Review

Beautiful Boxer

Der Veröffentlichungszeitpunkt war sicherlich etwas verdächtig. Es herrschten neue Goldgräberstimmung und Muay Thai Hysterie im Zuge des Wahnsinnserfolges „Ong Bak“. Und die Trittbrettfahrer sprangen auf, massenhaft. Selbst die ganz Lahmen. Für den wunderbaren BEAUTIFUL BOXER ist diese Vorgeschichte nicht unwesentlich, und ganz sicher wurde über den Trend auch Interesse in Richtung dieses preisgekrönten Dramas kanalisiert. Dennoch muss sich Regisseur Ekachai Uekrongtham für sein feines Werk den Exploitation-Vorwurf ganz sicher nicht annehmen.

Keine Arena für Scharade

Nong Toom, der titelgebende BEAUTIFUL BOXER, absolviert einige heftige, furios choreographierte Fights vor tobenden Rängen. Es sind jedoch die inneren Kämpfe seines Protagonisten, denen sich Ekachai Uekrongtham vordergründig und mit zweifellos aufrichtigem Interesse widmet. In einem episch gesteckten und wunderbar fotografierten Rahmen versucht er den lebenslangen Widerstreit in der Seele des Thai-Boxers nachzuvollziehen, einer Seele, die im falschen Körper steckt. Über seine Thaibox-Karriere, so plant es Nong Toom, möchte er die kostspielige Geschlechtsumwandlung finanzieren. Damit hat er sich auf eine Herausforderung eingelassen, deren Verlauf er – all seinen herausragenden Skills zum Trotz – er kaum gewachsen ist.
Deutlich stellt BEAUTIFUL BOXER heraus wie sehr die Entwicklung seiner Karriere und seines Images als transsexueller Box-Champ den jungen Nong Toom überrollt. Seine Popularität wirft ihn in einen Strudel öffentlicher Kontroverse, in der er mit Vorwürfen konfrontiert wird, über die er seinen Lebtag noch nicht nachgedacht hat, die aber nichtsdestoweniger zu seiner anhaltenden Konfusion addieren. Ist das alles nur skrupelloses Marketing? Und fügt er, eine nichtsnutzige Schwuchtel, dem Ansehen des Königreichs und des thailändischen Boxsport tatsächlich erheblichen Schaden zu? Er hat viele Fans. Doch immer heftiger schlägt ihm auch offener Hass und geiferndes Unverständnis entgegen. Die Anfeindungen kommen von allen Seiten und er muss sich auch in dieser Arena bewähren, so wie er es trainiert hat. Deckung hoch und durch. Er hat ja ein Ziel vor Augen.

Seinen für mich bedeutsamsten Moment reserviert sich BEAUTIFUL BOXER, der in seinem Verlauf an mitreißenden, hoch dramatischen Höhepunkten gewiss nicht geizt, bis zum Epilog. Nong Toom, die sich bereits vor ihrer erfolgreichen Operation aus dem Boxgeschäft zurückgezogen hatte und nun eine einträgliche Modell-Karriere verfolgt, erscheint in wallendem weißen Kleid auf einer Muay Thai Meisterschaft für Junioren. Es ist ein großes Volksfest in Chiang Mai, der wichtigsten Metropole Nord-Thailands. Sie, die berühmte Tochter der Stadt, ist Ehrengast der Veranstaltung. Als sie einen jungen Kombattanten gewahrt, der nicht nur Nong Tooms charakteristische Choreographie bei der Erwärmungszeremonie nachahmt, sondern – sichtlich von seiner Rolle irritiert – auch dickes Make-Up aufgetragen bekommen hat, schreitet sie dem Kind mit einem Taschentuch zur Hilfe. Sie wischt ihm das knallige Rot von seinen Lippen. Der Junge lächelt dankbar. Sei du selbst, flüstert sie ihm zu – doch nicht nur dies ist ihre Botschaft. Ganz besonders deutlich an dieser Stelle verwahrt sich BEAUTIFUL BOXER gegen die Vereinnahmung durch einen nicht zuletzt auch in der Filmindustrie Thailands immer gravierender gewordenen Trend, Transsexualität und Homosexualität als so etwas wie eine thailändische Folklore zu vermarkten. So sind Werke wie „Spicy Beauty Queens in Bangkok“ und „Iron Ladies“ (spätestens ab dem Sequel) nur noch tortiges Kasperletheater, das dieses Thema hinter aufgesetzter Toleranzbotschaft hemmungslos ausschlachtet. Ganz unabhängig davon, dass zumindest auch letzterer genau wie BEAUTIFUL BOXER auf realen Personen und verbrieften Geschichten beruht.

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