kurz angerissen*
Nachdem mit „Held Janos“ 1973 der erste ungarische Zeichentrick in Spielfilmlänge vollendet war, sah das Produktionsstudio noch ein minimales Restbudget für einen Kurzfilm und trug Marcell Jankovics die Aufgabe zu, ihn zu realisieren. Zwei Minuten mögen in Echtzeit wie ein Wimpernschlag vergehen, doch der Zeichner lässt in 1600 Einzelbildern einen Eindruck von Ewigkeit entstehen, wie man ihn eben empfinden muss, wenn man versucht, die Brücke zwischen einer Dreizehntelsekunde und der nächsten zu finden – wieder und wieder und wieder.
Inhaltlich offensichtlich an die gleichnamige Legende aus der griechischen Mythologie angelehnt, lässt sich aus „Sisyphus“ nicht viel inhaltliche Tiefe ziehen. Die teils mit anatomisch-rudimentärem, teils schwunghaft-abstraktem Tuschestrich zum Leben erweckte Animation zeigt einen nackten, muskulösen Mann, der unter dem Stöhnen des Erschöpfungsschmerzes einen immer größer werdenden Stein einen Berg hinaufrollt. Anders als in der Legende bleibt der Stein jedoch symmetrisch exakt auf der Spitze des Berges liegen, der sich bei der Rückfahrt der Kamera als ein Haufen weiterer Steine entpuppt. Das Ende der Wiederholung.
Nach der Gemeinschaftsarbeit von „Held Janos“, die ein abendfüllender Animationsfilm schon fast zwangsläufig sein muss, ist „Sisyphus“ spürbar nur von einer einzelnen treibenden Kraft beseelt. Niemand anders ist an dem puristischen Zusammenspiel aus Schwarz und Weiß beteiligt als eben Jankovics, der hier in Kleinstarbeit Mühe, aber auch Lohn analoger Animationstechniken illustriert. Am Ende steht ein großer Berg, geschaffen in reiner Handarbeit, während sich der Künstler geschafft, aber zufrieden an den Abstieg macht, um sein Werk aus der Ferne zu betrachten.
Die vom Dicken ins Dünne gleitenden Linien des Tuschefüllers machen den inneren Kampf des Zeichners mit sich selbst greifbar, die Bewegung, die sich aus der Abfolge von Standbildern ergibt, entwickelt schnell eine spielerische Dynamik, die ein enormes Gefühl für Gewicht und Masse entstehen lässt. Auch Härte und Weichheit fließen bis zur Unkenntlichkeit ineinander, kurz vor dem Gipfel sieht man auf dem Papier eigentlich kaum noch mehr als einen geschwungenen Strich, der auch das Zeichen aus einer Sprache sein könnte.
Als Zuschauer hat man die zwei Minuten schnell überwunden und fragt sich womöglich nach dem tieferen Sinn; vielleicht erschließt er sich, wenn man von einem Bild zum nächsten denkt.