"La matriarca" hat es in keine Skandal-Film Auflistung gebracht, wurde nicht im Nachtprogramm diverser TV-Kabel-Kanäle verwurstet und erhielt nicht einmal ein Release auf einem einschlägigen Video-Label. Im Gegensatz zu Regisseur Campaniles wenig später folgenden Erotik-Komödien „Quando le donne avevano la coda“ (Als die Frauen noch Schwänze hatten, 1970) oder „Il merlo maschio“ (Das nackte Cello, 1971). Eine Reihe, die sich beliebig fortsetzen ließe. Das Drehbuch zu „La matriarca“ stammte zwar ausnahmsweise nicht vom Regisseur selbst, aber mit Ottavio Jemma war ein Autor daran beteiligt, der den erotischen Film Ende der 60er Jahre entscheidend prägte und auch eng mit Salvatore Samperi („Malizia“ (1973)) und Alberto Lattuada („La farò la padre“ (1974)) zusammenarbeitete. Die eigentliche Idee des Films ging aber zurück auf Nicolò Ferrari, der nur wenige Drehbücher und Regie-Arbeiten übernahm. Darunter mit „Laura nuda“ (1961) ein frühes kontroverses Werk über eine sexuell aktive Frau und ihre sich verändernde Rolle in der italienischen Gesellschaft.
Fast folgerichtig in Form eines Dramas, denn die gegenwartsbezogene sexuelle Thematik benötigte in den 60er Jahren in der Regel einen ernsthaften Hintergrund, der auch die soziale Fallhöhe im Handeln der Frau erkennen ließ. Der frivole, leichtfertige Umgang mit der Sexualität bedurfte dagegen entweder einer literarischen Vorlage („Der Reigen“) oder eines Ambientes im nicht bürgerlichen Milieu. Die zahlreichen Episodenfilme der 60er Jahre verstießen in ihrer komödiantischen Respektlosigkeit gegen diese Regel, aber Langfilme, die eine sexuell aktive Frau in den Mittelpunkt einer Story stellten, ohne ihr Verhalten zu relativieren oder zu dramatisieren, blieben die Ausnahme. Regisseur Festa Campanile schuf 1966 mit „Adulterio all’italiana“ (Seitensprung auf Italienisch) seine erste Erotik-Komödie über ein Ehepaar auf Abwegen, das lustvoll mit dem Fremdgehen kokettiert. Doch während der Ehemann schon in der ersten Szene im Bett einer anderen Schönen landete, blieb es bei seiner Ehefrau bei Anspielungen. Die letzte Konsequenz zog sie nicht.
Gespielt wurde die weibliche Hauptrolle in „Adulterio all’italiana“ von Catherine Spaak, ihr erster von vier Filmen unter der Regie Campaniles. Die seit den frühen 60er Jahren für ihre emanzipiert, erotischen Auftritte bekannte junge Darstellerin und der langjährige Drehbuchautor, als Regisseur ins Sex-Fach wechselnde Campanile waren eine ideale Kombination für die aufkommende „Commedia sexy“. Ihr Werdegang lässt aber auch erkennen, wie sensibel der Umgang mit dem Thema Sex Mitte der 60er Jahre noch sein musste. Trotz ihrer unmissverständlichen Freizügigkeit gegenüber Männern, verfiel Catherine Spaak in ihren Rollen nie in Promiskuität. Selbst in „La parmigiana“ (1963), in dem sie sich zeitweise prostituieren muss, ist sie nicht leicht zu haben. Einher ging diese noch den Anstand wahrende Inszenierung mit einer Zurückhaltung in den Bildern. Konkret nackt war Catherine Spaak nicht zu sehen.
„La matriarca“ bedeutete in mehrfacher Hinsicht eine Wende. Regisseur Campanile hatte zwar in „La cintura di castità“ (Der Keuschheitsgürtel, 1967) schon offenherzigere Blicke zugelassen, aber das betraf ausschließlich weibliche Nebenrollen. Zudem siedelte er die Handlung in eine weit zurückliegende, wenig authentische Vergangenheit an – eine Ende der 60er Jahre besonders im italienischen Erotik-Film aufkommende Mode, um der Zensur zu entgehen. „La matriarca“ ist dagegen ganz Gegenwart. Die Geschichte einer jungen Ehefrau aus dem gehobenen Bürgertum, die nach dem überraschenden Tod ihres Mannes feststellen muss, dass dieser sie nicht nur ständig betrogen hatte – darunter mit ihrer besten Freundin – sondern eine aufwändig eingerichtete Wohnung für Sex-Treffen vorhielt mit Studio für SM-Praktiken und einem Porno-Kino für selbst gedrehte Filme.
