Review

1983 „Der Liquidator" oder „Das Böse lauert auf beiden Seiten"

„Das Böse, das Männer tun" war dem deutsche Verleih als Titel wohl zu wenig griffig, dabei bringt er die Quintessenz von Plot, Aussage und Protagonisten perfekt auf den Punkt. Man entschied sich dann lieber für „Der Liquidator" und man muss nicht sonderlich lange grübeln, wodurch dieser Geistesblitz motiviert worden war. Immerhin hatte Titelheld Charles Bronson vor dem Produktionsjahr 1984 bereits zwei Mal rot gesehen und war abonniert auf den schweigsamen Rächer. Seine Kritiker vergessen dabei gern, dass diese Saat schon viel früher gelegt worden war, denn sein ikonischer und beinahe wortloser Auftritt in Sergio Leones Klassiker „Spiel mir das Lied vom Tod" wäre mit Schlagwörtern wie „Avenger", „Killer" oder eben „Liquidator" bestens subsumiert.

„The evil that men do" beginnt mit einer alptraumhaften Foltersequenz, die den Film lange Zeit auf den Index verbannte bzw. die Sittenwächter zum fröhlichen Scherenschnitt animierte. Für den Film ist dieser Auftakt allerdings essentiell, zeigt er nicht nur die eiskalte Grausamkeit des Antagonisten, sondern liefert auch gleich die Rechtfertigung für das rigorose Vorgehen der Bronson-Figur. Das aus Shakespeares „Julius Caesar" stammende Titelzitat gilt nämlich eindeutig für beide Kontrahenten und steht auch für die Ambivalenz, die der Film trotz seines unverkennbar reißerischen Ansatzes immer wieder aufblitzen lässt. „Der Liquidator" dagegen greift hier zu kurz und beschränkt respektive konzentriert sich auf das Bewerben des etablierten Bronsonschen Rächer-Charakters.

Bronsons Gegenpart trägt den bezeichnenden Namen (Clemens) „Molloch" und wird in seinem Hauptwirkungsgebiet nur „Der Doktor" genannt. Seine speziellen Fähigkeiten setzt der studierte Mediziner bevorzugt in lateinamerikanischen Diktaturen ein, wo er den jeweiligen Machthabern bei der Informationsbeschaffung wie auch der Beseitigung unliebsamer Kritiker behilflich ist. Gerne inszeniert er seine bestialischen Grausamkeiten als Vorlesungen für die entsprechenden Auftraggeber und deren Entourage. Moralische Skrupel sind ihm völlig fremd, vielmehr sieht er sich als hoch spezialisierten Sicherheitsexperten. Seine Schwester Claire begleitet ihn dabei auf Schritt und Tritt und bestärkt ihn regelmäßig in der Richtigkeit seines Tuns.

Für solch einen Widerling kann es nach den Gesetzmäßigkeiten des Vigilantenfilms natürlich nur eine Konsequenz geben. Hier bedarf es ebenfalls eines Spezialisten, der die Dinge wieder ins Lot bringt, zumal Recht und Gesetz mal wieder völlig machtlos erscheinen. Anfangs ziert sich Ex-CIA-Auftragskiller Holland noch ein wenig, schließlich hat er sich auf den Cayman Islands ein idyllisches Rentendomizil geschaffen. Nachdem er allerdings ein paar Videointerviews von diversen Folteropfern des „Doktors" gesichtet hat, beschließt er dann doch, noch ein letztes Mal den Vollstrecker zu geben.

Ohne Zweifel bedient sich der simple Grundplot bei den gängigen Mustern des bei der Kritik gerne als schmuddelig und reaktionär abgestempelten Subgenres des Actionkinos. Der gemeine „Death Wish"-Anhänger wird also definitiv auf seine Kosten kommen. Unter der blitzenden Selbstjustiz-Politur verstecken sich aber ein paar Kratzer, die man schon bemerken kann, wenn man etwas genauer hinsieht. Da wäre zum einem die Verstrickung der US-Administration in lateinamerikanische Angelegenheiten (Reagans Guatemala-Engagement liegt nur ein Jahr zurück), die verdeckt und mit Hilfe der CIA auch grausame Despoten unterstützt oder sogar installiert, sofern sie eigenen Interessen dienen.  Zum anderen ist Bronsons Holland in vielem lediglich die Kehrseite von Molloch. Zwar fehlt im die Lust am grausamen Sadismus, aber auch sein moralischer Kompass ist längst verschoben und das Töten zur Problemlösung zur Gewohnheit geworden. Er geht dabei ähnlich effizient, konsequent und brutal zu Werke wie sein Widersacher.

Der Brite J. Lee Thompson arbeitete hier bereits das fünfte Mal mit Bronson zusammen (vier weitere sollten noch folgen), dementsprechend souverän spulen beide auch ihr gemeinsames Pensum ab. Thompson inszeniert stringent, wenn auch nicht gerade rasant oder spektakulär. Die Budget-Zeiten von „Die Kanonen von Navarone" waren hier längst Geschichte, so dass die Actionszenen sich auf diverse Kämpfe Mann gegen Mann und eine längere Autoverfolgungsjagd beschränken. Insgesamt bewegen wie uns hier mehr auf gehobenem TV-Niveau. An die beiden Aushängeschilder der gemeinsamen Cannon-Ära  - „Murphy´s Law" (1986)  und „Kinjite" (1989)  - kommt der Film nie heran.
Auch darstellerisch sind hier abgesehen von Bronson keine Schwergewichte zu finden, wobei die typisierte Figurenzeichnung das auch nicht zwingend erfordert. Der Film funktioniert auch wegen seiner plakativen Ausrichtung aber recht gut und wird von Bronsons Charisma mühelos getragen. Oft wird sein Spiel als etwas lustlos bezeichnet, wobei diese leicht distanziert und spöttisch wirkende Aura schon immer sein Markenzeichen gewesen war. Sein des Jobs müder Auftragskiller passt daher wunderbar zu Bronsons stoischer Mimik.

Holland ist im Kontext des Films der Gute, was ihn aber keineswegs zu einem guten Menschen macht. Er steht dem Folterknecht Molloch in vielem näher als dem normalen Gesetzeshüter.  „The evil, that men do" bezieht sich also eindeutig auf Antagonist und Protagonist und liefert damit einen zwar nur unterschwelligen, aber fast schon provokativ kritischen Kommentar zum eher selten selbstreflexiven Vigilanten-Genre.

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