Wer glaubt, Sylvester Stallone habe erst im hohen Alter seinen Platz außerhalb des Rings gefunden, sieht sich getäuscht. Noch bevor er den legendären Rocky Balboa überhaupt zu Papier gebracht hatte, befand sich in seiner Schublade bereits ein selbst verfasstes Drehbuch über drei italoamerikanische Brüder, die im New York der Nachkriegszeit um das alltägliche Überleben kämpfen. Im Wrestling wollte das Trio den Schlüssel zum Traum von Reichtum und Erfüllung gefunden haben. Doch es ist nicht der Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller, der den Ring besteigt, um das Glück zu herausfordern; Stallone selbst ist in „Vorhof zum Paradies“ vielmehr der Überlebenskünstler, der den Kampf an die Spitze von außen koordiniert.
Nachdem ein gewisses Boxerdrama über einen Amateur aus den Slums von Philadelphia zum Überraschungserfolg avanciert war, erklärte sich Universal Pictures schließlich bereit, noch einmal seinen Doppeldecker vom alten Schwarzweißlogo der Anfangstage aus dem Stall zu holen, um authentisch in den Kostüm- und Milieustreifen einzuleiten. Stallone hatte sich das grüne Licht zur Verfilmung seines eigenen Skripts mit baren Fäusten erkämpft. Nicht nur deswegen ist Cosmo Carboni eng mit Rocky Balboa verknüpft. Vergleicht man die beiden Figuren miteinander, kommt man nicht umhin, ihre Verwandtschaft zu erkennen; nur dass man aufgrund der verflochtenen Produktionsgeschichte nicht so recht weiß, wer hier der Vater von wem ist.
Auch als Cosmo tänzelt Stallone jedenfalls bei Nacht durch die verhärmten Gassen von Hell’s Kitchen, gestikuliert mit den Armen und gibt seine einfachen Lebensweisheiten von sich, nur dass er diesmal nicht ganz der gutmütige Kerl mit den Hundeaugen ist, dem man all sein Mitleid schenken möchte. An irgendeiner Stelle nimmt Cosmo eine andere Abzweigung als Rocky und lässt auch mal List und Eigennutz von der Leine. Wo Rocky stur auf Schweinehälften eindrischt, da treibt es Cosmo von einer Situation zur nächsten – ein Muster, das sich auch auf die Narrative überträgt, die fließend einen Versuch, den Kopf über Wasser zu halten, an den nächsten knüpft. Rückschläge werden nicht mit schwerer Miene betrauert, sondern mit einem flapsigen Spruch abgehakt. Auf dem Bürgersteig gibt man sich am Tage noch als beinloser Kriegsveteran aus, um ein paar Almosen zu sammeln, am Abend wird in einer Kneipe ein Armdrück-Wettbewerb arrangiert (vermutlich der Ausgangspunkt der Entstehung von „Over The Top“, an dessen Skript Stallone ebenfalls beteiligt war). Möglich, dass es in der ursprünglich wesentlich längeren „Director’s“-Vision mehr Platz für Empathie und Reflektion gab, doch in der vom Studio vorgegebenen finalen Fassung fließt das Leben nur so dahin und verschluckt ein Schicksal nach dem anderen, ohne auch nur einem Individuum eine Träne nachzugießen.
Garniert wird dieser Seiltanz über dem Abgrund gescheiterter Existenzen mit einem stark karikierenden Einschlag, der nicht lange auf sich warten lässt. Schon im Vorspann, der aus überschwänglichem Roof Jumping über die nächtlichen Dächer des Viertels mit rauchenden Kaminen besteht, stürzt einer der Jungs ab und hält sich viele Meter tiefer wie Willie Coyote an einer Wäscheleine fest. Wie eine exzentrische Signatur zieht sich derartiger Cartoon-Irrealismus durch den gesamten Film, der eigentlich im Gesamten die Form eines authentischen Dramas mit historischem Einschlag anstrebt. Doch es reicht schon, wenn sich Stallone die Nase an der Scheibe seines Oldtimers plattdrückt, um der Frau seines Herzens hinterherzuschauen, so dass nicht nur die Nachkriegszeit zum Leben erweckt wird, sondern mit ihr auch die frühen Bugs-Bunny-Kurzfilme, die sämtliche Alltagssorgen seinerzeit wegwischen sollten. Da ist es dann auch kein Stilbruch mehr, wenn Stallone das finale Wrestling-Match effektvoll bei offenem Dach mit Regen und Stromausfall austragen lässt, während die Regentropfen die Luft zerstäuben wie es später der Schweiß mit dem Boxring tun würde. Es macht sich jene altbekannte Überzeichnung bemerkbar, die sich wie ein roter Faden durch Stallones Regiearbeiten zieht und insbesondere die „Rocky“-Fortsetzungen zu Guilty Pleasures erster Güte geformt hat.
