Review

Ich würde “Nie wieder New York” mit einer Achterbahnfahrt vergleichen. Das ist ja zunächst einmal kein schlechtes Attribut. Es bürgt für Spannung und Tempo. Die Sache hat nur einen Haken: man ist in seinem Waggon eingeklemmt, und muss Runde für Runde drehen, ohne die Möglichkeit zu haben, auszusteigen. Irgendwann wird einem natürlich schlecht. Und die Achterbahnfahrt verwandelt sich in ein schwindelerregendes Delirium.

Der strukturelle Aufbau von Arthur Hillers (“Die Glücksjäger”) Film lässt sich im Rahmen dieses Bildes wie folgt aufteilen: die Fahrgäste sind das Ehepaar George (Jack Lemmon) und Gwen (Sandy Dennis) Kellerman, die Fahrkabine ist die Kamera, die den Werdegang der Kellermans unentwegt verfolgt, und die ständig vorbeihuschende Umgebung, welche die Achterbahn passiert, das sind die durchweg wechselnden Locations und New Yorker Kontaktpersonen, mit denen die Kellermans in Berührung kommen.

Darum geht es: die Kellermans sind Provinzler, und zumindest George fühlt sich mit seinem Leben unzufrieden. Als sich ihm die Möglichkeit bietet, einen Job in New York anzunehmen, ergreift er die Gelegenheit und macht sich mit seiner Frau auf den Weg in die Großstadt. Um Punkt neun Uhr morgens muss er in einer Besprechung sein. Bleibt also viel Zeit für eine geruhsame Nacht in einem luxuriösen Hotel mit Abendessen und allem drum und dran. Könnte man zumindest meinen, denn ganz so einfach gestaltet sich der Weg nach New York dann doch nicht...

Der Film steigt bereits ein in der Fahrt zum Flughafen. Von hier an begleiten wir die Kellermans nun durchgehend bis zum Ende des Films, was bedeutet, dass wir zu keiner Zeit von ihrer Seite weichen. Was nun folgt, ist eine Odyssee bis zum Zielort und durch ihn hindurch. Ziel ist es, zu zeigen, wie ein recht unkompliziertes Vorhaben sich durch vereinzelte Mißgeschicke zu einer einzigen sämigen Pechsträhne entwickeln kann. Die Mißgeschicke an sich sind stets nachvollziehbar und immer im Bereich des Möglichen, doch zusammengenommen ergeben sie einen einzigen Unglücksknoten, bei dem man als Zuschauer direkt nachfühlen kann, wie die Wut aufsteigt und das Gefühl, dass sich alles gegen einen verschworen hat. Das wird dadurch verstärkt, dass man das Ehepaar eben stets begleitet und Zeuge von den unglücklichen Zufällen wird, die durch die Verzweiflung der Hauptdarsteller am Ende von diesen noch selbst verstärkt werden.

Die erste halbe Stunde ist für den Zuschauer nun eine echte Herausforderung, was speziell an der Figur liegt, die von Jack Lemmon gespielt wird. Sein George Kellerman erscheint auf den ersten Blick als echter Unsympath. Er ist zunächst übermäßig euphorisch bezüglich seines Jobangebots, wobei ihm nicht auffällt, dass seine Frau gar nicht so begeistert davon ist, nach New York zu gehen. Wenn etwas nicht vollkommen zu seiner Zufriedenheit verläuft, wird er im Handumdrehen pampig und notiert sich sofort die Namen seiner Kontrahenten, um mit einem Gerichtsverfahren zu drohen. Wenn ihm etwas nicht passt, projiziert er das Gefühl auf seine Frau (“Meine Frau findet das nicht in Ordnung. Sag’s ihm, Schatz!”). Kurzum, Mister Kellerman ist ein unerträglicher Drecksack, der alle Charaktereigenschaften hat, die einen unsympathisch machen. Verstärkt wird dieser Eindruck noch dadurch, dass seine Frau zumindest anfangs noch eine zurückhaltende Person ist, die ihren Mann grundsätzlich unterstützt, auch wenn sie selbst dadurch gedemütigt wird. Ein herzensguter Mensch, von dem man sich fragt, wieso er mit so einem Ekel verheiratet ist.
Dieses Ungleichverhältnis stößt zu Beginn noch sauer auf, zumal Arthur Hiller dem Zuschauer nie die Möglichkeit gibt, sich von dem Ehepaar abzuwenden. Man wird zu einem Mitreisenden, der gezwungen ist, die Kellermans auf ihrer Geschäftsreise zu begleiten. Sozusagen eine unfreiwillige Kooperation auf Zeit.
Man will beinahe sagen, dass es keinen Spaß macht, an diesem Trip teilzuhaben. Und wenn man dann auf dem Flughafen die Menschenmassen sieht, die wie ein verwirrtes Rudel von Lemmingen hin- und herrasen, dann wird einem wortwörtlich schwindelig. Wie auf einer Achterbahn, wenn man bereits die zehnte Runde hinter sich hat und keine Möglichkeit findet, auszusteigen.

