Review

„Des Waldes Dunkel zieht mich an,
doch muss zu meinem Wort ich stehn,
und Meilen gehn,
bevor ich schlafen kann;
Meilen gehn,
bevor ich schlafen kann!"


Mit Hilfe dieses Verses kann der sowjetische Flüchtling Nicolai Dalchimsky [ Donald Pleasance ] eine Reihe von willenlosen Saboteuren in den USA aktivieren. Der KGB entsendet mit Major Grigori Borzov [ Charles Bronson ] ihren besten Mann in die Staaten, um einen vergeltenden Atomkrieg zu vermeiden...

Don Siegels nächster Ausflug in das Genre der Spionagefilme nach Die Schwarze Windmühle sollte wiederum weder bei Publikum noch den Kritikern der Erfolg beschieden sein, den seine Polizeifilme erhielten. Stellt sich aber dennoch als zumindest durchweg unterhaltsame Arbeit da, auch wenn man wegen der präsentierten Geschichte öfters schlucken muss.
Die Prämisse mit den Schläfern im feindlichen Land klingt zwar ansprechend, bekommt aber keinerlei logischen Unterbau verpasst. Weder wird die Methode näher erläutert noch auf wenigstens einen der so abgerichteten Personen näher eingegangen. Man weiss nur, dass die Операция: телефон während des Kalten Krieges nach den ersten Lockheed U-2 Aufklärungsflügen in die Sowjetunion eingeleitet wurde, also Mitte 1956.
Zur Gegenwehr dieser alliierten Beobachtungsmissionen haben die Russen ein Netzwerk der besten Geheimagenten aufgebaut, sie mit der Identität von amerikanischen Toten ausgestattet, auf das dortige Leben gedrillt, mit dem Gedicht von Robert Frost als Code auf ihre Aufgabe gepeilt und sie dann in die Vereinigten Staaten verteilt. Wo sie sich die nächsten zwanzig Jahre wie ganz normale Menschen wie du und ich verhalten, gar nichts von ihrer Herkunft wussten und sobald das Telefon schellt und der Text durchgegeben wird, auf Tod programmiert sind.

Das Interessante an der ganzen Sache und zugleich auch das Gefährliche ist ja, dass der Täter bis zur Tat nicht erkennbar ist und deswegen so bedrohlich. Die Verstrickung kommt erst im letzten Moment der Ausführung zum Vorschein; dort wird er wie ein Werkzeug per Fernbedienung gelenkt, sein Unterbewusstsein und damit freier Willen sind ausgeschaltet. Es sind menschliche Zeitbomben, die sich vorher nicht verraten oder stellen können, weil sie selber nichts mehr von allem wissen und ohne den Anruf auch nie etwas tun würden.
Sobald sie den Text hören, rasen sie mit vorbereiteten Bomben in Stützpunkte voller Nervengas oder fliegen auf eine Marinenachrichtenstation zu und bringen so durch Kamikazeaktionen die gegnerischen Einheiten zu beträchtlichen Schaden. Leider sind die Ziele nunmehr meist veraltet oder gar nicht mehr im Betrieb, man kämpft quasi gegen den Lauf der Zeit und damit die eigene Vergangenheit an.
Wie die ganzen Attentate mal ausgearbeitet und präpariert wurden wird leider nicht erzählt; weder wie man es geschafft hat, selbst in den Staaten das entsprechende Rüstzeug für die Operationen solange vorrätig zu halten noch die Gehirnwäsche näher wird betrachtet. “Drogenunterstützte Hypnose“ fällt als einziges Stichwort und dabei wird es auch belassen. Wie die Schläfer es schaffen, den Einstieg in ein komplett neues Leben in einem noch dazu ganz anderen Land ohne Aufsehen zu erregen - obwohl ihnen vorher das Gehirn kräftig gewaschen wurde - dann auch vollkommen von der Antwortliste gestrichen.
Man hätte ja mal gerne gesehen, wie sie beim ersten Teilnehmen im Strassenverkehr mit Ampeln, Strassenbreite und Powerbrakes zurande kamen. Aber da sich von Seiten Skript und Regie nicht einmal darum gekümmert wird, warum Dalchimsky jetzt Blut übers Land verteilen will, soll man diese Punkte vielleicht am besten ebenfalls ignorieren und sich dem gegebenen Rest widmen.

