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„Ich weinte die ganze Nacht, am Morgen hatte ich keine Tränen mehr.“

Der im Jahre 1974 veröffentlichte und unter der Regie Theodore Gershunys entstandene US-Film „Blutnacht – Das Haus des Todes“ entpuppt sich als leider etwas in Vergessenheit geratener Weihnachts-Horror-Beitrag und Prä-Slasher und somit als weiteres Mosaiksteinchen zur Entwicklung des Subgenres um sich anschleichende psychopathische Serienmörder mit Hieb- und Stichwaffen, das 1978 durch John Carpenters „Halloween“ definiert wurde.

Arlington, Massachusetts: Das seit langen Jahren leerstehende Haus Wilfried Butlers, der dort 1950 unter mysteriösen Umständen ums Leben kam, soll im Auftrage des Butler-Enkels Jeffrey (James Patterson, „In der Hitze der Nacht“) unter Preis der Gemeinde angeboten werden. Zu diesem Zwecke reist Anwalt Carter (Patrick O'Neal, „Die Frauen von Stepford“) nach Arlington und tritt in Verhandlungen. Doch schnell fällt er einer unheimlichen Mordserie zum Opfer. Ist ein aus dem Irrenhaus ausgebrochener Psychopath der Täter? Und welche unheimliche Geschichte hat das alte Gemäuer zu erzählen?

„Blutnacht – Das Haus des Todes“, in seiner Eigenschaft als Weihnachts-Horrorfilm im Original stimmiger „Silent Night, Bloody Night“ betitelt, beginnt mit einer Sprecherin aus dem Off, die eine Rückblende zum Vorweihnachtstag 1950 einleitet und kommentiert. Die Titelmelodie, das bekannte „Stille Nacht, heilige Nacht“, macht Glauben, das wäre der Prolog gewesen, doch dieser fährt anschließend mit einer Flucht aus der Anstalt in subjektiver Point-of-View-Perspektive fort und endet erst mit dem Verkauf des Hauses. Im späteren Verlauf gibt ein mysteriöser Anrufer einen Hinweis auf die Weihnachtsnacht 1935 und nach einer Stunde erzählt einer, der eigentlich als tot galt, eine weitere Rückblende. Ja, „Blutnacht – Das Haus des Todes“ ist wahrhaftig ein Film der Rückblenden und neigt zudem dazu, seine Charaktere fast allesamt zunächst einen anderen Anschein erwecken zu lassen, als den ihrer wahren Identität. Da werden mutmaßliche Hauptrollen mit Faible für überraschend junge Gespielinnen plötzlich aus der Handlung gemordet, Tote lebendig, scheinbar normale Menschen zu Wahnsinnigen etc. Damit ist Gershunys Film erzählerisch herausfordernd, weil nicht ganz unkompliziert. Andererseits befindet er sich damit knietief im Slasher-Sujet, berichtet er doch von in der Vergangenheit liegenden Dramen, die mit der aktuellen Mordserie zusammenhängen. Diese bleibt lange dem Whodunit?-Prinzip treu und lässt den Killer weiterhin in Point-of-View-Optik durchs alte Haus schleichen, dazu ertönt unheimliche Klaviermusik. Der Zuschauer bekommt blutige (jedoch nie sonderlich explizite) Mordszenen beispielsweise im Bett geboten und darf unheilschwangeren Flüster-Anrufen lauschen – Versatzstücke, die später Slasher-Standards wurden.

Doch „Blutnacht – Das Haus des Todes“ fährt auch eine eigene Schiene, die ihn vom Genre unterscheidet: Er inszeniert scheinbar nebenbei einige bizarr anmutende Momente, auf die nicht näher eingegangen wird, und erklärt diese erst mit der im positiven Sinne unfassbaren, überraschenden Schlusspointe, aus der man viel mehr hätte machen können, die jedoch keinesfalls wirkungslos verpufft und sich im Gedächtnis festsetzt. Nachdem Jeffrey Butler erfolgreich als Hauptverdächtiger etabliert wurde, erfährt man nach rund 50 Minuten dessen wahre familiären Hintergründe und wird schließlich in einer beunruhigend authentisch-gruselig umgesetzten Schwarzweiß-Rückblende in die 1930er Zeuge eines handfesten, abscheulichen Familiendramas, das mit der Umwandlung des Butler-Hauses in ein Sanatorium zusammenhängt – begleitet vom bekannten Weihnachtslied in einer traurigen Streicherversion. Trotz seiner Gewaltausbrüche und nicht unbeachtlichen Mordfrequenz setzt man primär auf psychologischen Horror und eine ungemütliche Atmosphäre, die nicht viel mit weihnachtlicher Heimeligkeit gemein hat, stattdessen düster, verkommen und bar jeder Lebensfreude wirkt. Die Kulissen tragen ihren Teil dazu ebenso bei wie der gelungene, wenn auch wenig variable Klavier-/Streicher-Soundtrack und über allem schwebt der nicht greifbare, doch ahn- und spürbare Wahnsinn. Schauspielerisch indes ist „Blutnacht – Das Haus des Todes“ keine Offenbarung (John Carradine beispielsweis hat lediglich eine stumme Nebenrolle inne) und das dramaturgische Konzept geht nicht immer auf, holpert gern mal unübersehbar und scheint diverse Szenen falsch zu gewichten – Nebensächliches wird ausgewalzt, Bedeutendes läuft Gefahr, zur Randnotiz zu verkommen. Teile seines Potentials lässt der Film ungenutzt, bietet für Freunde des ruhigeren ‘70er-Grusels und für an den Inspirationen Carpenters, Cunninghams und Konsorten Interessierten jedoch wohlige und verschrobene Genrekost.

Traurigerweise verstarb James Patterson kurz nach den Dreharbeiten im Alter von nur 40 Jahren. Möge er in Frieden ruhen.

6,5/10

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