Aber: man gewöhnt sich dran. Nachdem die Kellermans ihre Koffer verloren, mit dem Flieger umgeleitet, den Zug verpasst, das Hotelzimmer abgegeben und mehrfach überfallen worden waren, ist man ihnen näher gekommen. Schließlich wünscht man niemandem eine solche Nacht. Auch Georges Marotten versteht man nun besser, so dass sie beinahe witzig werden. Wenn der gute George nun schon den zwanzigsten Namen des zwanzigsten Dienstleisters - sei es ein Polizist, ein Taxifahrer, Flugpersonal oder der Hotelportier - auf seinem Notizblock vermerkt und ihm mit einem Gerichtsverfahren droht, kann man sich kaum noch ein Schmunzeln verkneifen, nachdem diese Eigenart zu Beginn noch genervt hatte. Die Dialoge werden ebenfalls immer zynischer und damit witziger, je niedergeschlagener die Situation der Kellermans aussieht (“Hörst du das? Da weint jemand!” “Vielleicht ist es der Mann mit dem schwarzen Cape, der mir die Uhr gestohlen hat. Vielleicht gefällt sie ihm nicht.”). Als der Morgen dieser unseligen ersten Nacht in New York hereinbricht, hat man die Provinzler ins Herz geschlossen.

Wie im letzten Abschnitt schon deutlich wurde, ist “Nie wieder New York” alles in allem eine zynische Komödie. Nicht immer ist man sich sicher, ob komödiantische Elemente am besten geeignet sind, um die Story zu erzählen. Aus Sicht des Regisseurs natürlich schon. Er befindet sich in seinem Element, und der Humor, der “Die Glücksjäger” später ausgezeichnet hatte, lässt sich hier in seiner frühen Form wiederfinden.
Jedoch immer, wenn man das Gefühl hat, die Geschichte will über die pure Unterhaltung der Schnitzeljagd hinaus, erscheint der Komödiencharakter des Films nicht unbedingt unpassend, aber doch irgendwie eher wie die zweite Wahl. Anfangs etwa hat man das Gefühl, Arthur Hiller wolle auf die Informationsgesellschaft anspielen, auf die Hektik der modernen Zeit mit den riesigen Flughäfen, Menschenmassen, urbanen Zentren, Jobs in Großstädten. Und das tut er natürlich auch. Die Kellermans sind Provinzler, Gwen ist die rational denkende Frau, die lieber bei ihren Wurzeln bleiben will, während George, der zumindest anfangs die Veränderung will, als Mensch dargestellt wird, der zuerst blind vor Euphorie über den neuen Job und dann blind vor Wut über die zahlreichen Macken des Gesellschaftssystems von einem Fettnäpfchen ins andere stolpert. Er ist also der irrational Agierende (zumindest bis zum Finale, das ihm die Augen öffnet), während seine Frau immer den klaren Kopf behält. Ganz klar wird hier ein Veto eingelegt für weniger Hektik, weniger von dem globalen Wahnsinn, der uns wie Mäuse durch ein riesiges Labyrinth irren lässt, die ihren inneren Kompass verloren haben.
Sobald die Kellermans jedoch in New York angekommen sind, wechselt Hiller in die Mikroperspektive. Fortan werden die Auswirkungen der makroperspektivischen Strukturen (Flughäfen, die New Yorker Skyline) aufgezeigt: weinende Kinder, die alleine im Park sitzen, raffinierte Gauner, die ahnungslosen Fremden die Kohle aus der Tasche ziehen.
In Anbetracht dieser Thematik lässt uns der Regisseur oft im Unklaren darüber, was sein Film in welcher Szene nun will: handelt es sich eher um ein unterhaltendes Road Movie oder soll eine ernsthafte Botschaft ausgesendet werden? Oder gar beides? Das wird leider nicht immer ganz deutlich und muss deswegen als Kritikpunkt herhalten, der zusammen mit der mühsamen ersten halben Stunde, wenngleich diese irgendwo auch notwendig ist, für Abzüge sorgt.

Nichtsdestotrotz ist “Nie wieder New York” mit einer seltenen Wirkung versehen: er lässt nicht nur die beiden Hauptfiguren, nein, er lässt vor allem den Zuschauer selbst eine Entwicklung durchmachen. Fern jeglicher Identifikationsperson, die hier offensichtlich fehlt, nimmt man selbst als eigenständige Person eine Position im Film ein und begleitet das Ehepaar als ganz eigene Figur durch den Film. Die Veränderungen zeigen sich nicht in den Aktionen der Protagonisten; George flucht und zetert auch am Ende noch, während seine Frau trotz diverser kleinerer Jammereien bis zuletzt die Gelassenheit bewahrt. Stattdessen vollzieht sich die Veränderung im Kopf des Betrachters, denn alleine durch die Kumulation der unentwegt aufeinander folgenden Mißgeschicke verändert sich das Licht, in dem man die Kellermans betrachtet. Das ist die Wirkung, die “Nie mehr New York” entfaltet und die ihn sehenswert macht. Dass gerade die erste halbe Stunde etwas anstrengend ist, muss für diese Frucht in Kauf genommen werden.

Und am Ende öffnet sich der Schließbügel ja doch. Oder scheint es nur so, als ob?

7/10

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