Gipfeltreffen von Legenden sind immer ein kleines Event, seien es Actionstars in „The Expendables“ oder Marvel-Helden in „The Avengers“. 1983 versuchte sich „Das Haus der langen Schatten“ an etwas Ähnlichem für den klassischen Hammer-Horrorfilm, wenn auch mit weniger Nachhall.
US-Horrorschriftsteller Kenneth Magee (Desi Arnaz jr.) kommt für eine Promotour nach Großbritannien und entspricht direkt dem Klischee des von sich selbst überzeugten Amerikaners. Seine Romane, die haue er einfach so raus, erklärt er seinem dortigen Verleger Sam Allyson (Richard Todd), und ein Werk in der Art und vom Kaliber des Klassikers „Sturmhöhe“, das könne er innerhalb von 24 Stunden runterschreiben. Es ist auch kleiner Kommentar auf die Zeit, denn Anfang der 1980er waren emsige US-Schriftsteller wie Stephen King und Dean Koontz gerade der ganz große Schrei auf dem Markt der Horror-Literatur. Für Allyson klingt das nach einer Herausforderung, weshalb er eine Wette abschließt: Binnen 24 Stunden soll Kenneth tatsächlich den entsprechenden Roman tatsächlich schreiben, der Sieger der Wette erhält 20.000 Dollar.
Einen passenden Ort hat Richard auch parat, denn Kenneth soll in entsprechender Umgebung werkeln dürfen: Das verlassene Baldpate Manor soll ihm als Rückzugsort dienen. Den Namen (geschrieben in einer Art Fantasie-Walisisch) kann der Amerikaner kaum aussprechen, was zu einem Running Gag wird, vor allem aber ist der Name ein Verweis auf die Vorlage, den Roman und das spätere Theaterstück „Seven Keys to Baldpate“. Zwischen 1916 und 1947 war dieser schon mehrmals unter dem entsprechenden Namen verfilmt worden, „Das Haus der langen Schatten“ war nach Jahrzehnten eine neue Adaption unter neuem Titel.
Nach seiner turbulenten Anreise zu dem Anwesen muss Kenneth jedoch feststellen, dass das Anwesen gar nicht so verlassen wie angekündigt ist: Erst läuft er dem Haushälter Elijah Grisbane (John Carradine) und dessen Tochter Victoria (Sheila Keith) über den Weg, bald tauchen weitere unerwartete Gäste auf und es kommt zu seltsamen bis gruseligen Vorfällen, die Kenneth vom Schreiben abhalten…
Mit Vincent Price, Christopher Lee, Peter Cushing und John Carradine kann „Das Haus der langen Schatten“ vier große Horrorstars vereinen, die vor allem durch die Filme der britischen Hammer Studios zu Weltruhm kamen. Sie sind der Hauptverkaufspunkt und sie liefern, auch wenn nicht alle gleich gut. Carradine ist bereits merklich vom Alter gezeichnet und schlief während des Drehs wohl öfter ein, Cushing leistet ordentliche Arbeit, doch vor allem Price und Lee gehen so richtig in den Parts auf. Alle vier haben zudem Rollen, die auf ihre Filmographie anspielen und bekommen entsprechende Momente, etwa wenn Price‘ Figur Lionel es sich verbittet, dass man seine elaborierten Monologe unterbricht. Da bleibt der Rest vom Fest Beiwerk, selbst der nominelle Hauptdarsteller Desi Arnaz jr. muss in erster Linie daneben stehen und beklagen, dass er nicht zum Schreiben kommt, doch auch Walker-Regular Sheila Keith als Haushälterin, Richard Todd als Verleger, Julie Peasgood als Allysons Sekretärin und Louise English und Richard Hunter als junges Ehepaar bleiben in den Nebenrollen lediglich Stichwortgeber.
