenres eine durchaus interessante Variation des klassischen Teenie-Umfelds bedeuten dürfte. Klassisch auch der Killer, der jedoch nicht nur mit einem Messer, sondern auch mit einer Stoppuhr bewaffnet sein erstes Opfer verfolgt und schließlich tötet. Viel vom Mörder sieht man nicht, die subjektive Point-of-View-Perspektive kommt zum Einsatz, seine Identität bleibt bis zum Finale unbekannt und die Tätersuche gerät zum Whodunit? mit mehreren Verdächtigen, zu denen u.a. Schwester Anne und Trainer Michaels zählen. Der Slasher-Fan fühlt sich zuhause und sollte es sich gemütlich machen, denn sonderlich aufregend oder atmosphärisch wird es fortan zwischen den einzelnen Morden nicht unbedingt. Diese fallen zwar originell (Höhepunkt: eine mit Stacheln präparierte Fallmatte für einen Stabhochspringer) und recht blutig bis sogar splatterig aus, sind stellenweise jedoch arg billig gelöst worden und entsprechend durchschaubar. Freed versucht einzelne Charaktere, vor allem natürlich die Verdächtigen, grob zu charakterisieren und widmet ihnen etwas Zeit. Wenn Anne sich ein Fotoalbum anguckt, werden Einzelbilder ihrer Erinnerung zwischengeschnitten; ein Stilelement, das sich später auch bei einem turnenden Mädchen wiederfindet. Besonders auffallend jedoch sind die zahlreichen Zeitschindereien des Films: Während die Tumulte bei der Diplom-Übergabe, im Rahmen derer der Prinzipal ausgebuht wird, noch spaßig anzuschauen sind, muss man schon ein besonderes Faible für Füllszenen oder eben Freude an reichlich Zeitkolorit haben, um dem Versuch einer Schülerin, sich eine Versetzung beim Musiklehrer zu, äh, „erschlafen“ und die anschließende Konfrontation des Lehrkörpers mit einem entsprechenden Tonbandmitschnitt, einer Gesangseinlage und dem Auftritt der New-Wave-Band „Felony“ in einer Rollschuhdisco (!) sowie einer abgefahrenen Tanzeinlage (derer es im '80er-Horror gar nicht so wenige gibt) wirklich etwas abgewinnen zu können – die Handlung voran bringt all das nicht wirklich. Zwischenzeitlich darf man dem einen oder anderen eigenartigen Dialog lauschen und einmal mehr den Blickwinkel des Mörders einnehmen, wenn er schwer atmend die Mädchenumkleide begafft. Irgendwann sieht man ihn gar in voller Pracht, jedoch ausgestattet mit einem Gesichtsschutz. Wer auch gern mal Leichtathletik im TV schaut, bekommt hier professionelle Turnübungen in Zeitlupe geboten. Klingt vielleicht schlimmer, als es ist, denn irgendwie ist „Graduation Day“ mit seinem Potpourri etwas hilfloser Streckung und seinen Kuriositäten lustig.
Das Whodunit? jedenfalls ist sauber konstruiert und wenn der Zuschauer erfährt, dass Laura an einem Blutgerinsel starb und sieht, wie Anne dem Trainer Vorwürfe macht, macht das Miträtseln durchaus Laune. Das den Täter schließlich mehr oder weniger überraschend entlarvende Finale hat es dann auch in sich und alles, was ein zünftiger Slasher-Showdown braucht: Dramatik, Tragik, Psycho-Thrill, die üblichen vom Mörder drapierten Leichen, die irgendwann endlich gefunden werden etc. So atmosphärisch eher dröge und dramaturgisch gestreckt „Graduation Day“ lange Zeit auch gewesen ist, hier spielt Freed im Prinzip das aus, was man sehen möchte und beweist, das Subgenre verstanden zu haben. Die allerletzte Szene ist etwas bizarr, aber das ist im Prinzip der ganze Film, der sich schauspielerisch auf üblichem B-Slasher-Niveau bewegt und unterm Strich ein für Fans sehenswerter Vertreter aus der Hochphase des Subgenres sein sollte, für filmhistorisch Interessierte ein schönes Beispiel für eine sehr klassisch ausgerichtete Variation des Genrestoffs, für alle anderen aber vermutlich ein eher langatmiges und billiges Suhlen in Klischees, das zudem zu häufig unfreiwillig komisch ausfällt, um überhaupt einmal bedrohlich zu wirken. Wenn der Soundtrack übrigens gerade einmal keine fragwürdigen Auswüchse des noch jungen Jahrzehnts interpretiert, erinnert er zeitweilig an „Psycho“, was ich gern als Verneigung vor Hitchcocks Urvater des Slashers werte.