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Ach, wie einfach es doch wäre, „Frantic“ als mauen Thriller abzutun, der Roman Polanskis kleine Formdelle nach seinem überlangen Flop „Piraten“ nur bestätigt. Reduziert man ihn auf seine reinen Spannungselemente, so lässt sich konstatieren, dass man sie in anderen Filmen tatsächlich aufregender gesehen hat. Polanski war noch nie ein Thriller-Regisseur wie Alfred Hitchcock, den man in diesem Plot an allen Ecken winken sieht. Stets hat man den Eindruck, er inszeniere mit angezogener Handbremse, während der runde Brite oft höchste Unterhaltung als oberste Maxime ausrief.

In „Frantic“ gibt es keine spektakulären Actionszenen, Verfolgungsjagden versanden im Stau, bevor sie richtig angefangen haben, Schießereien sind unübersichtlich geschnitten, abgefeuerte Schüsse finden fast nur auf der Tonspur statt. Wenn man will, könnte man dem Regisseur in dem Bereich also inszenatorische Schwächen unterstellen – die Wahrheit ist aber auch, dass Polanski seinen Thriller teilweise so deutlich gegen den Strich bürstet, dass es schwer fällt, keine Absicht dahinter zu vermuten.

Dabei sind eigentlich alle Zutaten vorhanden, und besonders mit der Eröffnung beweist Polanski seine Meisterschaft in der Erzeugung kribbeligen Unbehagens: Der Arzt Richard Walker (Harrison Ford) kommt mit seiner Frau Sondra (Betty Buckley) zu einer Geschäftsreise in Paris an. Die Ankunft steht unter keinem guten Stern: Der Jetlag wirkt nach, das Taxi, das sie zum Hotel bringen soll, hat einen Platten, einer der Koffer lässt sich nicht öffnen, weil er offensichtlich am Flughafen verwechselt wurde. Zuerst duscht Sondra, dann Richard. Die Kamera bleibt bei Richard unter der Brause, im Hintergrund seine Gattin, die einen Anruf entgegennimmt und Richard etwas zuruft, was im Wasserrauschen untergeht. Sie gestikuliert und geht aus dem Bild. Die Kamera fokussiert sich mit einer langsamen Fahrt auf den Hintergrund, doch Sondra taucht nicht wieder auf.

Minutiös breitet Polanski die Ausgangslage aus und steigert auch in der Folge nur selten das Tempo. Die Kamera bleibt auf Schritt und Tritt bei Richard, einem Durchschnittsbürger, in dem nach anfänglicher Verwunderung über das Verschwinden zunehmende Unruhe aufsteigt, die in Angst umschlägt, als sich die Anzeichen mehren, dass seine Frau Opfer einer Entführung wurde. Sein Auslandsaufenthalt wird für den wohlbehüteten US-Amerikaner zum Alptraum, denn Polanski zeichnet das schöne Paris von seiner hässlichen Seite: Die Mühlen bei der Pariser Polizei und der amerikanischen Botschaft mahlen nur langsam, wenn sie es denn überhaupt tun. Niemand nimmt den Fall ernst, niemand möchte so recht helfen. Richard bleibt bei der Suche nach seiner Frau hilflos und verloren auf sich allein gestellt, betritt verrauchte Kneipen und heruntergekommene Wohnungen und scheitert dabei mehr als einmal an seinen fehlenden Französischkenntnissen.

Bereits diese Beschreibungen verdeutlichen, dass Harrison Ford hier nichts mehr mit dem Actionhelden Indiana Jones gemein hat, der er für viele immer noch war. Schon in den Jahren vor „Frantic“ hatte Peter Weir Ford als Charakterdarsteller in „Der einzige Zeuge“ und „Mosquito“ besetzt und aus ihm Höchstleistungen herausgekitzelt, Polanski knüpft direkt daran an, belässt es aber nicht dabei, sondern demontiert den einstigen Supermann mit überschüssiger Männlichkeit darüber hinaus nach Kräften: Beim Treppenlaufen gerät er schon nach wenigen Stufen aus der Puste, eine Kletterpartie auf dem Dach verkommt zu einer holprigen Slapstick-Nummer, und sein Kopf macht auch mal innerhalb weniger Sekunden mit einem zu niedrigen Türrahmen Bekanntschaft. Und dann weint er auch noch in diesem Film – gleich zweimal!

