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„Hier gibt es nichts mehr für mich zu tun.“

Der fünfte und damit vorletzte Einsatz des West-Berliner Kriminalhauptkommissars Friedrich Walther (Volker Brandt) ist zugleich der letzte von Regisseur Wolfgang Staudte („Rosen für den Staatsanwalt“) zu Lebzeiten vollendete Film. Dieser verfilmte ein Drehbuch Heinz-Dieter Ziesings im Sommer des Jahres 1983. Staudtes siebter Beitrag zur öffentlich-rechtlichen Krimireihe „Tatort“ wurde am 5. Februar 1984 erstausgestrahlt.

„Ratten sind keine Menschen!“

Obdachlose und Stadtstreicher (u.a. Hans Helmut Dickow, „Die wunderbaren Jahre“ und Paul Albert Krumm, „Das Stundenhotel von St. Pauli“) finden eine ermordete Frau im Berliner Tiergarten, einem ihrer bevorzugten sommerlichen Aufenthaltsorte. Diese Klientel ist es auch, unter denen Hauptkommissar Walther und sein Assistent Stettner (Helmut Gauß) Zeugen oder gar den Täter suchen. Einer von Ihnen, der nur „Kutte“ (Bruno Hübner, „Ännchen von Tharau“) genannt wird, wirkt während seiner Befragung auf dem Revier sediert und läuft nach seiner Entlassung vor ein Auto, wobei er tödlich verunglückt. Die Nachricht von Kuttes Tod schreckt den Arzt und Forscher Dr. Konrad Ansbach (Armin Mueller-Stahl, „Lola“) auf, der ein Serum zur Behandlung von Leberzirrhosen entwickelt hat, das sich aber noch im frühen Teststadium befindet. Auf Druck seines Bruders Gerd (Hans Peter Hallwachs, „Der Stoff aus dem die Träume sind“) hin, einem Apotheker, der mit dem Serum möglichst bald Geld verdienen will, hatte Konrad das Serum einigen Tippelbrüdern injiziert, ohne dass diese gewusst hätten, ihm als menschliche Versuchskaninchen zu dienen. Doch obwohl weitere Obdachlose das Zeitige segnen, gehen die Versuche weiter…

Wolfgang Staudte war seit „Die Mörder sind unter uns“ Teil des deutschen Gewissens; so überrascht es denn auch wenig, dass er in diesen „Tatort“ einmal mehr scharfe Sozialkritik einbringt. Dass hier ein Arzt seine eigentlich ehrwürdige Forschung beschleunigt, indem er beschließt, dass das Leben alkoholkranker Obdachloser weniger wert als das anderer Menschen und es daher moralisch vertretbar sei, dass sie ihm ungewollt als Testpersonen zur Verfügung stehen, hat mit dem Eid des Hippokrates nicht mehr viel zu tun. Sein Bruder Gerd fungiert dabei als die personifizierte Pharmaindustrie, die, finanziell gutgestellt, von Gier getrieben über Leichen geht und dabei ebenfalls ihren eigentlich Zweck aus dem Auge verliert.

Gerd zieht Vergleiche zur Nazizeit und gibt sich generell sehr zynisch. Konrad und er haben ein gespaltenes Verhältnis zu ihrer Mutter (Tilly Lauenstein, „Das gelbe Haus am Pinnasberg“), was letztlich aber keine allzu große Rolle spielt. Gerds Tanzeinlage mit seiner Angestellten im Wohnzimmer wirkt befremdlich, auf eine eher unfreiwillig komische Weise. Ein gewisser Jesco von Lipinski (Stefan Gossler, „Wasser für die Blumen“) aus Oldenburg will bei der Kripo hospitieren und wird im weiteren Verlauf tatsächlich einige unbequeme Fragen stellen, obwohl die Polizei gar nicht wirklich ermittelt. Staudte ist mehr an anderen Figuren interessiert, versucht, den einzelnen Wermutbrüdern individuelle Züge angedeihen zu lassen und sie menschlicher zu zeichnen, als die Ansbachs sie sehen, und zeigt beinahe dokumentarisch, wie sie Gerd seinem Bruder Konrad zuspielt.

Das ist durchaus ehrenwert, jedoch gelingt es Staudte nicht mehr, es in eine packende Dramaturgie zu verpacken. Aufbau und Dialoge sorgen von Beginn an für einen immensen Informationsvorsprung auf der Publikumsseite, die wiederum keine verbissen ermittelnde Kommissarsfigur zum Mitfiebern erhält. So plätschert die Handlung etwas dröge vor sich hin und lässt – zwischen versierten Schauspielern – den einen oder anderen Darsteller eher Sätze aufsagen denn schauspielern sowie die Kamera immer wieder reichlich statische Positionen einnehmen, bis sich die noch lebenden Obdachlosen im Finale zusammentun und eine dekadente Feier der feinen Herren Ansbach stürmen. Diese (indes sehr gesittete) Invasion reißt das Ruder dann doch noch herum und sorgt für einen versöhnlich Ausgang dieses inhaltlich ambitionierten, sozial warmherzigen, aber vor allem dramaturgisch schwächeren „Tatorts“, der immer noch gehaltvoller als manch Konkurrenzprodukt ist, aber sicher nicht zu Staudtes besten zählt.

Dennoch: Danke für alles, Wolfgang!

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