„Out of Reach“ wurde kostengünstig in Osteuropa gedreht, “direct to Video“ veröffentlicht und präsentiert den alternden und noch immer etwas übergewichtigen Steven Seagal als Ex-Geheimdienstler sowie ökologisch korrekten „Naturburschen“ … alles Tatsachen, welche die Alarmsirenen eines jeden Fans gewaltig zum heulen bringen müssten. Objektiv betrachtet ist der Film letztendlich jedoch kein Totalausfall wie etwa „Out for a Kill“ geworden – aber noch immer unterdurchschnittlich, da die Actionelemente (und jene sind es doch, die man in einem Werk dieses Hauptdarstellers sehen will) einfach viel zu rar gesät sind und man vor allem am Skript eigentlich kein gutes Haar lassen kann…
Einst bei seinen Arbeitgebern in Ungnade gefallen, hat der ehemalige Regierungsagent William Lancing (Seagal) mit seiner geheimnisvollen Vergangenheit abgeschlossen und sich für ein ruhiges Leben in unberührte Wälder zurückgezogen, wo er die Zeit hauptsächlich damit verbringt, kranke Tiere zu verarzten oder seiner Brieffreundin Irina (Ida Nowakowska), einem 13-jährigen Weisenkind in Polen, zu schreiben. Als ihn seine ehemalige Behörde jedoch eines Tages aufspürt, wird Irina fast zeitgleich zusammen mit einigen anderen Mädchen unter dem Deckmantel eines Förderprogramms von dem Unterweltler Faisal (Matt Schulze) entführt, so dass sich Lancing nach dem Überwältigen der entsandten Männer umgehend nach Osteuropa aufmacht.
Zusammen mit der einheimischen (und bildhübschen) Polizistin Kasia Lato (Agnieszka Wagner) sowie einem schweigsamen Jungen kommt er schließlich einem internationalen Mädchenhändlerring auf die Spur, welcher seine minderjährige „Ware“ über das Internet in Form von Auktionen anbietet. Doch inzwischen sind ihm auch die Geheimdienstler gefolgt und schließen sich mit Faisal zusammen, um den abtrünnigen Agenten endgültig aus dem Verkehr zu ziehen, da es zwischen ihnen noch einige „lose Enden“ auszumerzen gilt…
An der Inszenierung des aus Hongkong stammenden Regisseurs Po-Chih Leong, dessen erstes englischsprachige Werk immerhin der stimmige Vampirfilm „Immortality: the Wisdom of Crocodiles“ war, gibt es eigentlich nicht viel auszusetzen. Die Umsetzung ist absolut solide und macht, im Gegensatz zu Seagals letzten Polen-Ausflug („Out for a Kill“), guten Gebrauch der teils schönen und imposanten Architektur Warschaus – vor allem das weiße Gebäude, in welchem Faisal residiert und der Showdown stattfindet, ist ein optischer Genuss, welchen man ins rechte Bild zu rücken wusste.
Nein, das Problem von „Out of Reach“ liegt woanders: Es ist zweifellos das Drehbuch, welches aus der Feder von Trevor Miller („Into the Sun“) stammt und nie eine derartige Umsetzung hätte erfahren dürfen – als „großer TV-Roman“ (mit Abminderung des ohnehin nicht sehr hohen Härtegrades) wäre die Story um Brieffreundschaft und Menschenschmuggel mit Weisenkindern besser aufgehoben gewesen, nicht aber als Seagal-Vehikel für jene Art von Fan-Gemeinde.
Abgesehen davon, dass die Story vollkommen banal und kaum ausgereift wirkt, bietet sie nur wenige Ansätze für Spannungs- oder Actionsequenzen, wie man sie eigentlich von einem solchen Werk erwarten dürfte: Die Auseinandersetzungen kann man an einer Hand abzählen, der allgemeine Verlauf ist zäh und wartet mit etlichen Längen auf. Erst die letzten 15 Minuten erinnern den Zuschauer daran, dass man sich hier nicht einen TV-Krimi, sondern einen Film mit Action-Haudegen Seagal ansieht – und so darf sich unser Held dann noch mit Schrotflinte und Pistolen seinen Weg durch eine ausufernde Bordell-Schießerei bahnen sowie im Anschluss seinen Gegenspieler Faisal im Innenhof dessen Residenz zum Schwertkampf bitten. Das Problem ist nur, dass diese Szenen einfach zu kurz geraten sind – meist ist die Sache in wenigen Sekunden geklärt. Man mag argumentieren, dass das so realistischer sei, doch zur Entschädigung für die übrige Langeweile nützt das auch nichts. Seagals Aikido ist langsam und unspektakulär, was vielleicht an dem noch immer vorhandenen Übergewicht liegt. Den Umgang mit dem Schwert beherrscht er jedoch eindrucksvoll – gut, dass man diese Tatsache bei seinem nächsten Projekt („Into the Sun“) stärker berücksichtigte.
