Gute Nacht, mein Liebes,
Gute Nacht und träume süss,
Wenn Du wieder erwachst,
Gib Dein Geheimnis nicht preis.
"Valerie" ist ein wunderbares, verträumtes und sehr verrücktes Märchen für Erwachsene. Gleich die ersten Bilder und diese unbeschreiblich schöne Musikuntermalung wissen zu gefallen und verzaubern zugleich. Sofort befindet man sich im Geschehen. Ein hübsches junges Mädchen schläft in einem Gartenhaus aus Glas. Ein junger Mann schwingt sich vom Dach hinunter und stiehlt ihre Ohrringe. Kurz darauf erwacht das Mädchen und kann gerade noch sehen, wer ihr die Ohrringe gestohlen hat. Doch dieser junge Mann ist nicht allein, ein mysteriöser Fremder mit einer grässlichen Fratze ist bei ihm und schlägt ihn.
Doch dies ist nur der Beginn einer Geschichte, die eines verrückten Traumes nicht unähnlich zu sein scheint. Voll mit Symbolen und anderen Metaphern, voll von Gegensätzen, voll von Magie und Schrecken. Valerie befindet sich an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Sie hat ihre erste Menstruation erlitten und prombt scheint sich die Welt um sie herum zu verändern; und auch sie scheint sich zu verändern. Und auch wieder nicht. Sie trägt meistens immer noch ihre weißen Kleider, die sie rein und jungfräulich wirken lassen. Doch mit bisher unbekannter Neugierde erforscht sie ihre Umgebung um festzustellen, dass die ihr bisher vertrauten Personen sich verändert haben. Und dass sich auch ihre Wirkung auf die Umwelt, besonders auf die Männer, stark verändert haben.
Valerie lässt den Zuschauer teilhaben an ihrer verrückten und gleichzeitig atemberaubenden Entdeckungsreise durch eine sich verändernde Welt oder eines Traumes? Es muss ein Traum sein, denn gegen Mitte des Filmes will sie eigentlich nur noch aufwachen...
"Valerie" bietet unglaublich viele Allegorien auf die damalige und auch auf die heutige Realität. Er spielt geradezu mit den verschiedenen uns bekannten Genres: er weist Teile von Schauergeschichten auf, sowie Elemente des Fantasyfilms und diverser Märchen. Er verneigt sich auch vor seiner Entstehungszeit (gedreht 1969, Urauffühung 1970), indem er in vielen Szenen den Lebensgeist der Hippie-Bewegung aufzeigt: freie Liebe, fröhliche Menschen tanzen miteinander und sogar die Thematik der "Blumenkinder" greift der Regisseur Jaromil Jireš sehr wörtlich auf. Und Valeries Ohrringe, die magische Kräfte zu besitzen scheinen und die sie immer wieder vor dem Bösen retten, könnte man gleichsetzen mit den halluzinogenen Drogen durch die man damals sowie auch heute "flüchten" konnte; sich vor dem "Bösen" entziehen konnte.
Doch dieses Märchen bietet noch viel mehr. Das Aussehen des Bösewichts, der gleich als mehrere Figuren auftaucht (Vater, Priester, Wachtmeister) kann als Homage an Murnau's "Nosferatu" gesehen werden. Überhaupt bedient sich der Film in vielerlei Hinsicht den Motiven eines schönen gothischen Vampirfilmes, sei es in den unterirdischen Sets des Bösewichts oder in der Tatsache, dass dieser Blut trinken muss, um überleben zu können. Des weiteren die Sehnsucht von Valeries Großmutter und weiteren Personen nach ewiger Jugend. Die Kirche, besonders der Katholizismus, bekommt hier auch den Spiegel vor das Gesicht gehalten, denn der aus Afrika zurückkehrende Missionar Gracian versucht die junge Valerie zu vergewaltigen. Als sie ihm trotz allem später das Leben rettet, will er sie als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrennen, da sie versucht habe ihn "sündig" zu verführen. Auch in den Gesichtern der Protagonisten spielt sich diese "Religionskritik" wider. Während die freidenkenden Spaß haben und zumeist voller Leben und jung dargestellt werden, wirken die frommen "Katholiken" blass, eher alt und ausgelaugt; Spaß scheint ihnen fremd.
Auch eine schöne Metapher stellt der Zusatztitel dar: "Eine Woche voller Wunder", könnte doch damit die erste Menstruationswoche im Leben der jungen Valerie gemeint sein, welche Veränderungen mit sich bringt und ihr diese neue Wunder aber auch bisher ungekannten Ärger beschert.
Wer sich für diese Thematik noch mehr interessiert, dem sei das Booklet zum Film der DVD-Auflage ans Herz gelegt. Darin sind verschiedene Essays enthalten, die sich mit dem Film und seinen Metaphern aber auch mit der Entstehungsgeschichte befassen.
Filmtechnisch bleibt noch zu sagen, dass man hier wieder einmal eindrucksvoll sieht, dass es keinen Effekte-Overkill braucht um ein hinreißendes Fantasy-Märchen erschaffen zu können. Die Sets sind einfach (Kellergewölbe, Wald, Wiesen) gehalten und die Kostüme nur noch traumhaft. Die Schauspieler, allen voran die bezaubernde Jaroslava Schallerová, machen ihre Sache sehr gut und die Kamera, unterstützt von dieser unheimlich tollen Musik, sorgt für Bildkompositionen, die einem im Gedächtnis nachhallen werden.
Jaromil Jireš ist ein wundervolles surrealistisches Märchen geglückt, dass leicht erotisierend, erschreckend, faszinierend, unglaublich naiv und einfach wundervoll traumatisierend zugleich ist. Jeder, der solche Filme mag sollte ihn sich sofort ansehen und an all die anderen bleibt mir eigentlich nur noch zu sagen: Vergesst einfach mal die üblichen Sehgewohnheiten und lasst euch von "Valerie" verführen und entführen, in eine Traumwelt, in der alles möglich sein kann!