Review
von Alex Kiensch
Der kleine Toro lebt während der Nachkriegszeit in einem Dorf in Italien. In diesem verschlafenen Nest ist das Kino noch die größte Attraktion und so kommt es, dass der kleine Junge sich mit dem Filmvorführer Alfredo anfreundet. Von ihm lernt er so viel über die Kunst des Filmvorführens, dass er ihn nach einem tragischen Unfall vertreten kann und in diesem Beruf die Bedeutung seines jungen Lebens zu erkennen glaubt. Doch mit der ersten großen Liebe ändert sich alles.
In wundervoll ruhigen und hellen Bildern, unterstützt von einer hervorragenden Kameraarbeit und einfühlsamer Musik des großen Ennio Morricone, eröffnet Regisseur Giuseppe Tornatore eine Hommage an die Kindheit und das Kino. Sein Dorf ist bevölkert von liebenswürdigen bis skurrilen Figuren, die alle ihre Macken haben, letztendlich aber gut miteinander auskommen. Die regelmäßigen Kinobesuche, zu denen sich beinahe die gesamte Bevölkerung trifft, gleichen mehr einem Fest: Hier wird gelacht, sich unterhalten und das Leben genossen.
Zusammen mit dem Pater des Dorfes, der sich jeden Film vorführen lässt und sämtliche Kussszenen herauszuschneiden befiehlt, und den Filmschnipseln, die im Laufe der Kinovorführungen immer wieder gezeigt werden, entsteht so eine wahre Liebeserklärung an das klassische Kino mit all seinen überholten Konventionen und längst vergessenen Stärken. Für Filmfans eröffnet sich hier eine ganz eigene Welt voller Nostalgie und Erinnerungen, die ihren ästhetischen Höhepunkt in jener prächtigen Szene findet, in der das Medium Film im wahrsten Wortsinne zum Leben erweckt wird: Wenn nämlich Alfredo einen Spiegel vor den Projektor hält, um den Leuten, die draußen auf dem Platz stehen und nicht mehr ins Kino hinein können, den Film auf eine Hauswand zu projizieren. Hier spürt man, wofür die gesamte Kunstrichtung des Films ursprünglich entstanden ist: Magie.
Auch die Figuren des Toro und Alfredo dienen diesem Ziele, schließen sie sich doch in ihrer Liebenswürdigkeit dem Zuschauer sofort ins Herz. Dabei entgehen sie geschickt üblichen Rollenklischees: Zum Beispiel erzählt Alfredo dem liebeskranken Toro eine tiefgründige Geschichte über Liebe und die Opfer, die man für sie bringen muss, nur um am Schluss zu sagen: "Frag mich bitte nicht, was das bedeutet. Ich weiß es nicht." Auch derart originelle Dialoge heben den Film auf ein elegantes Niveau.
Doch um Liebe geht es hier ja auch nicht - es geht um die Macht des Kinos, einen Teil der Welt einzufangen und in etwas Schöneres, Geheimnisvolles zu verwandeln. Es geht um die Liebe zum Kino und darum, was der Film für das wahre Leben bedeuten kann. Zwar ist es ein wenig schade, dass sich der Schluss dann doch ein wenig zu sehr in die Länge zieht; doch der Warmherzigkeit, Nostalgie und Lebensfreude dieses zurecht oscarprämierten Kino-Kleinods wird sich wohl kaum jemand entziehen können. Oder es auch nur wollen.