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"Haunted" wird im Gefolge des klassischen Gespensterfilms immer ein wenig runtergemacht. Er wäre zu bieder, langweilig, einfallslos oder orientiere sich mehr an Fernsehfilmen als am Kinoformat. Das ist extrem unfair gegenüber einem Film, der nicht nur versucht, die besonderen Ideen des atmosphärischen Geisterfilms einzufangen und zu sammeln, sondern auch die Idee hinter "The Others" in gewissen Teilen vorwegnimmt.

Was man von Beginn an in Kauf genommen werden muß, ist der eher britische Look des Films (wo er auch spielt), der zugleich auch noch zeitgenössisch ist und 1925 spielt. Da kommen einem in knackiger Farbe schon mal "Der Doktor und das liebe Vieh" oder "Das Haus am Eaton Place" ins Gedächtnis, denn Ex-James-Bond-Regisseur Lewis Gilbert schöpft die volle Pracht der Epoche so gut wie möglich aus, inszeniert das Alter des Films ein wenig mit und legt ein gemütliches Tempo vor. Natürlich ist nicht alles perfekt, wie die entlarvte Seance am Beginn des Films beweist, deren Zeit mit den hier vorgeführten Tricks 1925 schon gut 40 Jahre vorbei war.

Da das ruhige Erzähltempo sich mit dem Fehlen jeglicher Blut- oder Schockeffekte paart und es hier nur auf das atmosphärische Gruselkino ankommt, wenden sich Genrefans nicht selten gähnend ab. Die Story hat aber durchaus so ihre Qualitäten, denn die Aidan Quinn ist als Geisterjäger und Zweifler durchaus eine günstige Identifikationsfigur, die mit dem Zuschauer in eine merkwürdige Szenerie hineinstolpert: eine verängstigte alte Dame, die halb geistesgestört in ihrer Geisterfurcht wirkt; ein junges und attraktiv-sympathisches Mädchen, das Rätsel aufgibt; ein dominanter Bruder, der herbere Töne anschlägt und ein alberner Witzbold als Hofnarr.

Was dann folgt, ist ein feines Puzzlespiel, bei dem Quinn stets drauf und dran ist, die Brocken hinzuschmeißen, bis ihm wieder ein unheimlicher Brocken hingeworfen wird. Und wer sich drauf einläßt, kann sich durchaus gruseln, denn selten wurde so geschickt das Unbekannte hinter einer nicht zu öffnenden Tür eingefangen und die Dunkelheit dahinter nach der Öffnung. Stets scheint es immer eine normale Erklärung geben zu können und doch bleibt der Zweifel.

Natürlich kann ein wacher Verstand recht bald die Lösung herausfinden, aber reizvoll ist die fröstelnde Decouvrierung dennoch. Leider sind die Tricks nicht auf demselben Standard und schwanken zwischen extrem einfach und (gerade beim Showdown) höchst effektiv. Daß eine Feuersbrunst den Abschluß macht, läßt den Film jedoch nicht im Klischee versinken.

Wer also einen atmosphärischen Farbgruselfilm sehen will, der seine alten Meister studiert hat und sie nicht effektheischend aufgebauscht oder ausgeplündert hat, der ist bei "Haunted" genau richtig. Und wo kann man sonst Kate Beckinsale nackt in einen See springen sehen? (7/10)

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