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Das SO36, benannt nach dem gleichnamigen Teil von Berlin-Kreuzberg, war ein kleiner Punk-Schuppen, der in den 80er Jahren wichtiger Treffpunkt der alternativen Szene Berlins war. Hier traten Bands auf wie Die Toten Hosen, Einstürzende Neubauten und sogar die legendären Dead Kennedys. Die Fun-Punk-Combo „Die Ärzte“ wurde im SO36 gegründet und feierte dort erste Erfolge, insgesamt ist es wohl nicht übertrieben den Laden als kultige Talentschmiede zu bezeichnen. Bis heute existiert es, wurde allerdings 1990 grundrenoviert und bekam eine völlig neue Ausrichtung. Mit dem Ende der Punk-Ära wurde aus dem ehemaligen Underground-Tipp ein angesagter Szene-Club.

Das erhaltene Bildmaterial ist verständlicherweise stark angeschlagen und weist eine mehr schlechte als rechte Qualität auf. Wichtig ist das aber nun wirklich nicht, denn hier handelt es sich um eine rohe Underground-Doku speziell für Liebhaber. Regisseur Jelinski ist ein guter Freund der deutschen Independent-Größe Jörg Buttgereit und produzierte unter anderem „Nekromantik“ und „Schramm“. Buttgereit selber wirkte als Ko-Regisseur mit und produzierte den Film gemeinsam mit Jelinski. „So war das SO 36“ wirkt stark beeinflusst von der Kult-Dokumentation „The Decline of The Western Civilization“, beschäftigt sich aber mit einem weit kleineren Themenkreis.

Zahlreiche Musiker kommen zu Wort, unter anderem eben Die Ärzte in früher Besetzung und Campino von den Toten Hosen. Für Fans dieser Bands dürfte diese seltenen Aufnahmen von großem Interesse sein, denn hier sieht man Bilder der wirklich allerersten Stunden. Witzige Anekdoten und radikale Ansichten, verschwitzte Konzerte und die Atmosphäre der Gegenkultur. All das präsentiert „So war das SO 36“ in ungeschliffener Machart mit authentischen Stimmen aus der Szene. Der Niedergang der Neuen Deutschen Welle und der Aufstieg der deutschen Punk- und Wave-Musik wird deutlich und ist ein wichtiges Thema innerhalb des Films.

Mit viel Witz sowie kompetentem Fach- und Insider-Wissen punktet der Film weiterhin, wer aber kein Interesse für das Thema aufbringt dürfte sich schnell langweilen. Dies ist aber ein allgemeiner Aspekt bei Dokumentationen, unterm Strich bleibt aber ein charmantes Stück Zeitgeschichte, welches offenkundig fast vollkommen vergessen ist. Sinnvoll wäre eine Veröffentlichung als Bonus auf einer Buttgereit-DVD, zumindest um dem Film eine DVD-Veröffentlichung zu gönnen. Jelinski selbst inszenierte als Regisseur nur noch den Kurzfilm „Mein schönes Husum“, ebenfalls eine nostalgische Dokumentation.

Fazit: Liebevoll gestaltete Doku, angereichert mit einer guten Dosis Nostalgie. Für Fans der deutschen Punk-Kultur ein Geheimtipp und auch für jene, die das Umfeld und die Entwicklung von Jörg Buttgereit besser nachvollziehen möchten. Eine schöne Liebeserklärung an eine vergangene Zeit…

06 / 10

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