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Explosive Exploitation auf Navarone - oder die Geburt des „Men on a Mission“-Genres


Als Actionfan ist man ja gesegnet mit einer ganzen Batterie an Subgenres. Besonders beliebt ist dabei vor allem das „Men on a Mission“-Konzept. Das geht in etwa so:  Ein wild zusammengewürfelter Haufen kampfgestählter Alphatiere marschiert mit lakonischer Gelassenheit und beinharter Kaltschnäuzigkeit in ein Himmelfahrtskommando, bei dem die Erfolgsaussichten umgekehrt proportional zur Größe ihrer Egos scheinen. Umso kolossaler dann natürlich der Triumph, wenn es dennoch klappt.

Wer jetzt an die seligen 80er Jahre denkt, liegt nicht ganz falsch, wenn auch die Herren Schwarzenegger und Stallone den lästigen Gruppengedanken über Bord warfen und das Sub-Sub-Genre „MAn on a Mission“ begründeten. Nein, da müssen wir schon noch einmal zwei Dekaden zurück gehen als die Stars auch noch andere Ballermänner neben sich duldeten. Das glorreiche Septett finsterer Revolver-Samurai gibt schon mal die grobe Marschrichtung vor, aber der wirkliche Startschuss kommt aus den Rohren der Doppelkanonen von Navarone.
Denn zum „Men on a Mission“-Baukasten gehört der Krieg wie das Messer zu Rambo. Hier konnte man nicht nur bestens die so wichtige Übermachtskarte ausspielen, hier hatte man auch zwei Feindbilder die international funktionierten, zumindest in der westlichen Hemisphere. War der Krieg ein heißer, ging es gegen Nazi-Deutschland, war er schon erkaltet, dann durfte Sowjet-Russland dran glauben.

Zu einer solch knackigen Grundformel gehört aber auch ein ebenso knackiges Story-Gerüst und da kommt ein schottischer Veteran mit dem so typischen Namen MacLean ins Spiel. Von Mitte der 1950er bis Mitte der 1960erJahre dürfte der trinkfeste Romancier die Telefonliste sämtlicher Hollywood-Produzenten mit Hang zur großen Knallerei angeführt haben. Bekanntlich liebt die Traumfabrik nichts inniger als filmisch geschriebene Romane und der gute Alistair ist dafür die Idealbesetzung. Kernige Typen, gefährliche Aufträge, perfide Feinde, Täuschung, Verrat und reihenweise Twists, MacLean nahm stets den größten Pinsel und trug damit großzügigst auf. Von 1957-1967 landeten sechs seiner Romane (u.a. "The Guns of Navarone“, "Ice Station Zebra“, "Where Eagles Dare“) auf der großen Leinwand. Die Navarone-Kanonen machten den Auftakt und gaben auch gleich das Schema vor: Eine Handvoll Stars, ein Haufen Statisten, ein Team für Pyrotechnik, eins für Stunts aller Art und eins für Knallereien und Keilereien. Dazu noch ein schmissiges Musik-Thema und ein Regisseur, der in dem ganzen Trubel nicht den Überblick verliert.

Also fanden sich Gregory Peck, Anthony Quinn, David Niven, Irene Papas im März 1960 auf Rhodos ein um J. Lee Thompsons Anweisungen zu folgen. Zwar war das kanonenbestückte Inselchen Navarone ein fiktives, aber die Zugehörigkeit zur griechischen Inselwelt und die strategische Rolle als Wachbatterie der Ägäis sorgten für eine klare geographische Verortung. Zeitlich ging man gut 15 Jahre zurück (1943) und viele Einheimische werden die Besetzung durch Nazi-Deutschland miterlebt haben und einer Produktion, die den ehemaligen Besatzern in einer groß angelegten Actionsauße das Handwerk legt, bestimmt sehr wohlwollend begegnet sein. Und tatsächlich scheint die Stimmung vor Ort und am Set prächtig gewesen zu sein.