Doch während die erst im folgenden Jahr erschienenen einschlägigen Literatur-Verfilmungen „Marquis de Sade: Justine“ und „Le malizie di Venere“ (Venus im Pelz) noch heute einen skandalträchtigen Ruf genießen, ist „La matriarca“ nahezu unbekannt. Zu beiläufig im komödiantischen Kontext hantierte hier Campanile mit ungehemmtem Sex und sadistischen Spielchen. Zu verdanken ist das besonders Catherine Spaak, die sich von der braven Ehefrau zur scheinbaren Nymphomanin wandelt, ohne ihre selbstbewusst-spielerische Art zu verlieren und deren – verglichen mit ihren früheren Filmen – konkretere Nacktheit nur wenig voyeuristisch wirkte. Unverkrampft fordert sie Sex ein, in dem sie sich etwa nackt zu ihrem Tennislehrer (Philippe Leroy) unter die Dusche gesellt. Dieser, sonst ganz Macho, reagiert irritiert, kaum in der Lage, das offensichtliche Angebot annehmen zu können. Das gilt auch für die restliche Männerwelt, die sonst säuberlich nach Ehefrau und Geliebter zu trennen pflegt, und nicht damit umgehen kann, dass Mimi (Catherine Spaak) den Spieß einfach umdreht.
Diesem Umstand ist auch der Originaltitel „La matriarca“ (Die Matriarchin) zu verdanken, der Mimis Rollentausch zwar treffend beschreibt, aber nur wenig Erotik verheißt. Getoppt wird dieser Eindruck noch durch den deutschen Titel „Huckepack“, der auf Mimis Fetisch anspielt, die ihre größte Lust empfindet, wenn sie auf dem Rücken eines Mannes reiten kann. Losgelöst betrachtet klingt „Huckepack“ mehr nach einem Abenteuerfilm für Jugendliche, weshalb sich die Frage aufdrängt, warum der deutsche Verleih bei Campaniles Film auf die gewohnte Werbewirksamkeit sexbezogener Titel verzichtete. Eine Frage, die nah an die Berührungsängste führt, die ein Erotikkomödie im bürgerlichen Umfeld Ende der 60er Jahre noch auslöste – kein Beziehungsdrama, kein Crime-Hintergrund, kein exotischer oder historischer Schauplatz, keine exaltierten Persönlichkeiten, nicht einmal ein dokumentarischer Charakter.
Eine Normalität, die letztlich zum Scheitern des Films auch aus heutiger Sicht führte, denn das Mimi am Ende mit dem versponnenen Arzt Dr. Carlo De Marchi (Jean-Louis Trintignant) wieder einen Mann fürs Leben serviert bekam, schien ihren Ausbruch aus dem Rollen-Klischee schnell wieder zu beenden. „La matriarca“ verstand sich nicht als emanzipatorisches Experimentierfeld, sondern kommentierte ironisch die Ende der 60er Jahre grassierende Sex-Welle, die vor keinem Fetisch Halt machte, gleichzeitig die gewohnte Geschlechterordnung aber nicht in Frage stellte. Im Gegenteil bedeuteten die neuen Freiheiten für die Männer größere Entfaltungsmöglichkeiten, änderte aber nichts am „heiligen“ Status ihrer Ehefrauen. Diesem aktuellen Gesellschaftsbild fehlte zwar der konkrete kritische Gestus der frühen 60er Jahre, war aber ungewöhnlich leicht im Umgang mit der gegenwartsbezogenen sexuellen Thematik. Damit steht „La matriarca“ beispielhaft für den Übergang von der „Commedia all’italiana“ zur „Sexy“-Variante – der gesellschaftskritische Habitus nahm ab, die Selbstverständlichkeit von Sex im bürgerlichen Milieu nahm zu. (7/10)