Es gibt mittlerweile schon eine Reihe von Filmen, in welchen sich die Clique um Ben Stiller, Will Ferrell, Vince Vaughn und die Wilson-Brüder eine bestimmte Branche, einen bestimmten Interessenbereich auswählte (die Modewelt in "Zoolander", der Fitness/Sport-Bereich in "Dodgeball", das 70's Krimi-Genre im "Starsky & Hutch" - Remake) und innerhalb der Grenzen dieses abgesteckten Bereichs durch exzessives Zitieren und Überzeichnen der systeminternen Regeln und Erkennungsmarken ein eigenwilliges und nicht selten urkomisches Gag-Spektakel hinlegte.
"Anchorman" gehört zunächst genau in diese Reihe: das ausgewählte und streng abgesteckte Parkett ist (wieder mal retro!) eine Fernseh-Nachrichtenredaktion der 70er Jahre. Doch die Tatsache, dass der Film auf verschiedene Arten gelesen werden kann, dass er auch in seiner Komik über eine hoch intelligent angelegte Tiefenstruktur verfügt, hebt "Anchorman" noch ein Stück von den oben genannten Werken ab: "Anchorman" kann gleichermaßen U- wie E-Film sein, er funktioniert als Hirn-Ausschalt-Brachialklamauk ebenso wie als scharfsinnige Satire oder als perfekt konstruiertes Zitatespiel.
Als mögliche (anspruchsvolle) Tiefenstrukturen im Film etwa kann man die Dekonstruktion männlicher Machtstrukturen im Medienbiz der Siebziger oder den (tellerrand-losen) Provinzialismus und Trivialismus amerikanischer Informationspolitik ansehen. Muss man aber nicht!
Wem das zu weit hergeholt ist, der kann gleichtzeitig "Anchorman" auch als extrem liebevolle und detailverliebte postmoderne Hommage an die Betonfrisuren, Stilpräferenzen und das pathetische Gequatsche der zitierten Zeit ansehen. Will Ferrell und Co. leisten wirklich Großes, wenn sie mit einer unglaublichen Spielfreude die Gesten, den Kitsch und das Pathos der Siebziger zitieren und überzeichnen. Sie treffen in ihrer Überaffirmation von Sprüchen, Posen oder idiotischen Männlichkeitsvorstellungen genau den richtigen Ton, indem sie zwar überzeichnen und somit die zitierten Vorlagen ironisieren und ihnen ihre "Eigentlichkeit" nehmen, aber niemals durch zu extreme Überzeichnung die Darstellung brechen oder ins Lächerliche, zu Effektorientierte abdriften lassen - man bleibt, wenn man so will, immer innerhalb des Diskurses...
Ich glaube übrigens, dass hier das Problem liegt, was viele Leute mit dem Humor von Ferrell & Co. haben: entweder sie merken überhaupt gar nicht, dass zum Beispiel total danebene, aber damals in der Art wohl übliche Macho-Anmachen, wie sie -überspitzt- etwa in "Anchorman" vorkommen, hier als Zitat eingesetzt werden und nur uneigentlich gemeint sind (sie bemerken also die subtile Überaffirmation nicht, die zur Komik führt), oder sie bemerken zwar die Komik, sind aber irgendwie mehr offensichtliche Effekt-Verarsche a la "Hot Fuzz" gewohnt und übersehen somit den Wert, den das exakt richtig dosierte Overacting für den geneigten Filmliebhaber hat! Die unglaubliche Komik, die sich hier entfaltet, besteht meiner Meinung nach ja gerade darin, dass die völlig hanebüchenen Sprüche und Gesten gar nicht so weit von manchen Leuten entfernt sind, die das ernst meinen (oder gemeint haben). Für diese Art von Humor braucht es somit eine gute Beobachtungsgabe, ein kleiner Sinn für das Skurrile, ein bisschen Überdrehtheit und die Dreistigkeit, Pose hinter Pose zu montieren und somit der "uneigentlichen" Meta-Ebene im Film Linearität zu verleihen...
Doch das war ja nur der eher subtile, postmoderne Anteil der Humorentwicklung in "Anchorman"! Es gibt auch noch den extrem infantilen, teils total absurden, teils völlig brachialen, teils sogar äußerst geschmacksunsicheren anderen Anteil! Schlägereien mit Bären, Erektionsszenen sowie Klamaukeinlagen, die selbst die Zaz-Schmiede ('"Nackte Kanone") vor Neid erblassen lassen würden... so in etwa lassen sich die "lauten" und spektakulären 50% des Streifens beschreiben! Diese funktionieren allerdings ebenfalls prima, weil sie erstens teilweise so genial absurd und debil, so absolut Sinn-vernichtend sind, dass man da schon fast wieder von inszeniert-infantiler Dekonstruktion sprechen könnte. Zweitens ist es einfach eine Freude, Ferrell, Appelgate oder Vaughn inmitten all dieser völlig sinnentleerten Albernheiten zuzusehen, es macht einfach einen Riesenspaß! Einzig die Fäkal-Humor-Einlage fand ich dann doch zu flach...
So ist "Anchorman" gleichzeitig debil und intelligent, subtil und spektakulär, er baut gleichermaßen auf Tiefenstruktur und Klamauk und nimmt die idealtypische Geschichte vom Aufstieg/Fall/Comeback des Medienprofis Ron Burgundy als Aufhänger für ein postmodernes Festival aus Gags, Zitaten und ,wenn man es will, auch mehr! Dieser Film überbrückt den Graben zwischen bloß infantilem Klamauk und intelligent-subtiler Unterhaltung. Eine Leistung, die wirklich nicht vielen Komödien gelingt!
Absolut sehenswert!