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„Wir gehören zusammen!“

Der französische Horror-, Erotik- und Pornofilmer Jean Rollin („Foltermühle der gefangenen Frauen“) veröffentlichte 1982 mit „The Living Dead Girl“ alias „Lady Dracula“ einen Erotik-Horrorfilm, der die klassische Vampirthematik für ein tragisches, phantastisches Drama aufgreift und auf seine eigene spezielle Weise variiert.

Die unterirdischen Gewölbe eines alten Schlosses werden von skrupellosen Industriellen zweckentfremdet, um Fässer hochgiftigen Abfalls illegal zu entsorgen. Als die Handlanger eines Tages neue Fässer hineintragen und sich an den dort befindenden Gräbern auf der Suche nach Wertgegenständen vergreifen, beschädigt ein plötzlich auftretendes Erdbeben die Fässer. Toxische Dämpfe treten aus, die die vor zwei Monaten dort noch in jungen Jahren zur letzten Ruhe gebettete Catherine (Françoise Blanchard, „Oase der gefangenen Frauen“) wieder zum Leben erwecken. Diese macht mit den Kriminellen kurzen Prozess und befindet sich fortan auf der Suche nach ihrer alten Blutsschwester Hélène (Marina Pierro, „Unmoralische Novizinnen“) – und braucht ständig frisches Blut…

In den trashigen Beginn brachte Rollin eine ökologische, industriekritische Aussage ein, wie man sie in ähnlicher Form aus seinem empfehlenswerten Zombiefilm „Foltermühle der gefangenen Frauen“ kennt. Doch darauf folgt düstere, morbide Poesie um ein wenig erstrebenswertes Leben nach dem Tod und die Romantik ewiger Freundschaft und Liebe, immer wieder jäh durchbrochen von nicht immer gut getricksten splatterigen Gewalteruptionen. Die untote Catherine erinnert sich an Hélène und den gemeinsamen Treueschwur zu Kindheitszeiten. Offensichtlich führten beide bis zu Catherines Tod eine lesbische Beziehung zueinander. Nachdem Catherine ihre Freundin aufgesucht hat, will Hélène zunächst nicht an ein Leben nach dem Tod glauben, wird aber zu Catherines Komplizin. Was durchaus interessant und nach nekrophiler Romantik klingt, wurde jedoch dramaturgisch fragwürdig mit viel Leerlauf und Füllmaterial, wie z.B. der Tanzszene während eines Volksfests bei unheimlich schlechter Musik, umgesetzt und stellt die Geduld des Zuschauers bisweilen auf eine harte Probe. So richtig durchdacht hat Rollin seine Geschichte leider auch nicht, denn wie ist es zu erklären, dass Catherine nach zwei Monaten in der Totengruft aussieht wie das pralle Leben, von Zersetzung, Mumi- oder Zombifizierung keine Spur?

Natürlich wären die Erotikszenen der nackt und paralysiert wirkend umherwandelnden Catherine unter diesen Umständen weniger ansehnlich ausgefallen, doch so hat es Rollin sich etwas sehr einfach gemacht. Auch an den Erotikanteil sollte man keine größeren Ansprüche stellen, denn mit prickelnden gleichgeschlechtlichen Liebesszenen, für die die Handlung jeden Anlass gegeben hatte, hält sich Rollin ebenfalls sehr zurück. Das ist sehr schade, denn so muss man bis zum Finale warten, bis „The Living Dead Girl“ wirklich überzeugen kann: Die schlussendliche Tötungs- und Konsumszene, die sehr ruhig und detailliert gefilmt wurde und aus der sowohl die unerschöpfliche Gier als auch die erbarmungswürdige Verzweiflung Catherins sprechen, stellt Rollins Talent unter Beweis und berührt stark auf emotionaler Ebene. Dies ist umso höher zu bewerten, als man zuvor nicht gerade bemüht war, Hélène als Sympathieträgerin zu etablieren, im Gegenteil: Die Frau ist unsympathisch wie nur was. Das Mitgefühl des Zuschauers entwickelt sich demnach auch ausschließlich für Catherine, denn der für sie schmerzhafte Verlust wiegt dann doch stärker als die Freude über Hélènes Ableben.

Aus einer neugierig machenden Idee fabrizierte Rollin einen (nicht nur auf die Produktionskosten bezogen) eher billig wirkenden Film, der über weite Strecken recht unbeholfen und unbefriedigend profan erscheint und letztlich zu inkonsequent ist, um mich zu begeistern. Schade, da hatte ich mir doch wesentlich mehr von versprochen.

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