Review

John Rambo wurde neben Boxer Rocky Balboa zu Sylvester Stallones Paraderolle und wird gemeinhin mit flachen, US-propagandistischen Actionreißern in Verbindung gebracht. Dass die Intention des Ursprungs der Reihe, „First Blood“ aus dem Jahre 1982, inszeniert von Regisseur Ted Kotcheff nach einer Literaturvorlage von David Morrell, noch anderer Natur war, geriet leider etwas in Vergessenheit. Dieser setzt sich nämlich differenziert mit dem US-amerikanischen Vietnam-Trauma in Form eines harten Actiondramas auseinander. Die Ausgangssituation: John Rambo zieht durch die Lande und muss erfahren, dass auch sein letzter Freund aus seiner Vietnamkriegszeit gestorben ist. Einsam zieht er durch die Lande, bis er von einem faschistoiden Kleinstadtbullen verhaftet wird, der in ihm einen nutzlosen Tunichtgut sieht und ihn zusammen mit seinen Kollegen demütigt und misshandelt. Doch Rambo setzt sich zur Wehr und verwickelt die Staatsmacht in einen Guerillakrieg, in den er seine Erfahrungen und Kenntnisse aus dem Krieg einbringt. Der Guerillakampf ist das, was er gelernt hat, worin er sich heimisch in einer ihm feindlich gesinnten Umwelt fühlt. Er portiert diesen Krieg in ein reaktionäres, amerikanisches Nest und verteidigt sich gegen die Angriffe auf seine Person… Eine geniale Idee, die zudem filmisch fast makellos umgesetzt wurde. Der Zuschauer identifiziert sich mit Rambo und entwickelt eine tiefe Verachtung für die übermächtig erscheinende Exekutive, die mit der Situation überfordert, aber auch nicht bereit ist, klein beizugeben. Rambo ist hier ein Einzelkämpfer, ein psychisches Wrack, ein verstoßenes Individuum, keinesfalls ein eiskalter Killer - und er handelt nicht im Auftrag eines Staates oder einer politischen Organisation. Ironischerweise ist er ein Produkt derer, die ihn nun verstoßen, eine tragische Figur, die es nicht geben darf, da sie wie eine alte Kriegsverletzung an das Geschehene, das man am liebsten aus dem kollektiven Bewusstsein streichen würde, erinnert. Ihm persönlich geht es lediglich um die Rettung seiner Haut, und zu verlieren hat er ohnehin nichts. Alle Freunde sind tot und richtig Fuß konnte er außerhalb des Krieges anscheinend nie fassen. Vielerorts verurteilt die Öffentlichkeit den verbrecherischen Vietnamkrieg mittlerweile, während Rambo und andere Soldaten dachten und erzählt bekamen, das Richtige zu tun. Rambo konfrontiert die vermeintlich heile Vorstadtwelt mit dem, was er tausende Kilometer entfernt in einem schmutzigen Krieg erfahren und ausgeübt hat. Dadurch werden die Kriegsgreuel ins Bewusstsein gerufen, werden abstrahiert, geradezu plastisch. Der ungleiche Kampf zieht sich hin, es werden seitens der Staatsmacht immer schwerere Geschütze aufgefahren und die Verwüstung und Zerstörung nimmt ungeahnte Ausmaße an – bis es zu einem klassischen, letzten Mann-gegen-Mann-Duell kommt. Das Auftauchen seines alten Vorgesetzten aus Kriegszeiten dient in erster Linie dazu, Rambo zu charakterisieren. Er steht dem Sheriff Rat zur Seite und schafft es mehr schlecht als recht, seine Sympathie für seinen Ex-Zögling zu verbergen, was natürlich ebenfalls zu Konflikten führt. Sympathiebekundungen entwickelt auch das jüngste Mitglied der örtlichen Polizei, was man als Unverdorbenheit der Jugend deuten mag. Durch seinen Beruf und daraus resultierende eingegangenen Verpflichtungen sowie den Gruppenzwang seiner Kameraden kann oder will sich der Situation aber nicht entziehen – ebenso wenig wie ein Soldat im Krieg. Schade, dass diesem interessanten Aspekt nicht mehr Tiefgang eingeräumt wurde. Stallone spielt seine Rolle solide und hat gegen Ende sogar einen überzeugenden, traurig-emotionalen Moment. Dieser, in dem er sein Leid darüber klagt, dass ihn Antikriegsdemonstranten nach seiner Rückkehr mit Verachtung gestraft haben, sorgt ebenso wie die eingestreuten, einseitigen Erinnerungsbilder aus Rambos Gedächtnis, die lediglich für ihn bedrohliche Situationen statt auch das Wüten der US-Truppen zeigen, perfider- (oder aus Produzentensicht genialer-)weise dafür, dass sich auch die Kriegsbefürworter unter den Zuschauern für diesen Film begeistern können. Andererseits verhindert „First Blood“ so eine allzu plakative Auseinandersetzung mit dem Thema. Der erste „Rambo“-Film hatte noch nicht viel mit den weltanschaulich fragwürdigen Fortsetzungen und trashigen Exkursionen Stallones späterer Filme zu tun, die mit einem stark vereinfachten Gut-Böse-Schema „Law and Order“ glorifizieren. Wer diese ablehnt, sollte sich dennoch – oder gerade deshalb – Rambos Debüt unbedingt einmal ansehen.

Details
Ähnliche Filme