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Endlich: Vertrautes TV-Format, viele Freiräume zur Entfaltung nach Lust und Laune, damit man der epischen Kleinstadtgeschichte von Stephen King - vor allem die Verzweigungen der vielen Charaktere betreffend - schlussendlich gerecht werden kann.
Natürlich, Tobe Hoopers Original ist auch ein TV-Film und in seiner Urfassung sogar noch ein klein wenig länger, nichtsdestotrotz bietet das als Zweiteiler verkaufte Update nach 25 Jahren neue erzählerische Möglichkeiten, die der 1979er “Salem’s Lot” noch nicht hatte. Eine Frischzellenkur hat der Stoff auch wirklich nötig, denn die Zeit nagte sehr am Erstprodukt. Abgesehen von den perlweißen Zähnen seiner Vampire und der blauen Haut seines Nosferatu ist Hoopers Arbeit, so unterhaltsam sie immer noch sein mag, ähnlich vergilbt wie die Buchseiten der Erstauflage des King’schen Romans. So wird nun also der kernige Rob Lowe als Ben Mears zurück in seinen Geburtsort geschickt, um dort auf gute Bekannte zu treffen, die zum Teil auch für uns “alte Häuser” sind: Donald Sutherland erblickt man da; Andre Braugher oder James Cromwell, und irgendwann sogar Rutger Hauer.

So, what’s new, Pussycat? Es ist in erster Linie wirklich die Modernisierung nicht nur in der optischen Gestaltung, vielmehr noch auf narrativer Ebene. Mikael Salomon hängt an der Vorlage, atmet sie ein und setzt sie im Verweben von Handlungsdispositionen und Charakterbeziehungen konsequent um. Das Buch hat in dieser Hinsicht einige Ähnlichkeit mit den spinnenetzartigen Personenkonstellationen, wie man sie aus “Tommyknockers” und “Needful Things” kennt, faselt dabei aber weniger herum als diese und spart sich unnütz aufgeblähte Sequenzen, was sich letztlich auch im geringeren Buchumfang erkenntlich macht. Und so muss man sich nun auch das TV-Remake vorstellen: Es holt wie seine literarische Vorlage weit aus, berücksichtigt viele Charaktere und kommt doch immer sehr elegant auf den Punkt.

Nimmt man mal den Prolog (und die daraus resultierende “was jetzt zu sehen ist, wird vom Hauptdarsteller als Geschichte erzählt”-Perspektive) heraus, beginnt alles wie im Roman: Schriftsteller Mears tuckert mit seinem Auto durch den kalten Ort, den er in der Kindheit mal seine Heimat nannte und alles wirkt vertraut. Nach und nach lernt man die Kleinstädter kennen. Das gelingt sehr umfassend. Auf Anhieb weiß man die unterschiedlichen Figuren einzuschätzen und obwohl sehr viele Informationen auf einmal verbreitet werden, vertraut man in die Erzählung und wird spätestens dann belohnt, wenn sich offene Handlungsstränge nach und nach schließen und alles einen Sinn ergibt.

Die Raffinesse liegt darin, dass das große Ganze in all der Zeit nie enthüllt wird. Salomon ist ein Handwerker und in seinem Haus wuchern die Termiten; man weiß als Beobachter nicht, wann und wo der Termitenbefall seinen Anfang nahm und wie er sich verbreitete; man bemerkt nur, dass hier mal der Putz von der Decke bröselt, da mal ein Tischbein kleine Löcher aufweist. Genau so funktioniert dieser Film: Er versetzt in Momentsituationen und langsam häufen sich die unheimlichen Vorkommnisse. Deren Ursprung wird aber sehr lange Zeit nicht gelüftet.

Deswegen ist “Salem’s Lot” für eine King-Verfilmung sehr untypisch. Würde normalerweise das Böse von Beginn an nicht nur personifiziert, sondern auch mit Emotionen verschnitten und präsentiert werden wie in einem pompösen Musical, ist es hier ein schleierhafter Brei, der sich unpersönlich ausbreitet. Da ist sie endlich wieder, die gute alte Furcht vor dem Unbekannten. Man weiß nicht, woher es kommt, also kann man es nicht einschätzen. Und was man nicht einschätzen kann, ist eine potenzielle Gefahr.

