Review
von Leimbacher-Mario
Körperwelten - Der Film
Nie werde ich die dicke Litfaßsäule an der Einfahrt zu unserer Straße vergessen, in denen in den 90ern die neuesten Kinohits angepriesen wurden. Ein riesiges Raumschiff über New York, zwei coole Typen in schwarzen Anzügen mit außerirdisch aussehenden Knarren, ein massiver Wirbelsturm der eine Kuh herumwirbelt, eine von Lavamassen durchzogene amerikanische Großstadt. Nicht wenige dieser Hollywoodblockbuster durfte ich dank dieser Poster und meiner Hartnäckigkeit bei meinen Eltern dann auch mit im Kino gucken, mal mit erreichten und mal mit unterbotenen Erwartungen. Anders ging es mir bei „Anatomie“, dessen blau-lila-stylisches Poster samt Leiche ohne Kopf ich zwar mit am faszinierendsten fand, jedoch nicht mit ins Kino durfte. Da hätte ich lange betteln und fragen können, obwohl er noch nichtmal ab 18 war. Aber Hauptsache ich durfte/musste kurz darauf mit auf die berühmte Körperwelten-Ausstellung, die ja sogar einige Exponate dem Thriller zur Verfügung stellte... Man musste meine Eltern nicht verstehen. Dennoch konnte ich es natürlich kaum abwarten, bis ich „Anatomie“ daheim endlich doch noch gucken durfte, während ich schon damals merkte, wie sich der Slasher mit „Scream“, „Urban Legends“ und Co. zu meinem Guilty Pleasure-Lieblingssubgenre entwickelte...
Aber konnte „Anatomie“, in dem eine süße Franka Potente im beschaulichen Heidelberg gegen einen menschenverachtenden Medizinergeheimbund kämpft, meine (nicht nur kindlichen) Erwartungen denn auch erfüllen? Und hat sich der wohl berühmteste deutsche Slasher auch gut gehalten? Ja und jein. Damals fand ich „Anatomie“ grandios und sehr aufregend, heute und allgemein finde ich ihn beachtenswert und einigermaßen spannend. Für einen Slasher aus unseren Landen aber wirklich gelungen, wohl klar die Spitze des überschaulichen Eisbergs. Das kann sich durchaus mit internationalen Standards messen. Man ist schnell auf der Seite der feinen Franka, die Experimente und Sezierungen an den Menschen bei sehr gutem Bewusstsein sind schön eklig und fies, ein wenig „Hostel“- oder „Faces of Death“-Feeling machte sich damals breit, Heidelberg versprüht eine ganz eigene, intime Atmosphäre, insgesamt ergibt sich ein schöner Kontrast aus Wärme und Kälte, aus Stein und Metall, aus Leben und Tod. Die Fortsetzung kann da nicht ganz mithalten, kann man jedoch noch immer gucken. Zumindest wenn man wie ich auf das Genre steht. Schade, dass so ambitioniert danach in dieser Sparte nichts mehr hierzulande angegangen wurde.
Fazit: ein ikonischer deutscher Medizin-Slasher. Potent, Potente, porentief prall. Ein moderner Klassiker. Nicht super, aber irgendwie doch körperlich, eindringlich, effektiv, europäisch und... anders.