Seine Unbeholfenheit schimmert noch stärker durch, als fast zur Stundenmarke die junge schöne Französin Michelle (Polanskis spätere Ehefrau Emmanuelle Seigner) in die Geschichte einsteigt und die Tonlage des Drehbuchs ändert. Aus „Frantic“ wird ein ungewöhnlicher Buddy-Movie, denn Michelle hat das ganze Schlamassel unfreiwillig zu verantworten, war sie doch diejenige, die sich am Flughafen den falschen Koffer griff und nun wütende und zum Töten bereite Auftraggeber an den Hacken hat, die den brisanten Inhalt des richtigen Koffers im Austausch mit Sondra fordern. Außerdem kommt noch eine zweite Partei ins Spiel, die es ebenfalls auf den Inhalt abgesehen hat. Durch Michelle kommt frischer Wind in die Bude, der gerade aus dem Aufeinanderprallen zweier gegensätzlicher Menschen entsteht: Richard, der erfolgreiche, spröde und unsichere Geschäftsmann, und Michelle, die offenherzig gekleidete Frau mit der großen Klappe, die für Geld auch zwielichtige Jobs annimmt. Notgedrungen entwickelt sich eine ungleiche Zweckgemeinschaft, aus der sich eine Menge komischer Szenen ergeben, eben weil der Kontrast nicht größer sein könnte. Das zeigt sich nicht zuletzt in einem herrlichen Tanz gegen Ende des Films, bei dem der sich merklich unwohl fühlende Richard gegen den Wirbelwind Michelle in keinster Weise behaupten kann. Ford und Seigner harmonisieren schlichtweg prächtig miteinander.

Beinahe zwangsläufig wächst das Zweiergespann mit jeder weiteren überstandenen brenzligen Situation enger zusammen und knüpft zarte Bande. Eine unschuldige Romanze nimmt ihren Lauf, bei der sich Richard stets so weit im Griff hat, dass er keinen Ehebruch begeht. Es bleibt bis zum Schluss bei zärtlichen Gesten und Berührungen wie einem sanften Streicheln durchs Gesicht, einem flüchtigen Dankeschön-Kuss auf die Wange oder dem Schließen eines Reißverschlusses, damit der andere nicht friert. Das ist rührend und berührend gleichermaßen – zwei Menschen, die sich unter normalen Umständen vermutlich nie begegnet wären, aber in der Not zusammenwachsen und in den wenigen gemeinsamen Stunden, die sie haben, ihr Herz füreinander entdecken, um schließlich doch wieder getrennte Wege gehen zu müssen. Anhand dieser beiläufigen Momente lässt sich erkennen, dass Polanski nicht allein am Thriller-Plot, sondern auch an der sich dabei entwickelnden Zuneigung zwischen den beiden Hauptfiguren viel gelegen ist. Folglich ist es dem Zuschauer nicht egal, was mit dem Duo geschieht. So geht in der Schlusseinstellung auch Fords trauriges Gesicht, in dem sich Schmerz über den tragischen Verlust, Selbstvorwürfe und ein großes Warum widerspiegeln, bis er wieder in der Wirklichkeit ankommt und seiner Frau um den Hals fällt, dem Zuschauer ungewohnt nahe. Bei so viel Dramatik verkommt auch der MacGuffin – ein elektronisches Bauteil –, hinter dem alle her sind, gänzlich zur Nebensache, und wohl kaum jemand hat seine Unwichtigkeit so sehr auch visuell ausgedrückt wie Polanski, wenn Richard ihn am Ende in die Seine wirft – vor Wut darüber, dass die Jagd nach diesem Teil auch unschuldige Menschenleben kostete.

„Frantic“ wird gern missverstanden, obwohl er noch einiges mehr zu bieten hat, als bloß Thriller zu sein. Ob Komödie, Romanze oder Drama – nichts davon ist der Film ganz, hat aber von jedem etwas. In jeder dieser Disziplinen überzeugt er, wenn womöglich auch als Thriller am wenigsten. Neben der sicheren Regiehand Polanskis, einem wunderbar zurückhaltenden Score von Altmeister Ennio Morricone, der umso fulminanter in die dramatischen letzten Minuten hereinbricht, profitiert er vor allem aber von Harrison Ford, der hier in einer seiner besten Rollen zu sehen ist – als tollpatschiger Held mit einigen schauspielerisch unglaublich intensiven Einzelszenen, die Gänsehaut erzeugen.

Einer der Filme, die mit jeder Sichtung gewinnen. 8/10.

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