Botschaften aus Fernsehern und Radios rauschen als Echo in die Stratosphäre; auch das Murmeln von Passanten und die Geräusche der Stadt sind zu vernehmen. Ansonsten herrscht Stille. Charles Bronson nimmt die Schleichwege um den lauten Strom des Alltags herum, bückt sich unter dem unvermeidlichen Schall hinweg, um auf seine Arbeit fokussiert zu bleiben, die minutiös in Etappen eingeteilt ist. Handgriff um Handgriff setzt sich die Realität zusammen, mechanisch, unkommentiert, unfragmentiert einen zusammenhängenden Strom bildend, an dessen Ende eine logische Pointe warten muss: Die Erfüllung eines Auftrags.
Obwohl Michael Winner mit den wortlosen ersten 15 Minuten von „Kalter Hauch“ die ersten Takte einer Sonate auf das Einzelgängertum anstimmt, kennt die Filmgeschichte etliche geistige Verwandte des Auftragskillers Arthur Bishop, die viel miteinander zu teilen hätten, wären sie nicht alle so wortkarg. Gerade mit den unergründlichen Protagonisten aus den eigenwilligen Werken Jean-Pierre Melvilles, wie Alain Delon in „Der eiskalte Engel“ (1967), verbindet Bishop so manches.
Oder auch mit einem Gene Hackman in der Rolle des Abhörspezialisten aus Francis Ford Coppolas Paranoia-Thriller „Der Dialog“ (1974). Diese Zeitgenossen eint der Blick auf das Umfeld durch Ferngläser und Zielfernrohre hindurch, sie brechen die bestehende Ordnung in Maßeinheiten auf und überschreiben Emotionales mit kalter Präzision. Was solche Grenzgänger aus dem blinden Fleck der öffentlichen Welt wohl antreiben mag, das ist die beißende Frage, die ihre Geschichten so zeitlos erscheinen lässt, dass sie immer noch in steter Regelmäßigkeit variiert werden – wie zuletzt erst wieder in David Finchers „The Killer“ (2023).
Auch nach der experimentellen Eröffnung bleibt die Handschrift gegen den Strich gerichtet, oder zumindest formell-unterkühlt, womit sie nicht zuletzt die Erwartungen an einen stringenten Bronson-Actionthriller untergräbt und zumindest einen Finger nach einem Arthaus-Publikum ausstreckt. Selbst der Unterschlupf des Protagonisten ist ein architektonischer Widerspruch: Einerseits durch Panoramafenster offen wie eine Zielscheibe, andererseits durch die dunklen Holztäfelungen und vielen Pflanzen sperrig und labyrinthisch, steckt er voller verräterischer Hinweise auf die Psychologie seines Bewohners und trägt letztlich doch bloß dazu bei, die Spuren in seine Gedankenwelt zu verwischen. Wenn Bronson mit Satin-Bademantel durch die Flure schlurft, Wein trinkt und Höllengemälde von Hieronymus Bosch studiert, lassen sich damit nur vage Anhaltspunkte über den Profi in Erfahrung bringen, der sich auch im weiteren Verlauf der Handlung wie ein Chamäleon seiner feindseligen Umgebung anpasst, als er moralische Grenzen überschreitet, um seine eigene Existenz zu rechtfertigen.
Der Mord als eine Form des Tötens, die sich vom Handeln der Politik und der Justiz lediglich durch die fehlende Lizenz unterscheidet, führt als Leitmotiv um die Eckpfeiler des Drehbuchs. Eine Umkehr des James-Bond-Credo „License to Kill“ also sorgt für den existenziellen Unterbau, der darin besteht, etwas Institutionalisiertes im Dasein des Killers aufzudecken, etwas, das sich womöglich sogar in einem sozialen Rahmen reflektieren ließe, irgendwo zwischen Sonntagszeitung und Morgenkaffee.
Anders als vergleichbare Werke, die ihre Hauptfigur mit zunehmendem Handlungsverlauf bis zur unvermeidlichen Eskalation isolieren, müht sich das Skript von „Kalter Hauch“ deswegen schon im Aufbau darum, diesen sozialen Aspekt zu betonen. Jan-Michael Vincent wird also zum Co-Star neben Bronson ernannt, so dass im weiteren Verlauf die Zusammenarbeit zweier Vertreter eines Berufsstands in die Wege geleitet werden kann, in dem normalerweise alleine operiert wird.
