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Vier Jahre ehe Regisseur Luc Besson (Das Fünfte Element) mit "Leon - Der Profi" seinen wohl besten Film inszinierte, lieferte er mit "Nikita" so was wie dessen Vorläufer ab. Allerdings kommt der Streifen um eine weibliche Killerin wider Willen nicht an dieses Meisterwerk heran und kann auch nicht ganz mit dem US-Remake "Codename: Nina" mithalten. Dennoch stellt "Nikita" ein Stück europäischer Filmkunst da, wie sie es in amerikanischen Produktionen selten bis gar nicht gibt.

Wegen Polizistenmordes wird die drogensüchtige Nikita (Anne Parillaud) zu lebenslanger Haft verurteilt. Der französische Geheimagent Bob (Tchéky Karyo) stellt das rebellische Mädchen ohne Nerven vor eine sadistische Wahl: Entweder Nikita lässt sich zur Profi-Killerin ausbilden - oder wird hingerichtet. Sie willigt ein, trainiert Kampfsport, lernt Schießen und von Madame Armande (Jeanne Moreau) damenhafte Manieren. Nach ihrer Entlassung verliebt sie sich in den Supermarktverkäufer Marco (Jean-Hugues Anglade). Aber bald verzweifelt sie an ihrem knallharten Doppelleben...

Anne Parillaud (Bloody Marie) liefert als Nikita eine solide Performance ab und war ihrerzeit auch eine der ersten weiblichen Actionhelden, von denen es heutzutage wie Sand am Meer gibt. Anno 1990 war die Idee einer weiblichen Killerin noch originell, während dies heute nicht mehr allzu innovativ ist. Nichtdestotrotz kann man sich mit Parillauds Darstellung zufriedengeben, wenngleich ihre Figur durch ihr oftmals affiges Getue nervt. Da hat mir Bridget Fonda irgendwie besser gefallen. Tchéky Karyo (Bad Boys) macht seinen Job als Ausbilder und Vorgesetzter Nikitas recht gut, während Jean-Hugues Anglade (Taking Lives) etwas blass wirkt und mit dem restlichen Cast nicht ganz mithalten kann. Aufgrund einer spontanen Eingebung Bessons bekommt dann noch Jean Reno (Ronin) eine kleine Rolle als Cleaner Vincent. Als eine Art Prä-Leon wickelt Reno seinenn Part professionell ab, wenn man bedenkt, dass Besson ihn erst kurzfristig und ohne viel Vorbereitung ans Set geholt hatte.

Dominierend ist die Action in "Nikita" nicht, da es nur drei wirklich große Actionsequenzen gibt. Die erste Sequenz wäre die Eröffnungsszene in der Apotheke, wo sich Nikitas Junkiegang ein blutiges Feuergefecht mit den Cops liefert. Dies wurde von Besson recht knackig in Szene gesetzt, obwohl das Action-Highlight die Restaurant/Küchen-Szene darstellt, in der sich Nikita mit einer .357er Desert Eagle gegen eine ganze Horde von Bodyguards wehren muss. Besagte Sequenz hält neben einem großen Munitionsverbrauch und harten Körpertreffern auch optische Schmankerls wie der Treffer aus der Kugel-Perspektive bereit. Dritte und letzte größere Actionszene ist der Showdown, wo Reno als Killer kompromisslos mehrere Menschen umlegt und samt Nikita die Flucht antritt. Zwar schaltet Besson ihr genauso wie beim Venedig-Attentat gleich mehrere Gänge zurück, doch von der Inszenierung her kann sich auch diese Sequenz sehen lassen. Nun mögen mich eingefleischte Fans des Originals bevorzugt auf dem Scheiterhaufen sehen, wenn ich sage, dass die lokale Action recht ordentlich ist, aber nicht gegen ihre "Codename: Nina"-Varianten ankommt. Hauptpunkt von "Nikita" ist dennoch nicht die knallharte und oftmals politisch unkorrekte Action, sondern die Charaktersierung des Hauptcharakters. Gekonnt schafft es Besson Nikitas Weg vom hoffnungslosen Drogenwrack bishin zur mit Liebe erfüllten Frau, die mit ihrem Doppeleben zu kämpfen hat, zu zeigen. Dabei begeht Besson ,aus meiner Sicht, jedoch den Fehler die anfängliche Täterin als anschließendes Opfer zu präsentieren. Bei mir wollte dieser Wechsel nie so richtig funktionieren, da Nikita für mich stets die zu weiteren Gewalttaten genötigte Täterin geblieben ist und somit auch ein härteres Ende verdient hätte. Für Bridget Fonda konnte man da schon mehr Sympathie empfinden, obwohl der Charakter mehr oder weniger in beiden Filmen der gleiche ist. Desweiteren gelingt es Besson aber den Film in ruhigen Bildern zu erzählen und verfällt nie in hektische Schnitte a'la Tony Scott. Die Atmosphäre ist recht hart und kühl, womit sie bestens zu dem ungeschönten Szenario passt. Auch die Außenaufnahmen, vor allem die in Venedig, können sich sehen lassen. Was den Score betrifft, so ließ Besson hier seinen Stammkomponisten Eric Serra ran, der genau wie Reno, weniger Vorbereitungszeit als nötig hatte, aber immerhin noch eine passable Musikuntermalung erzeugen kann. Es versteht sich allerdings von selbst, dass er kein Hans Zimmer ist, der den Score für das US-Remake komponierte. Hätte Luc Besson sich und den anderen Beteiligten des Films mehr Zeit gegeben, so wäre aus "Nikita" noch ein richtiges Juwel des französischen und europäischen Films geworden. Lediglich seiner Ex-Frau Anne Parillaud räumte er ein ganzes Jahr für Judo- und Waffentrainig ein, während beim restlichen Cast und den übrigen Vorbereitungen anscheinend Hetze angesagt war.

Mag "Nikita" ein ordentliches Stück westeuropäischer Filmkunst sein, so hätte wesentlich mehr aus ihm werden können, hätte man den Dreharbeiten und dem Nebencast genauso viel Zeit gegeben wie der Hauptdarstellerin. So, und jetzt können mich alle Liebhaber des Originals meinetwegen steinigen, wenn ich sage, dass ich das US-Remake mit Bridget Fonda und Harvey Keitel diesem eindeutig vorziehe. Und inzwischen hat selbst der einstige Kino-Titan Europas Luc Besson den kleinen Cineasten in sich entgültig beerdigt und hat sich in eine auswechselbare Mainstream-Nutte, die lieber oberflächlischen Action-Nonsens produziert und noch beknacktere Drehbücher schreibt, verwandelt.

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