Review

"Kaante ": Ein Bollywood-Heist zwischen L.A.-Glanz und Tarantino-Schatten

Kaante (2002) ist eine jener Produktionen, die sich selbstbewusst zwischen den Kultgiganten des internationalen Kinos positionieren – und dabei ganz offen ihre Inspirationsquellen zeigen. Regisseur Sanjay Gupta verlegt den düsteren, klaustrophobischen Plot von Reservoir Dogs ins sonnige, aber nicht minder gefährliche Los Angeles und garniert ihn mit einem Schuss Melodrama, Musiknummern und der für Bollywood typischen Charaktertiefe.

Die Ausgangslage ist schnell umrissen: Sechs Männer indischer Herkunft, allesamt mit einer kriminellen Vergangenheit, werden ohne Beweise festgenommen. Die Erfahrung schweißt sie zusammen – und führt zu einem Plan, der den LAPD finanziell den Boden unter den Füßen wegziehen soll: ein Bankraub. Doch wie bei allen guten Heist-Filmen ist der wahre Nervenkitzel nicht der Coup selbst, sondern das, was danach passiert. Misstrauen, Verrat, Gewalt – und am Ende ein blutiges Finale, das keine klaren Helden zurücklässt.

Schauspielerisch punktet der Film mit einem beeindruckenden Ensemble: Amitabh Bachchan verleiht Major Rampal eine Mischung aus väterlicher Autorität und tragischer Tiefe, während Sanjay Dutt als Ajju charismatisch und bedrohlich zugleich auftritt. Suniel Shetty und Lucky Ali ergänzen das Bild mit rauer Präsenz, und Mahesh Manjrekar liefert als Bali eine ungeschönte Street-Level-Figur.

Optisch und stilistisch ist Kaante deutlich westlich geprägt – Hochglanzbilder, langsame Zeitlupen bei Schusswechseln, kühle Farbfilter – und gleichzeitig durchsetzt mit den typischen Elementen des indischen Mainstreamkinos, wie der ikonischen „Ishq Samundar“-Songsequenz. Dieser Hybridstil ist nicht jedermanns Sache: Für Fans purer Tarantino-Ästhetik wirkt er manchmal überladen, für Bollywood-Puristen wiederum zu kühl und zynisch.

Das Drehbuch hat seine Stärken vor allem in der Charakterzeichnung und den Konflikten innerhalb der Gruppe. Schwächen zeigen sich dagegen in einigen Dialogpassagen, die im Versuch, cool zu wirken, etwas hölzern geraten, sowie in der überlangen Spielzeit, die dem straffen Thrillerkonzept ein wenig die Schärfe nimmt.


Unterm Strich ist Kaante kein Meisterwerk, aber ein stilbewusster, ambitionierter und ungewöhnlicher Vertreter des indischen Actionkinos, der sich traut, Genregrenzen zu überschreiten. Er bietet eine interessante kulturelle Übersetzung eines bekannten Stoffes und bleibt trotz seiner Schwächen im Gedächtnis.

Details
Ähnliche Filme