Regisseur Pete Walker, mit Filmen wie „Amok“, „Frightmare“ und „Zeuge der Angst“ einschlägig im Horrorgenre beschlagen, und Drehbuchautor Michael Armstrong scheinen allerdings doch arg verliebt in ihr Altstar-Gimmick zu sein, dass sie glatt vergessen haben, dass Horrorfilme am besten auch spannend sein sollten. Doch die erste Hälfte wird quasi allein für die Einführung der Figuren überlassen, die alle ihre großen Erstauftritte bekommen, endlos monologisieren und salbadern dürfen, auf dass auch keiner zu schnell ausscheide, denn man will den Fans ja genug von ihren Ikonen bieten. Erst zur Halbzeitmarke verdichten sich die ominösen Andeutungen und Hinweise um eine düstere Familiengeschichte zu einem Mainplot. Walker zitiert sich durch etliche Topoi des Genres, wenn die Türen knarzen und die Spinnweben an Einrichtungsgegenständen hängen, fabriziert auch ein paar Jump Scares, wenn Gesichter unangekündigter Gäste plötzlich aus dem Dunkeln auftauchen, aber so richtig Spannung baut dies nicht auf.
Nun war anno 1983 noch der große Slasher-Boom zu spüren und vielleicht ist „Das Haus der langen Schatten“ dann auch eine Meta-Abhandlung über den Widerstreit zwischen klassischem englischen Landhaus-Horror und amerikanischem Slasher-Film. Denn in Filmhälfte zwei wird die Belegschaft dann recht zügig dezimiert, wofür extra noch ein paar entbehrliche Nebenfiguren auftauchen, mit bisweilen kreativen Mordmethoden wie Säure im Waschbecken. Meist sieht man nur das Ergebnis, ein paar derbe Effekte wie ein sich auflösendes Gesicht, Maden in einer Puppe oder herausgetretene Augen nach einer Strangulation via Klaviersaite gibt es schon zu sehen, insgesamt hält sich der Film allerdings deutlich mehr zurück als man angesichts des Regisseurs oder der Produktion durch die grelle Genrefilmschmiede Cannon erwarten könnte. Allzu viel Mitraten in Sachen Mörder-Identität ist nicht angesagt, als Spannungsstücke werden die Kills auch nicht inszeniert, aber immerhin kommt der Plot auf der Schlussgeraden mit einigen Twists um die Ecke, welche überraschen, manches im neuen Licht erscheinen lassen und sogar vermeintliche Logiklücken zu erklären wissen. *SPOILER* Man kann sich darüber streiten, ob die schlussendliche Auflösung dem Ganzen an Fallhöhe nimmt, doch andrerseits passt sie zum spielerischen Charakter des Films. Und um den Verweis auf den Slasher weiterzuführen: Einige Jahre kam ein halbwegs populärer Schlitzerfilm aus den USA mit der gleichen Auflösung um die Ecke, mit schwächerem Ergebnis. *SPOILER ENDE*
So kommt das Ganze auch mit einem Ruck Augenzwinkern daher: Einige der finalen Plottwists werden mit einer Schlussszene karikiert, in der unglaubwürdige Zufälle (Stichwort Zwillingsschwester) und das Verschwimmen von Fiktion und Realität nochmal auf die Spitze getrieben werden. Es gibt kleine Running Gags wie den (für Kenneth) unaussprechlichen Namen des Anwesens oder die Tatsache, dass er immer wieder vom Schreiben abgehalten wird. Es gibt kleine Verweise auf die Horror(film)geschichte, etwa der Name Roderick für eine Figur, was das Publikum direkt an Edgar Allan Poes Roderick Usher denken lässt. Das alles wird eher mit Understatement als mit offener Comedy dargereicht, es betont eher den Meta-Charakter, genau wie die Besetzung oder manche Plottwists. Doch so viel über sein Genre hat „Das Haus der langen Schatten“ dann auch nicht zu sagen, es bleibt bei ein bisschen Hommage, ein bisschen Fan-Bespaßung, aber ohne tiefere Erkenntnisse.
So ist „Das Haus der langen Schatten“ dann doch eher ein Gimmick-Film, der sich erst reichlich langsam anlässt, um sein Altstarquartett maximal zu nutzen, ehe der Film in Hälfte zwei mit seiner Personalausdünnung und seinen Plottwists regelrecht überhastet wirkt. Das hat durchaus Stil, das ist eine Liebeserklärung für eine bestimmte Spielart und Periode des Horrorgenres, aber weder spannend noch clever genug, um mehr als eine nette Hommage zu sein, die Potential liegen lässt.