Die Idee für die ganze Geschichte kommt aus der gleichnamigen Novelle von Walter Wager [ DT: „Krieg per Telefon“ ], woraus Peter Hyams dann das Drehbuch formuliert. Wager, dessen „Rothaut in Viper 3“ die Grundlage für Robert Aldrichs politische splitscreen - Extravaganz Ultimatum darstellte und mit „58 Minuten Angst" nicht wirklich gerechtfertigt die Vorlagennennung für Renny Harlins Stirb langsam 2 bekam, ist ein eher mittelmässiger Autor. Die Bücher sind schon nach kurzer Zeit allesamt veraltet und lesen sich wirklich genau wie es die Entstehungszeit vorgibt. Also sehr nach typischen 70er Jahre Kino, vorzugsweise Katastrophenfilme: Viel Dramolett, massig Figuren mit eigenen Problemen abseits der Krise, eher bieder und unauffällig geschrieben.
Hyams kürzt das Drumherum, konzentriert sich auf wenige wichtige Personen, stellt die Paranoia - Maschine gleich bei mehreren Parteien auf; lässt aber die unzähligen Orts- und Datumsangaben im Telegrammstil drin. Die das Geschehen zwar alle paar Minuten seine konkrete Beschreibung geben und es antreiben, aber allein dadurch die Handlung nicht wirklich plausibler machen.
Siegels Inszenierung selbst ist auch weder authentisch noch ekstatisch und sorgt höchstens für eine angemessene Umsetzung; die zwar heutzutage kein Aufsehen mehr erregt, aber durch die dargebrachten Mysterien wenigstens für genug Kurzweil sorgt.

Vor allem Zeit- und Lokalkolorit sind toll, alles schön klischeemässig nach Handbuch. Heutzutage vielleicht Stirnrunzeln hervorrufend, aber damals sah man die Welt eben so und in einem Unterhaltungsfilm ist das auch durchaus gestattet; zumal man sogar einige wahre Punkte treffen mag.
Die Uniformen der Rotgardisten sind zwar durchweg nicht akkurat, aber eine Entspannungspolitik erst durch das Säubern von erklärten Stalinisten voranzubringen und – wichtiger – die Produktion von kubanischen Zigarren als Oberst selbst in die Hand zu nehmen traut man auch nur den Bolschewiki zu. Dafür leben die Amerikaner aus grossen Papiertüten und wohnen bevorzugt im Holiday Inn, wo zum Frühstück der Orangensaft gereicht wird.
Borzov bekommt bei seiner Einreise mit seiner für den Aufenthalt zugeteilten „Ehefrau“ Barbara [ Lee Remick ] auch das blond – toupierte Exemplar in Schößchenbluse zugeteilt; das Pärchen geht optisch dann auch schnell als Einheimische aus Pennsylvania durch. Akzent, Gewöhnungsphase, Ortskenntnisse etc. ist genauso wie bei den Schläfern alles kein Problem. Dafür sind sie ja auch Agenten und zumindest Borzov benimmt sich auch mustergültig, hält die Gespräche und die unnötigen Bewegungen knapp, zieht seinen Auftrag wie ein Uhrwerk durch ohne Fragen zu stellen und kümmert sich nur um Essentielles. Barbara dagegen ist das genaue Gegenteil. Sorgt nur für banale Dialoge, schnüffelt sofort, quengelt und hinterfragt Motivationen genau in dem Moment, als Handlungen dringend nötig sind.
„Gitter vor dem Fenster und FBI vor der Tür.“
„Woher weisst du, dass es FBI – Leute sind ?“
„Woher weiss ich, was ein Bär und was ein Schaf ist ?“


Darsteller Bronson sorgt durch seine stoisch - lakonische Art auch für einen grossen Anreiz des Filmes, zumal man ihm die Figur abnimmt und er auch noch sympathisch wirkt, wenn er die Frau zurechtweist. Remick dagegen verspielt ihren wenigen Bonus sehr früh und bekommt auch nie wieder ein Bein auf dem Boden; sie kann hier partout nicht schauspielern. Die spätere Romanze zwischen beiden wirkt auch überhaupt nicht, aber wird zum Glück sowieso nur angedeudet. Pleasance ist ausser Tarnung wechseln und Wählscheibe bedienen arg unterbeschäftigt; auch der Rest der Besetzung hat nicht viel zu tun. Was aber auch daran liegt, dass sich ausser dem Agentenpärchen und ihrem Ziel niemand bewegt; diese durchreisen das ganze Land, was dem Film seine vielen Locationwechsel und damit das Tempo verleiht. Alle anderen sitzen nur rum und bedienen die Computer; Abwehrmassnahmen von seiten der CIA sehen auch nur so aus, dass die Angestellte Dorothy Putterman [ Tyne Daly ] ihren PC „füttern“ und dann den „Apparat fragen soll“. Ohnehin ist die Technik hier schon fortgeschritten, so lässt der Bildschirm nach einem Kuss für Putterman von ihrem Chef doch tatsächlich selbstständig ein Hip Hip Hurray ab.

Auch der Action Director bekam manchmal Grund zum Feiern, allerdings leider zu selten. Abseits des explosiven Einstieges ist nämlich erstmal nicht viel zu tun; was schade ist, denn die erste Detonation nimmt riesige Ausmaße an und verspricht so Einiges. Aber weitere Anschläge zeigt man entweder gar nicht, nur in den Nachrichten danach oder mit Modellen. Erst zum Ende hin gehts wieder etwas mehr in die Vollen; durchaus auch heute noch einen Blick wert.
Der Showdown ist dann zwar sehr klein, aber gerade deswegen nicht gleich unspannend geraten.
Trotzdem hätte man von Siegel, Hyams und Bronson mehr erwartet; etwas, dass nicht so viele Fragen aufkommen lässt und etwas mehr Druck entwickelt. Aber vielleicht beim nächsten Gespräch.

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