Hier bewegt sich das Remake über das Original hinaus, denn wo Hooper mit Vorliebe seinen auf klassisch geschminkten Supervillain zeigte und ihn zum blauen Ungetüm machte, sieht man von seinem Pendant Rutger Hauer lange Zeit nichts und wenn, ist er der unbekannte Mann im Schatten, wie in der Vorlage halt, ein wenig kokettierend gar mit dem hypnotisierenden Charme eines Bela Lugosi - wofür Hauer der rechte Mann am passenden Ort ist. Und tatsächlich zeigt Rutger wieder eine dieser Leistungen, bei denen man sich fragt, wieso er fast zeitlebens schon an Filmware partizipiert, die weit unter seinen Möglichkeiten liegt.

Dabei hat sich horrortechnisch seit damals nicht wirklich viel getan. Wo man verbessertes Make Up und groteskere Szenen vermuten sollte, findet man nur wieder die guten alten Plastikbeißerchen, Kontaktlinsen und unausgegorenes Wirework, so dass der 25 Jahre ältere Zuvorkömmling dagegen beinahe noch gruseliger dasteht. Es gibt zwar gewisse Momente - wie vor allem das Spiel mit der alten Regel, dass Vampire das Haus nur betreten dürfen, wenn der Hausbesitzer sie einlädt (was für mich immer ein Spannungskiller war, da ja schließlich niemand gezwungen wird, die Raffzähne eintreten zu lassen). Das wird auf erfreuliche Art auf die Spitze getrieben und beinahe fühlt man sich auf frischer Tat ertappt, als wenn man selbst unter Zugzwang stünde, die fliegenden Monster vor dem eigenen Fenster einzulassen. Insgesamt liegt der Schwerpunkt aber gar nicht mal so stark auf dem Horroraspekt, er ist eben wie die Bedrohung selbst eine Begleiterscheinung des größeren Zusammenhangs, der im Gegenzug schon reichlich Unbehagen schenkt - das ist aber eben unterschwelliger verpackt als im teilweise sensationslüsternen Original. Dass allerdings im Zuge dessen manche Effektszene insbesondere mit Wirework-Einlagen so dahingeschludert ausschaut, hätte man trotzdem vermeiden können.

Zu bemängeln wäre unter normalen Umständen weiterhin ein Spannungsbogen, der nicht immer so ganz auf der Höhe ist. Besonders in seiner fürs Fernsehformat zweigeteilten Form wird (angeblich, ich selbst habe immer alles in einem Zug genossen) eine aufgeplusterte Leere offenbar, die aber so eigentlich gar nicht vorhanden ist, wenn man die drei Stunden am Stück bei der Sache ist. Es gibt eben nur nicht diesen klassischen Aufbau vom ersten bis zum dritten beziehungsweise fünften Akt. Schließlich würde der dem systematischen Aufbau widersprechen und doch wieder auf die King-eigene spannungstechnische (Betonung auf “technisch”) Aufwiegelung bis zum Grande Finale hinauslaufen.

Insofern eine auch gerade unter dem Remake-Aspekt betrachtet gelungene Angelegenheit, visuell ohnehin. Hochsolides Flickwerk, das am Ende ein sehr interessantes Muster ergibt und auf diese Weise nicht nur die üblichen King-Klischees umschifft, sondern zugleich ganz schön interessant ist. Nichts von alledem reißt Bäume aus, geschweige denn die Leute richtig vom Hocker, gar nicht davon zu sprechen, dass irgendwas neu erfunden würde. Obwohl mancher Zuschauer sich aber von der emotionalen Unterkühlung gelangweilt fühlen könnte und hierin wohl auch diverse Längen erkennt, ist gerade dies nötig für den auf leisen Sohlen kommenden Kleinstadthorror. Love it or Hate it ist es nun nicht, aber man kann es mögen oder belanglos finden. Ich habe mich für die erste Möglichkeit entschieden.

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