“Fingerübungen”
Eine Gruppe von Gangstern plant den perfekten Diamantenraub. Bei dem sorgfältig vorbereiteten Coup geht dann allerdings so ziemlich alles schief, was schief gehen kann: Die Polizei taucht plötzlich auf, einer wird erschossen, einer schwer verwundet und der Rest in verschiedene Richtungen versprengt. Nach dem ersten Schock macht sich die Vermutung breit, ein Spitzel aus den eigenen Reihen könnte für das Desaster verantwortlich sein. Das klingt nicht sonderlich originell oder gar innovativ, ist der geneigte Genrefreund doch schon dutzende Male mit dieser Art von Film “beglückt” worden. Wer sich jetzt aber von dem 08/15 Gangsterplot abschrecken lässt, der verpasst nicht nur eine clever konstruierte, “erfrischend andere” Gangsterparabel, sondern auch Quentin Tarantinos erste “Fingerübungen” auf dem Weg zu seinem Meisterstück Pulp Fiction (1994).
Alle Elemente der späteren Tarantinoschen Erfolgsformel finden sich auch bereits in seinem Erstling Reservoir Dogs: Eine verschachtelte Erzählstruktur, die viel mit Rückblenden arbeitet und ihren eigentlichen Plot erst langsam enthüllt. Eine perfekte Auswahl meist relativ unbekannter Oldies, die die Stimmung und den Ton des Films auf den Punkt bringen und das Dargestellte oftmals ironisch brechen. Explizite und plötzlich hereinbrechende Gewaltdarstellungen, die aber durch Musik, Dialoge oder Darstellung sofort wieder karikiert werden. Eine detaillierte Figurenzeichnung, die fast ausschließlich durch die hervorragend geschriebenen und zum Teil extrem komischen Dialoge gelingt.
Bereits die Pre-Title-Sequenz des Films legt dafür ein beredtes Zeugnis ab. Hier sitzen die Gangster in irgendeinem Diner beim Frühstücken - ganz sicher eine von Tarantinos Lieblingslocations - und unterhalten sich über Madonnasongs und Sinn bzw. Unsinn des Trinkgeldgebens. Die Bande wirkt dabei wie eine Gruppe tratschender Hausfrauen beim Kaffeekränzchen. Die eigentlich brutalen Killer bzw. Gangster bekommen gewissermaßen einen menschlichen “Anstrich”. Gerade weil manche dadurch leicht trottelig wirken, bleiben sie sympathisch und menschlich interessant. Tarantino schafft es dabei meisterlich die Grenze zur Lächerlichkeit nur anzukratzen, man merkt, dass er seine Figuren liebt und sie nicht zu Karikaturen machen will.
Dieses Stilmittel der Charakterzeichnung verwendet Tarantino auch wieder in Pulp Fiction, man denke nur an die Diner-Szenen zwischen “Pumpkin” und “Honey Bunny” oder die legendären Dialoge zwischen “Jules” und “Vincent” über “Fußmassagen” oder “Royale mit Käse”.
Der bis in kleinste Nebenrollen hervorragend aufgelegte Cast rundet den überaus positiven Gesamteindruck perfekt ab. Sämtliche beteiligten Schauspieler glänzen durch Spielfreude und verleihen ihren zum Teil absurden Charakteren Tiefe und Glaubwürdigkeit. Schon erstaunlich, welche Darstellerriege der bis dato völlig unbekannte Drehbuchautor und Regisseur für seinen Erstling gewinnen konnte: Tim Roth, Steve Buscemi, Michael Madsen und vor allem Harvey Keitel. Im Bonusmaterial zu der empfehlenswerten Special Edition der DVD plaudert Tarantino diesbezüglich aus dem Nähkästchen. Man erfährt, das Keitel eher zufällig an das Script kam, sofort begeistert war und den Film gleich mitproduzieren wollte. Ein Casting für die übrigen Darsteller in New York bezahlter er gar aus eigener Tasche, da Tarantino zu dieser Zeit völlig klamm gewesen sei. Keitel ist also nicht unwesentlich mitverantwortlich für den Durchbruch seines Regisseurs. So durfte/wollte er auch wieder in Pulp Fiction mitwirken, ebenso wie Tim Roth und Steve Buscemi.
Fazit:
“Reservoir Dogs” ist das durchweg gelungene “Gesellenstück” des späteren “Regiewunderkinds” Quentin Tarantino. Wenn auch noch nicht in der gleichen Perfektion wie in Pulp Fiction, so sind doch sämtliche Markenzeichen Tarantinos bereits in seinem Debut erkennbar: verschachtelter mit Rückblenden durchsetzter Plot, sparsame aber explizite Gewaltszenen, ein vom Regisseur perfekt zusammengestellter Musicscore, treffende Figurenzeichnungen durch hervorragend geschriebene, zum Teil “saukomische” Dialoge sowie ein ironisch witziger Grundton. Absolut empfehlenswert.
(9/ 10 Punkten)