Review

kurz angerissen*

Pillow Talk der Ehepartner auf der einen Seite, Smalltalk der feinen Gesellschaft auf der anderen. Jacques Becker sind die Wechseleffekte zwischen diesen beiden Welten nicht entgangen; er erachtet sie sogar als essentiell, um das ewige Missverständnis zwischen den Begehrlichkeiten von Frau und Mann zu beleuchten.

Für seine Beziehungskomödie rund um die tollpatschig geführte Liebe zwischen „Édouard und Caroline“ genügen ihm gerade einmal zwei Sets: Eines des privaten und eines des öffentlichen Lebens. Im zunächst noch sortiert wirkenden Apartment zoffen sich die Ehepartner so lange über gesellschaftliche Fragen, bis der Zimmerboden als Sinnbild weiblicher Verzweiflung zum reinen Chaos aus Stöckelschuhen, Stofffetzen und zerdrückten Blumen entartet ist. Auf der Soirée wird derweil zwischen hochprozentigem Drink und perfekt gestimmtem Flügel über Beziehungsdinge nachgedacht, während die Oberflächlichkeit der Gäste im feinen Zwirn wie dicker Nebel in der Luft steht.

Einfach, oft auch vorhersehbar, deswegen aber nicht weniger effektiv baut Becker mit banalen Alltäglichkeiten den Weg zu überaus erheiternden Pointen, die einen schönen Kontrast zu der bisweilen doch schwierigen Thematik einer kriselnden Beziehung ergeben. Anne Vernon hat mit ihrer Lebendigkeit großen Anteil daran, dass einem das Lachen auch in den bitteren Momenten nicht vergeht. Ob sie ihren Liebsten nun innig küsst oder kraftvoll in den Hintern tritt, es liegen oft nur Sekunden dazwischen. Und nicht nur die Unordnung in der Wohnung spiegelt ihr Innerstes; auch die heißblütige Musik, die aus dem Radio erklingt, fungiert als Verstärker der aufgewühlten emotionalen Welt einer Frau, die sich weniger von ihrem Mann als vielmehr vom Pariser Chic den Takt vorgeben lässt. Daniel Gélin wiederum spielt im Kontrast dazu einen armen Tropf, der nicht selten wie ein völlig verzweifelter Anthony Perkins wirkt. Seine musikalischen Darbietungen von Brahms und anderen Meisterkomponisten beschreiben ihn ebenso sehr wie das Radio seine Frau. Besonderen Gefallen findet der Regisseur daran, die Kollision zwischen Konservativität und Moderne auf Gegenstände zu übertragen; so wird ein unscheinbarer Lexikon-Band zum Kippbild, das je nach Weltanschauung einen anderen Zweck erfüllen kann, was vice versa für die Seiten eines Modemagazins gilt, die von den neuesten Abendkleid-Trends berichten.

Gerade im versöhnlichen Ende könnte man zwar behaupten, dass das Konservative irgendwo doch einen Sieg davon trägt, der so hausbacken wirkt wie Gartenkunde: Wildrosen, so muss man annehmen, wachsen eben am besten an Stützgittern entlang. Doch eigentlich geht es in „Èdouard und Caroline“ gar nicht um den Triumph dieser etwas langweiligen Lebensweisheit. Vielmehr geht es um die Selbstverwirklichung eines Paares und den Widerstand gegen das Diktat seiner gesellschaftlichen Einbettung. Und das wiederum hat Beifall verdient.



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