Mitte der 70er war Charles Bronson längst zu einem der kassenträchtigsten Stars avanciert, dem auch Kontroversen a la „Death Wish“ nicht mehr auf die Dauer schaden konnten. Sein wortkarger harter Mann bzw. schweigsam-brutaler Killer war in aller Munde – insofern ist es ein wahres Vergnügen, ihn in „Nevada Pass“ zu sehen, einem für ihn eher ungewöhnlichen Film, in dem er relativ zurückhaltend agiert.
Das liegt daran, daß es sich, wenn auch pure Unterhaltung, bei „Breakheart Pass“ (so der Originaltitel) um eine Literaturverfilmung von Alistair MacLean handelt, der hier seinen Bestseller gleich selbst in ein Drehbuch umwandelte. Und ein gewisser zusätzlicher Reiz geht davon aus, daß es sich um ein eher seltenes Konglomerat von Krimi, Verschwörung und Western handelt, eingebettet in ein „Closed Room Mystery“ – einen Thriller auf engstem Raum, eben einer alten Dampflok, die um die Jahrhundertwende durch die Wildnis einem ungewissen Schicksal entgegen rauscht.
MacLean baut seine Story sehr geschickt auf, baut doppelte und dreifache Böden ein und sorgt dafür, daß sich der Zuschauer nie sicher ist, wer nun bei den Guten und wer bei den Bösen ist und was eigentlich alles hinter der Affäre steckt.
Zu Beginn ist es nur ein Medikamententransport per Zug in ein abgelegenes Fort, wo eine Epidemie ausgebrochen sein soll: eine Kompanie Soldaten, ein Gouverneur, eine schöne Frau, ein Marshall, ein Arzt, ein Reverend und dazu ein kurzfristig gefaßter Schwerverbrecher, eben Bronson als der wortkarge John Deacon, der bemerkenswerte Fähigkeiten zu besitzen scheint, obwohl er wegen Mordes gesucht wird.
Erst nach und nach wird enthüllt, was hinter dem Vorfall wirklich steckt, auch wenn schon früh angedeutet wird, daß hier für ein umfangreiches Verbrechen eine große Show inszeniert wird - nur ist lange nicht klar, wer der Anwesenden inwiefern darin verwickelt ist, wem man vertrauen kann und wem nicht.
Rasant angetrieben von Jerry Goldsmiths ohrwurmhaften Filmthema, gibt es in den 95 Minuten dann auch so gut wie keine Verschnaufpause, jede Szene dient im Kontext des Rätsels als ein weiterer Fingerzeig oder Schlüssel und Bronson erhält im weiteren Verlauf dann doch noch Gelegenheit, auch seine physischen Talente auszuspielen, tritt aber nie als gewissenloser Mörder an, sondern stets im Sinne detektivischer Arbeit. Leichte Anleihen bei einem Beinahe-"Closed-Room"-Mystery und dem berühmten Christie'schen "Whodunit" kommen so in diesem Kaltwestern ebenfalls gut zum Tragen.
Schön ausgestattet und die Enge und Dynamik des Zuges sauber ausnutzend, bietet Tom Gries, der zu früh verstorbene abenteuerorientierte Regisseur eine sehr dicht inszenierte Leistung, wobei ihm durch einen erlesenen B-Cast geholfen wird, denn mit Richard Crenna, Ben Johnson, Charles Durning, Jill Ireland und Ed Lauter sind viele bekannte und markante Gesichter dabei, die die Spannung konstant halten können.
Dazu präsentiert der Film dem Zuschauer einige interessante Stunts (u.a. den Absturz einiger Eisenbahnwagen von einer hohen Holzbrücke) und viele schöne Landschaftsaufnahmen von rauher Kälte.
Wer also mal eine Art frühen Agentenfilm im Westernmilieu möchte, der noch dazu ernst und realistisch daherkommt, sollte sich hier dringlichst bedienen, auf Bronsons rauhbeinige Präsenz muß man auch hier nicht dabei verzichten. (8/10)