Hört man sich die schwelgerischen Berichte vieler Beteiligter an, dann bekommt man fast den Eindruck eines Urlaubsdrehs. Die pittoresken und seinerzeit noch nicht touristisch hemmungslos ausgeschlachteten Schauplätze machen dann auch einen Großteil des nostalgischen Abenteuercharmes aus, der auch heute noch verfängt. Die anschließende Soundstage-Runde iim klimatisch weniger angenehmen London dürfte deutlich ungemütlicher gewesen sein, zumal der Cast wochenlang von Wassermassen und Windmaschinen auf einer Hydraulikbühne durchgeschüttelt wurde. Dazu durften Peck und Co noch an einer Papp-Felswand, den titelgebenden XXXL-Kanonen und in einer eigens gebauten Höhle herumklettern. Das sieht dann mit entsprechendem Abstand nicht mehr ganz so gut aus und erfreut hautsächlich den Nostalgiker. Vor allem die Wechsel zwischen realen Sets und deutlichst erkennbaren Modellaufnahmen zerstören ein ums andere Mal den Sense Of Wonder, aber wenigstens bleiben uns die modernen CGI-Untaten erspart.

Zwar darf die in Wehrmachtsuniformen gesteckte Hundertschaft der griechischen Armee eigentlich nur auf der gefühlt immer gleichen Straße hin und her düsen, aber immerhin ist der Gegner nicht nur zahlreich sondern auch aus Fleisch und Blut. Denn eines ist im „Men on a Mission“-Konzept geradezu essentiell: die Helden brauchen permanent Nachschub, um den David-gegen-Goliath-Ansatz einigermaßen spannungsfördernd bis zum Ende durchzuziehen, zumal der Gegner sich immer wieder schon allein durch eigene Inkompetenz signifikant dezimiert. Schließlich bedrohen die beiden Riesenrohre 2000 in der Falle sitzende Briten und einen zu ihrer Rettung ausgelaufenen Geleitzug. Da muss schon ordentlich Widerstand auf- und angeboten werden, sonst verkommen unsere Himmelfahrts-Helden zu schnöden Sprengmeistern. Nicht dass wir diese Expertise von ihnen nicht entsprechend zelebriert haben wollen, denn so ein finaler Rums gehört zu jeder anständigen Combat-Mission. Und natürlich werden wir nicht enttäuscht, der Exodus der fast schon bemitleidenswerten Geschütze wird geradezu episch ausgewalzt und darf von unten, von oben, von der Seite, aus der Entfernung und natürlich auch ganz aus der Nähe genossen werden. Das hat schon fast was von einer Silvesterparty und man ist regelrecht enttäuscht, dass Peck und Quinn keine Sektflasche köpfen.

Das haben dann sicher die Produzenten nachgeholt, denn THE GUNS OF NAVARONE war Hit und Trendsetter zugleich, womit Hollywoods Lieblingsgroßwetterlage aufgezogen war: der Dollar-Dauerregen. Der action-affine Filmfreund sollte hier aber ebenfalls in Feierlaune kommen. Auch wenn der Film an sich ordentlich Angriffsflächen wie allzu gemütlicher Spannungsaufbau, allzu leicht bezwingbare Gegnerscharen, oder allzu vordergründiger Modellbau- und Malkastenenthusiasmus bietet, so hat er uns doch ein Subgenre beschert, das bis heute quicklebendig ist, auch wenn wir seinen Mainstream-Ableger in Form superheldischer Jumpsuit-Rächer durchaus kritisch sehen. Da scheint die großkalibrige Altherrenriege der 80er und 90er Jahre schon weniger entbehrlich, immerhin schließen sie den Kreis von „Men“ zu „Man“ zurück zu „Men on a Mission“ entsprechend knallig. Darauf ein dreifaches imaginäres „Yamas“ an Gregory, Anthony und J. Lee.

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