Mary Ellen Bute und Norman McLaren sind heutzutage - trotz der Tatsache, dass sich Bute in den 60er Jahren an eine ambitionierte "Finnegans Wake"-Verfilmung gemacht hatte ("Passages from James Joyce's Finnegans Wake" (1966)) - nur noch wenigen Cineasten ein Begriff; wer sie jedoch erstmal kennengelernt hat, dürfte auch sogleich einen Narren an ihnen gefressen haben. "Spook Sport" ist eine großartige Zusammenarbeit von ihnen und Butes Lebensgefährten Kameramann Theodore "Ted" Nemeth; experimentell in seinen Techniken, in seiner Wirkung den Charakteristika des Trickfilms voll und ganz angemessen; abstrakt wie Walther Ruttmann, naiv wie Walt Disney.
"Spook Sport" gehört in eine Reihe von Werken, die Bute damals unter dem Begriff "Seeing Sound" zusammenfasste: Beeinflusst vom Regisseur Melville Webber (der zusammen mit James Watson die zwei vom Expressionismus beeinflussten Avantgarde-Klassiker "Fall of the House of Usher" (1928) und "Lot in Sodom" (1933) geschaffen hat) und vom Komponisten und Musikwissenschaftler Joseph Schillinger (der zusammen mit ihr einen Film drehen wollte, der die visuelle Darstellbarkeit von Musik unter Berücksichtigung mathematischer Formeln zum Thema haben sollte) drehte Bute ab Mitte der 30er Jahre eine Reihe von Animationsfilmen, die anhand bewegter Flächen diverse Musikstücke visualisierten.
Damit steht sie in der Tradition von Walther Ruttmann, der einmal sagte: "Das Musikalische und Optische, verbunden mit Mathematischem, lag schon immer in mir, ich habe Musik und Malerei studiert", und seinen Kollegen Oskar Fischinger, Hans Richter und Viking Eggeling. Was Bute etwas von diesen abhebt, scheint die Tendenz zu etwas komplexeren oder zumindest vitaleren Bewegungsabläufen zu sein. Die großflächigen, manchmal auch behäbigen Kreise und Quadrate, die gerade beim frühen Ruttmann noch den Ton angeben, sucht man bei Bute meistens vergebens - hier herrschen eher viele kleine Objekte gleichzeitig, Spiral- und Gittermuster, vor allem aber eine rasante Geschwindigkeit und - vergleichsweise - wenig Wiederholungen auf der Bildebene.
"Spook Sport", manchmal als Butes erster Farbfilm bezeichnet (eine Ehre, die allerdings ihrem aus dem Jahr 1937 stammenden "Escape" gebührt), entfernt sich noch weiter von den deutschen Avantgarde-Künstlern (auch wenn Ruttmanns Werbefilme in eine ähnliche Richtung laufen) und schlägt eine Brücke zu den "Silly Symphonies" aus dem Hause Disney (freilich nicht in chronologischer Hinsicht, 1939 war schließlich das Jahr, in dem es mit "Silly Symphonies bereits zuende ging).
Eine Texttafel und eine daran anschließende Legende fassen das Geschehen des Films zu Beginn kurz zusammen: es geht um Geisterwesen, die um Mitternacht auf einem Friedhof ihr Unwesen treiben. Diese Wesen sind mal mehr, mal weniger detailliert gezeichnet: sich beständig verändernde Dreiecke, Fledermausumrisse, hüpfende Flecken, manchmal auch kurz mit Gesichtern versehen. Die meiste Zeit über bleiben sie aber so abstrakt, dass die Legende zu Beginn nicht grundlos vorangestellt worden ist. Zu Camille Saint-Saëns "Danse Macabre" (1875) schlagen diese Wesen Loopings, hüfen und fliegen umher, mal in geordneter, schwungvoller Linienform, mal in einem wilden Durcheinander, mal als breiige, sich formlos gebende Masse.
Minimalistisch gestaltete Hintergründe, die meist bloß mit Nebelschwaden, Wolkenschichten und Sternen auskommen (eine Kirchenturm-Nummer bietet die auffälligste Ausnahme), sorgen für ein sehr übersichtliches, einheitliches Bild, das dennoch genug Assoziationen weckt, um als Landschaft im weitesten Sinne wirken zu können.
Hier gehen die recht detaillierten Figuren und Landschaften eine wirksame Verbindung mit den abstrakten Formen eines Walter Ruttmann ein, wobei es zu den schwächsten Momenten gerade dann kommt, wenn McLaren zu sehr ins detail geht: vage angedeutete Gesichter, Fledermäuse, Glocken und ein Hahn gehören - wie die lachende Sonne in der letzten Einstellung - zu den schwächsten Momenten der ansonsten herausragenden Perle. Gezeichnet hat diese Objekte Norman McLaren - und zwar (wie er es mehrfach gemacht hat) direkt auf das Filmmaterial selbst. Die sich weitestgehend aus Rot und Grün zusammensetzenden Farben schaffen in Verbindung mit vielen verschiedenen Bildschichten einen zusätzlichen Reiz, verleihen sie dem Ganzen bisweilen doch eine in Anbetracht der Zweidimensionalität der Liniengebilde irritierende Tiefenwirkung.
"Spook Sport" behält den erzählerischen und abbildenden Aspekt der "Silly Symphonies" bei, spielt wie diese auch mit den Mitteln des Mediums und der Dehn- und Verzerrbarkeit der Objekte, spitzt all dies aber so gut wie möglich auf die reinen, absoluten Formen und Farben des Avantgardekinos zu. Sowenig Details wie möglich, und soviel Details wie nötig zeigend, ist diese Schnittstelle aus "absolutem Film" und Cartoon überaus faszinierend; auch musikalisch ein Hochgenuß, in seiner Machart ziemlich experimentierfreudig - kein Wunder, dass das Werk zum erfolgreichsten Film Butes und McLarens geworden ist. (Wenn auch nicht zwangsläufig ihr bester - McLarens ungeheuerlich schöner "Pas de deux" (1968) und sein beschwingt-alberner "Boogie-Doodle" (1948), ebenfalls direkt aufs Filmmaterial gekratzt, konkurrieren ebenso wie Butes derilierender Geniestreich "Synchromy No. 2" (1935) oder ihr farbenfroher "Mood Contrasts" (1956).)
9/10