Paula Henning's Opa war seinerzeit eine Choryphäe am Heidelberger Anatomie-Institut, kein Wunder daß sie ihm nacheifern will. Schließlich möchte sie nicht eines Tages so enden wie ihr Vater: als Allgemeinmediziner in der eigenen Praxis versauern. Also will die junge Medizinstudentin in Opa's Fußstapfen treten und marschiert gen Heidelberg an selbiges Renommé-Institut um fortan Leichen zu sezieren.
Ob sie auch so eifrig Opa nacheifern wollte, wenn sie bereits zu Beginn geahnt hätte daß er seinerzeit einem Geheimbund angehörte, der sich einem antihippokratischen Eid verschworen hat? Wohl kaum! Doch auch jetzt noch trifft sie auf allerlei Merkwürdigkeiten am Anatomie-Institut und beginnt mit Nachforschungen. Denn es besteht der dringende Verdacht, daß der Geheimbund unter dem Kürzel "AAA" bis heute aktiv ist...
Munter plaudert die unbedarfte Gör von ihren Verschwörungstheorien in der Gegend herum. Niemand nimmt sie wirklich ernst, nicht einmal ihre Kommilitonin Gretchen. Ab diesem Zeitpunkt beginnt "Anatomie" in ein systematisch und berechnend gestricktes Muster zu verfallen. Zahlreiche Klischees wollen fortan erfüllt werden: Paula plappert sorglos, zahlreiche ominöse Mitstudenten stehen unter Verdacht, der graue Helfer im Hintergrund, der väterliche Professor der dann doch irgendwie in die Sache verstrickt ist, Liebschaften - und eine Polizei, die alles nicht glauben will und sich vornehm zurückhält.
Trotz allem glänzt der Film mit spannenden Elementen, gerade diese Unsicherheit mit der Regisseur Stefan Ruzowitzky spielt macht aus dem simplen Stoff ein spannendes Filmvergnügen, das der Romanvorlage zu weiten Teilen gerecht wird und die Spannung bis zum Ende transportiert. Natürlich hat alles ein Happy End für Paula, das kann man ruhig vorwegnehmen, schließlich reden wir hier von einem deutschen Film der ganz bewußt großen Hollywood-Produktionen nacheifern möchte. Trotzdem fragt man sich bis zum Schluß: wer steckt dahinter, was geht hier eigentlich vor?
Selbst ihrem neuen Freund Kaspar mißtraut der Zuschauer mehr als Paula es tut, schnell vermutet man einen anderen Hintergrund bei seinen Annäherungsversuchen ("was hast denn vor?" - "Kino, Eisdiele, Darmtrakt sezieren - irgendwas romantisches"). Auch gut: die wiederkehrenden Elemente, die immergleiche Kameraeinstellung beim Aufwachen auf dem Seziertisch oder die schaurige Musik der AAA-Schnippler.
Einige Szenen sind wirklich herrlich grausam gemacht, insbesondere die Sezierszene am lebenden Objekt gleich zu Beginn des Films. Auch die Schauspieler sind durchweg ganz ordentlich: Franka Potente glänzt natürlich, aber auch Benno Fürmann als Kontrahent macht seine Sache sehr ordentlich. Amüsant: Holger Speckhahn als liebestoller Aufreisser und Versager. Anna Loos macht ihre Sache passabel, wobei hier optische Reize eher faszinieren denn schauspielerisches Können - stört aber zumindest den männlichen Teil der Zuschauer nicht sonderlich.
"Anatomie" hat wirklich von allem etwas zu bieten und zählt somit zu den besseren Thrillern, die Deutschland zu bieten hat.
(6/10)