Die Mitglieder der "Geographic Society" planen und unternehmen eine Reise zur Sonne. Natürlich geht das nicht ohne Schwierigkeiten und Rückschläge vonstatten.
Dass George Méliès einer der großen Pioniere der Filmhistorie ist, ist unumstritten. Warum das so ist, zeigt der Meastro in diesem für mein Empfinden unglaublich aufwändigen 20-Minüter. Auf YouTube fehlt der seinerzeit im Kino anwesende Ausrufer, der die Szenen für das Publikum kommentiert hat, es ist also ein bisschen Aufmerksamkeit für dieses Kleinod erforderlich. Und da diese Version keine Musik enthält, die wurde damals ja live am Piano gespielt, habe ich für mich im Hintergrund einfach die Musik von Buster Keatons The General laufen lassen, was erstaunlich gut gepasst hat.
Méliès betreibt hier für das Entstehungsjahr 1904, bewegte Bilder waren immerhin kaum 10 Jahre alt, einen unglaublichen, fast schon monumentalen Aufwand. In den Szenen tummeln sich unzählige Darsteller:innen, es gibt mehr als 20 unterschiedliche Szenenbilder, für die jeweils teils sehr breite und bewegliche Hintergründe gemalt wurden, überall sind Türen oder bewegliche Teile integriert und es gibt für große "Außenaufnahmen" sogar ein paar Miniaturbauten.
Méliès Fantasie und Kreativität scheint keine Grenzen gekannt zu haben. Was er hier aufgefahren hat, ist wirklich höchst beeindruckend und muss sein Publikum in allergrößtes Erstaunen versetzt haben. Man darf nicht vergessen, dass der Traum vom Fliegen erst 1903, also nur ein Jahr vor diesem Meisterwerk, durch die Gebrüder Wright wahr geworden ist und Flüge ins All reinste Science Fiction war.
Visionär ist aber die Art der Rückkehr auf die Erde, denn es kommt ein Fallschirm zum Einsatz und die auch heute noch übliche Landung im Meer. Hier wird dann gleichermaßen geprotzt wie bei den Szenen auf/in der Sonne, denn Méliès präsentiert uns einen Kraken (Yeah!) und eine ordentliche Explosion.
Darüber hinaus strotzt das Werk nur so vor charmantem Witz. Da wird ein überdimensionierte Gefrierschrank mit zur Sonne genommen, auf der Sonne wird mit Feuerstein und Stahl Feuer gemacht, Züge fliegen, Krankenhäuser liegen direkt neben einem Bahnhof und natürlich hat die Sonne, genauso wie im geistigen Vorgänger Die Reise zum Mond ein Grimassen schneidendes Gesicht.
Selbstredend herrscht hier überall krasses Overacting. Da werden Arme und Beine durch die Gegend gewirbelt, beinahe schon getanzt, anstatt gelaufen, aber Schauspielerei funktionierte Anfang des 20. Jahrhunderts einfach noch anders als in späteren Jahrzehnten. Und es ist auch überaus witzig anzuschauen.
Immer mit Blick auf das Entstehungsjahr 1904, passt hier absolut alles. Überbordende Fantasie trifft auf grenzenlose Kreativität und heftigen Aufwand. Méliès hat hier ein Meisterwerk geschaffen, dass die Menschen von 1904 in großes Erstaunen versetzt haben muss. Ich kann mir die Begeisterung im Vorführraum regelrecht vorstellen, immerhin bin ich 122 Jahre später auch restlos begeistert!