Während Autor Lewis John Carlino im Originalentwurf mit dem Aspekt der Homosexualität ein unzweifelhaftes Motiv für die ungewöhnliche Zusammenkunft anbietet, möchte sich die Verfilmung scheinbar in keinerlei Hinsicht festlegen. Nicht, dass Homoerotisches nicht trotzdem mitschwingen würde, was wohl einerseits an Jean-Michael Vincents preziösem Spiel im Kontrast zu Bronsons verhärteter Erscheinung liegt, andererseits aber vielleicht auch daran, dass es schlichtweg die beste Erklärung für das Handeln der Figuren zu sein scheint, welche ansonsten nicht genug Motivation liefern, um schlüssigere Interpretationen zu begünstigen. In das naheliegende Mentoren-Verhältnis wird nicht genug investiert, als dass es der Schlüssel zum Verständnis der Beziehung zwischen den Killern sein könnte; selbst an das Rache-und-Buße-Motiv, das in einer frühen Sequenz praktisch auf dem Silbertablett präsentiert wird, möchte man nicht so recht glauben, erschiene es doch zu simpel als Erklärung für etwas, das auf etwas weitaus Tieferes eingeschossen scheint.
Die Unentschlossenheit bei der Ausrichtung der Hauptfiguren hätte mit einem Plan im Hinterkopf die Spannung noch erhöhen können. Weil sie aber eher aus kommerziellem Kalkül geboren ist als aus der Inspiration des Autoren, rächt sich die Richtungslosigkeit spätestens im Mittelteil und in der Schwebe vor dem Finale. Obgleich eine gewisse Form des Suspense im stummen Aufbau des Klimax schlummert, versäumt es Winner nach der packenden ersten Viertelstunde, Scheite nachzulegen, um seine Figuren frühzeitig in eine bestimmte Richtung zu lenken und die Ereignisse gezielt anzutreiben. Die Handlung wird stattdessen mit redundant wirkenden Exkursen um Karatekurse, Schießübungen, Clubbesuche und ewig lange Momente des Wartens gestreckt. Salopp gesagt sieht man zwei Killer, die verschiedene Freizeitaktivitäten ausprobieren, um ihre Methodik einander anzugleichen. Der Ertrag dieser Sequenzen ist eher überschaubar; es handelt sich vielmehr um repetitive Manöver von dramaturgisch fragwürdigem Wert, die letztlich folgerichtig zu einem Durchhänger führen.
Handwerklich weiß „Kalter Hauch“ solche Mängel mit einigen Vorzügen auszugleichen. Bei der Exekution eines Opfers in den Dünen spielt die Kamera vorzüglich mit den minimalistischen Lichtverhältnissen und schöpft dabei Eindrücke wie aus dem Marlon-Brando-Entführungsthriller „Am Abend des folgenden Tages“ (1969) von Hubert Cornfield, der seine Stärken auch eher in der Fotografie ausspielte, weniger im Inhaltlichen.
Motorradstunts, Tauchgänge und ein Finale im mediterranen Ambiente von Neapel machen die impliziten Bond-Anleihen auch äußerlich spruchreif, und ein Abschnitt auf einer Landstraße scheint direkt an „Kalter Schweiß“ (1970) angelehnt zu sein; ein namentlicher Bezug, den der deutsche Verleih wohl auch nicht zufällig hergestellt hat. Und am Ende des Abends hat man auch so manches eindrucksvoll in die Luft fliegen sehen. Winner wird den ursprünglichen Erwartungen an einen geradlinigen Thriller letztlich doch noch in einigen Aspekten gerecht, bis hin zu zwei raschen Wendungen am Ende, die Effekt vor Substanz stellen und sich auf diese Weise doch mit einem lauten Knall aus der Affäre ziehen.
Unter den Bronson-Vehikeln gehört „Kalter Hauch“ unter dem Strich sogar zu den besonders memorablen Einträgen. An stylischen Posen und lässigen Auftreten mangelt es dem Hauptdarsteller jedenfalls nicht, zumal Winner immer mit einem Auge so inszeniert, als befänden wir uns in einem Spaghettiwestern, der sich über lange Distanzen definiert. Ergänzt um einen Jan-Michael Vincent, den man nicht einmal ignorieren könnte, wenn man wollte, hätte „Kalter Hauch“ durchaus das Zeug zum Klassiker gehabt… wären doch nur einige inhaltliche Aspekte noch konsequenter und mutiger ausgespielt und die nervöse Anspannung der stummen Einleitung über die gesamte Laufzeit konserviert geblieben.