Sean Penns Regiedebüt kommt keineswegs so großsprecherisch und moralinsauer daher, wie man es vom Frontmann der liberal-gutmenschlichen Hollywood-Heuchelmaschinerie erwarten könnte. Vielmehr erzählt er durchaus subtil und differenziert die Geschichte zweier Brüder, von denen sich der ältere mit dem Leben arrangiert (natürlich ohne damit völlig glücklich zu werden), der jüngere jedoch bitter daran scheitert. Die - sicherlich nicht hundertprozentig glücklich gewählte - zentrale Metapher ist dabei der Indian Runner, der indianische Botschafter, der sich einst, als noch der rote Mann lediglich wenige Flecken der amerikanischen Wildniss besiedelte und der Rest Wölfen und Bären gehörte, unter ständiger Lebensgefahr durchs Dickicht schlagen mußte, um seine Botschaften zu überbringen. Daß genau dies die Situation auch des modernen, "zivilisierten" Amerikaners ist, ist dem jüngeren Bruder (großartig verkörpert durch einen vom schmachvollen Namen "Aragorn" noch unbelasteten Viggo Mortensen) nur allzu klar, so klar, daß er unfähig ist, sich der Verantwortung des täglichen Lebens zu stellen und sich nur noch in Alkohol und Gewaltexzesse flüchten kann. Der ältere Bruder hingegen (ebenfalls solide in Szene gesetzt durch David Morse) hat, bei all seinem gelebten Respekt dem Vater (Charles Bronson, ungewöhnlich bartlos) gegenüber, dessen Geschichten vom Indian Runner niemals so verinnerlicht, daß er an dessen umfassender Sicherheit vor allen Wölfen und Bären Zweifel hegte. Er kommt perfekt mit den Herausforderungen zurecht, weil er sie nicht realisiert, weil erst, als er zu Beginn des Films einen gesellschaftlich akzeptierten Mord begeht, in ihm Zweifel daran aufkommen, ob wir in unserem täglichen Leben vor allen uns umgebenden Wölfen und Bären wirklich so sicher sind oder ob wir, wenn wir dies glauben, nicht längst in Wirklichkeit selbst zu solchen geworden sind, auch wenn wir uns allem Anschein nach (der exzessiv gewalttätige ist schließlich der Aussteiger) nicht wie solche verhalten.
Dennoch führt der Film diese Kontrastierung nicht paritätisch durch, sondern konzentriert sich gerade dadurch, daß der ältere durchweg als Erzähler auftritt, immer mehr auf den jüngeren Aussteiger. Dieser scheint nach einem neuerlichen Aufenthalt im Gefängnis endlich mit dem Leben Schritt halten zu können, arrangiert sich mit seiner Freundin (Patricia "schlag mich, ich bin das Opfer" Arquette, diesmal wirklich himmelschreiend erbarmungswürdig), zieht zurück zu seinem Bruder, arbeitet hart auf dem Bau, bis seine Freundin schwanger wird und es zur Geburt eines Kindes kommt. Da brechen alle alten Ängste wieder auf, Viggo flüchtet in die Kneipe, der große Bruder ihm nach und es kommt zur wirklich beeindruckenden Konfrontation der beiden geschilderten Weltsichten: der Indian Runner ist nun nur noch der Jüngere, der wie Wild gehetzt vor Wölfen und Bären davonrennt und gerade dadurch nicht mit dem Leben Schritt halten kann - an dieser Stelle mit einem guten Schuß bekannter Pennscher liberaler Ideologie: Ist es überhaupt möglich, daß ein anständiger Mensch mit dem Takt Schritt hält, den ihm die "zivilisierte" moderne Gesellschaft aufoktroyiert?
So muß Viggo letztlich davonlaufen, muß in seine alten Gewohnheiten zurückfallen, jedoch nicht ohne Katharsis des Bruders, der ihn - in deutlichem Kontrast zum Anfang des Films - nicht als Sherriff an der Flucht vom Tatort hindert, wie es seine Pflicht gewesen wäre.
Fazit: Große darstellerische Leistungen, nicht unintelligenter Plot, wenn auch nicht 100prozentig klischeefrei und sicher in der Metaphernwahl. 8 von 10.