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Lord Alan Cunningham (Anthony Steffen) ist seit dem Tod seiner Frau Evelyn wie in Trance. Er lockt junge Frauen auf seinen abgelegenen Landsitz um sie zu foltern und schließlich zu töten. Sein Verwalter weiß davon und erpresst ihn. Als Alan auf einer Party anlässlich der Restaurierung des Herrenhauses die anziehende Gladys (Marina Malfatti) kennen lernt steht ihre Liebe von Anfang an unter keinem guten Stern: Es kommt im Park des Anwesens zu einigen makabren Greueltaten und Alan entdeckt immer mehr Hinweise, die darauf hin deuten, das Evelyn ihrer Gruft entstiegen ist und sich nun an ihm und ihrer Nachfolgerin rächen will…

„Die Grotte der vergessenen Leichen“ wie dieser Film bei seiner deutschen Kinoauswertung gewohnt reißerisch betitelt wurde, ist weniger ein stilechter Giallo-Thriller denn viel mehr ein mystisch angehauchter Krimi, der aus seiner spekulativen Gesinnung von Beginn an keinen Hehl macht. Bereits in den ersten Minuten geht Regisseur Miraglia ohne Umschweife zur Sache und lässt seinen Protagonisten genüsslich eine nackte Prostituierte auspeitschen. Doch sicherlich ist gerade diese unverblümte Art, in der die Regisseure des italienischen Genre-Films dem geneigten Betrachter offenherzig die Hand reichen, ein Hauptgrund dafür warum diese Sparte auch heute noch eine große Gemeinde eifriger Verfechter besitzt und immer wieder auch ein jüngeres Publikum für sich begeistert. Die Umschreibung „ehrlicher Kommerz“ kommt einem in den Sinn. Dies ist hier aber spezifisch auf die eher schmuddeligen (und zahlreicheren) Vertreter des Giallo anzuwenden. Die höchst artifiziellen, abgründigen Blut-Ornamente eines Dario Argento treffen bereits ein breiteres und anderes Publikum.

Jedenfalls ist es eben jene Bekenntnis zu reißerischer Exploitation, die Miraglias Film so sympathisch und unterhaltsam macht. Denn rein objektiv betrachtet ist „La notte che Evelyn rusca della tomba“ zumindest dramaturgisch alles andere als geschickt gestaltet. So setzt die Regie zwar permanent auf Atmosphäre doch ein konstant wachsender Spannungsbogen entfaltet sich im Grunde nicht und das Potential der kleinen aber feinen Geschichte und der eindrucksvollen Locations wird bei weitem nicht ausgeschöpft. Doch das hat zumindest mich nicht wesentlich gestört denn die reizvolle Verknüpfung von schmierigen und mystischen Szenarien (eine Sequenz, in der die nackte Emily in Zeitlupe durch den nebligen Park läuft, wird dankenswerterweise des Öfteren wiederholt) hilft auch über die Durchhänger hinweg, die den Film zu mittlerer Laufzeit ereilen, als Alan und Maria heiraten und ihr gemeinsames Leben im Herrenhaus beginnen. Auch wird man völlig darüber im Dunkeln gelassen, ob Alan Evelyn, welche ihn betrogen hatte, auch getötet hat oder ob ihr Tod tatsächlich zufälliger Natur war. Überhaupt ist das Motiv des gefolterten Folterknechts inhaltlich das interessanteste an Miraglias Film: Das dem italienischen Genre-Kino eigene Antihelden-Schema wird hier auf die Spitze getrieben und seinen geringen Wert als Spannungskino bezieht „The night Evelyn came out of the grave“ überwiegend aus der Frage nach der Identität der schwarzen Seele, welche danach trachtet, den seelisch und moralisch nicht minder schwarzen Lord Cunningham in den Wahnsinn zu treiben.

Kenner des italienischen Trivial-Kinos werden mir darüber hinaus vermutlich johlend zustimmen, wenn ich behaupte, dass die richtige Besetzung auch schon einiges wett machen kann. Und wer schon einmal einen längeren Ausflug in dieses aufregende Universum unternommen hat wird sofort diverse Lieblinge wieder entdecken und sich an ihren Darbietungen, seien sie nun darstellerischer oder optischer Natur, ergötzen. Anthony Steffen war sonst eher bekannt für seine Italo-Western („Django und die Bande der Bluthunde“) und liefert hier eine Art Prototyp für den nekrophilen Frank aus Joe D'Amatos Jahre später entstandenem Exploitation-Meisterwerk „Buio Omega“. Zu Marina Malfatti und Erika Blanc sollte im Grunde nicht mehr viel zu schreiben sein, doch der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass sie beide zu den ungekrönten und vergessenen Prinzessinnen des europäischen und insbesondere italienischen B-Kinos gehörten. Erika Blanc die auch hier mit ihrer eigenwilligen Schönheit entzückt war unter anderem amüsanterweise zusammen mit Giacomo Rossi-Stuart („Die Mörderbestien“), der hier in einer Nebenrolle zu sehen ist, in Mario Bavas wundervollem „Operazione Paura“ sowie ohne ihn in „Hexen geschändet und zu Tode gequält“ sowie einigen Italowestern, u. a. „Im Staub der Sonne“ zu sehen, Marina Malfatti konnte man in unzähligen Gialli und Thrillern wie etwa Umberto Lenzis „Sette orchidee macchiate di rosso“ oder Emilio Miraglias „Horror House“ bewundern. Enzo Tarascio ist ebenfalls hinreichend aus ähnlich gelagerten Filmen wie „L’etrusco uccide ancora“ bekannt.

Für echte Italoploitation-Genießer wie mich sollte demnach schon alleine die großartige Besetzung Grund genug sein, sich die Hände an diesem Streifen schmutzig zu machen. Erika Blancs unglaublicher Striptease-Tanz, in dem sie einem Sarg entsteigt und zu Bruno Nicolais fetziger Sleazy-Listening-Musik die Hüften schwingt- Kult as Kult can, I promise!. Bühnenbildner Lorenzo Baraldi trägt seinen Teil zur matschigen Optik bei, indem er versucht, gothische Stilelemente in zeitgenössische Dekors zu integrieren (Wer sich für derartig extravagant-schräge Ausstattungen interessiert sollte unbedingt zum Wallace-Film „Das Geheimnis der weißen Nonne“ greifen- Ein El Dorado!). Das sieht zwar nicht immer überzeugend aus, fügt sich aber sehr schön in das pikant schundige Gesamtbild ein. Und wer bei all dem Sleaze immer noch nicht auf seine Kosten gekommen ist darf sich zumindest am durchaus gruseligen Finale erfreuen, wenn auch einige Effekte recht abgedroschen und trashig wirken (würden sie’s nicht tun, es wäre ein Wunder).

So bleibt ein Film zurück der zwar kaum durch Spannung oder Tempo, wohl aber durch eine geballte Ladung Sleaze, naiv inszenierte und nicht selten misogyne Gewalttätigkeiten und handwerkliches Geschick unterhält und somit durchaus einen gewissen Kultfaktor besitzt. Da ich als recht erfahrener Italophiler doch etwas mehr erwarte, handelt es sich hierbei für mich „nur“ um einen ordentlichen Grusel-Trasher. Wer Filme wie „Buio Omega“, „Die Mörderbestien“ oder „New York Ripper“ auch ohne ihre drastischen Gore-Szenen lieben würde, kann unbesorgt die Hand hiernach ausstrecken

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