Da ist es nicht schwer auszurechnen, dass ein Film wie „Vorhof zum Paradies“ als designiertes Zeitportrait bei der Kritik nicht gerade einen Stein im Brett hat, denn als solches bleibt es zu sehr in Oberflächlichkeiten und Albernheiten haften. Die Probleme jener Epoche werden eher verzerrt als ernsthaft verarbeitet. Der Versuch, das Leben einfach von seiner unbeschwerten Seite zu nehmen, mündet in tragikomischen Höhepunkten mit extra-käsigem Abgang, wenn beispielsweise ein ausgestoßener Wrestling-Star (Frank McRae) in einem Moment von Glückseligkeit und Geborgenheit Selbstmord begehen will und beim Sprung von der Brücke lediglich auf einem Müllcontainer landet.
Hinzu kommt, dass das Drehbuch mit unverschämtem Starrsinn permanent um die Brüder kreist und insbesondere die weiblichen Wegbegleiter damit zu Litfaßsäulen erklärt, die in der schnellen Entwicklung der Ereignisse ungehört zurückbleiben, obwohl auch sie im Ansatz mit ähnlichen, womöglich noch schwerwiegenderen Problemen zu kämpfen haben. An denen ist Stallone allerdings weder als Regisseur noch als Autor interessiert. Interessant ist für ihn nur, welchen Einfluss diese kurzen Zwischenepisoden auf die Hauptfigur haben.
Bei all diesen unübersehbaren Baustellen, bei der gehetzten Art und dem mit Ereignissen überladenen Lauf der Dinge ist „Vorhof zum Paradies“ ironischerweise aber doch wieder ein durchaus warmer, zugänglicher Film, dessen Schauplätze mit purer Atmosphäre aufgeladen sind. Tom Waits, der hier sein Leinwanddebüt feiert, passt ideal zum Thema und Setting des Films, er bindet die wild umher schwirrenden Teilchen zu einer schwülen, nebelverhangenen Mitternachtsstimmung verkaterter Geselligkeit. Bei genauerem Blick bekommen so auch die schrillen Nebencharaktere etwas entwaffnend Menschliches – neben Frank McRae etwa Kevin Conway und Terry Funk, die als Gangsterboss und Schlägertyp im Laufe der Handlung völlig demontiert und aufgeweicht werden.
Wie bereits erwähnt, bekommen die Brüder jedoch die meiste Aufmerksamkeit. Armand Assante schwingt wie ein Pendel am Rande der Handlung und verkörpert stets das Gegenwicht zu Stallones Cosmo, da sich beide Charaktere zum Ende hin jeweils in eine entgegengesetzte Richtung bewegen. Lee Canalito als hochgewachsener, einfältiger Jüngster der Carboni-Sippe ist die gute Seele des Films und vielleicht der Teil, der Cosmo fehlt, um Rocky zu sein. Es macht Spaß, ihn als „Kid Salami“ mit Würsten behangen unbedarft durch eine gefährliche Welt schippern zu sehen, ohne dass er die Gefahren auch nur wahrnimmt. So wie es überhaupt in gewisser Weise auch für den Zuschauer befreiend ist, in dieses frühe New York einzutauchen, ohne die Bürde eines seriösen Dramas auf sich nehmen zu müssen. Auf das kitschige, bisweilen sogar kindlich wirkende Ende hätte man dabei freilich lieber verzichtet.
Die perfekte Chemie würde Sylvester Stallone als Drehbuchautor jedenfalls erst kurze Zeit später mit „Rocky“ finden. Weil „Vorhof zum Paradies“ erst nach „Rocky“ in Produktion ging, musste er von der Kritik folgerichtig als Rückschritt wahrgenommen werden. Rückt man die Dinge jedoch wieder in die Reihenfolge, die ihnen gebührt, kann es nur den Schluss geben, dass Stallones erste große Story auf ihre verkorkste Art als Keimzelle für alles steht, womit er später seinen Fußabdruck in Hollywood hinterlassen würde.