Über die Darsteller sollte man lieber nicht allzu viele Worte verlieren: Steven agiert auf Autopilot, sein Gegenspieler Matt Schulze (“Blade 2“/“the Transporter“/“Torque“) wirkt wie ein zweitklassiger Russell Crowe und hat zudem arg mit miesen Sätzen wie „Pain ist your friend – learn to love pain, and it will set you free“ zu kämpfen. Ida Nowakowska als Irina ist eigentlich ganz okay, alle anderen sind nicht der Rede wert.
Man erwartet von einem Streifen dieser Art ja gar keine Offenbarungen, doch das Drehbuch hätte die Beteiligten eigentlich abschrecken müssen – schon auf den ersten Blick fallen alle Elemente förmlich in sich zusammen: Man erfährt nie, warum der Geheimdienst Lancing ausschalten will, und auch Faisals Hintermänner bleiben bis auf einen kurzen Moment vollkommen im Dunkeln. Die Dialoge sind entweder schwach oder unfreiwillig komisch – mein Lieblingsbeispiel: Irina wird von einer Wache im Keller gefangen gehalten, während oben eine Party stattfindet. Eher beiläufig fragt sie ihren Bewacher "Why are you not invited to the party?", worauf der einen Wutanfall bekommt und schreit "Stop trying to get inside my head!" ... wow, osteuropäische Menschenhändler sind wohl auch nicht mehr das, was sie mal waren.
Allem Anschein nach dachten die Macher zudem wohl, die Handlung würde sich nicht genügend von selbst erklären, weshalb man nun ständig irgendwelche Gedanken und Erzählungen aus dem Off zu hören bekommt – von Faisal, Irina und Lancing, nur dass Stevens Zeilen gar nicht von Herrn Seagal gesprochen werden! Wahrscheinlich war er während der Post-Production bereits am nächsten Set, weshalb man einfach einen anderen Sprecher beauftragte…
Was könnte man noch so zur Belustigung anführen? Ach ja, Irina hinterlässt Lancing immerzu versteckte Nachrichten – einmal formt sie bei der Party gar einen Code aus Appetithäppchen, welchen er natürlich recht fix entdeckt (kein Buffet scheint vor dem Mann sicher zu sein!). Am Anfang kommt Seagal in ein Postbüro – der Beamte redet ihn mit „Mr. de la Croix“ (vermutlich ein falscher Name zum Schutz seiner Identität) an, drückt ihm aber im Anschluss die deutlich an „William Lancing“ adressierten Briefe in die Hand. An anderer Stelle wird Steven auf der Polizeiwache festgehalten und neben einen PC gesetzt, welchen er gleich beim 1.Versuch mit dem richtigen Passwort knackt, wenig später hilft er einem Experten mal so nebenbei, ein zerstörtes Videoband zu rekonstruieren (in Polen lernen das die zuständigen Profis wohl nicht wirklich). Zusätzlich gibt es dann noch eine brennende Rose von Faisal (Achtung: Symbolik!), dessen Residenz beim Showdown vollkommen unbewacht ist, so dass man einfach durch die offene Tür eintreten kann – und dann noch dieses eingefrorene Schlussbild (man muss es sehen, um es zu glauben)!!! Der Film ist eine wahre Schatztruhe der unfreiwilligen Komik…
Fazit: Mehr Krimi als Actionfilm oder Thriller, hat die solide Inszenierung kaum eine Chance gegen das vollkommen missratene Drehbuch, welches in Verbindung mit schwachen darstellerischen Leistungen eine abschließende „3 von 10“-Bewertung rechtfertigt.