Der Kultfilm, mit dem Quentin Tarantino über Nacht zum Regie-Wunderkind erklärt wurde, das Gangsterfilm-Genre revolutionierte und in seiner heutigen Form definierte!
Die Grundstory an sich könnte dabei kaum simpler gestaltet sein. Doch die hochspannende und packende, über weite Strecken kammerspielartige Geschichte um einen maximal desaströs eskalierenden Raubüberfall wird erzählerisch von Anfang an so glänzend aufgepimpt, dass einem das gar nicht auffällt: Strategisch klug gesetzte, teilweise sehr lange Rückblenden brechen die geradlinige Erzählung auf und verleihen einzelnen Sequenzen im Nachhinein andere Bedeutungen; die zentralen Figuren werden knapp, aber stringent eingeführt und erhalten so genug charakterliche Unterfütterung, um interessant zu werden; und die zentrale Auflösung um die Frage, wer unter den Gangstern der Verräter war, kommt so spektakulär daher, dass einem beim ersten Sehen der Mund weit offen stehen dürfte.
Inszenatorisch ist das bereits grandios ausgestaltetes Kino, das vieles von dem vorwegnimmt, was schnell zu Tarantinos unverwechselbarem Markenzeichen werden sollte – eine Flut an popkulturellen Zitaten und Anspielungen (ob in der Farbnamensgebung der sich gegenseitig unbekannten Gangster, den skurrilen Dialogen oder dem bereits hier fantastischen, teils krass kontrapunktisch eingesetzten Soundtrack), harte, brutale Gangsterfiguren, die durch ihre Dialoge und Ansichten aber einen Dreh ins beinahe Groteske bekommen, und eine blutrünstige Geschichte voller Gewalt, böser Wendungen und allerschwärzestem Humor.
Aufgrund seiner über weite Strecken auf wenige Schauplätze begrenzten Handlung wird „Reservoir Dogs“ dabei vor allem durch seine Darsteller bestimmt (bis auf eine Kellnerin gibt es hier keine Frauen zu sehen). Und die gehören zum Schillerndsten, was das Genre zu bieten hat – und das nicht nur der grandiosen Besetzung sei Dank. So kurz die Charakterisierungen der einzelnen Figuren auch ausfallen, schaffen es doch alle, ihren Figuren eigene einprägsame Merkmale zu verleihen, die auch stimmig in den stetig eskalierenden Handlungsablauf passen: ob Harvey Keitel als alter Hase, dem seine emotionale Bindung zu dem Neuling Tim Roth zum Verhängnis wird; Steve Buscemi als um Professionalität bemühter, aber recht zickiger Berufsverbrecher; Michael Madsen als eiskalter Gewaltverbrecher mit sadistischen Neigungen; oder Chris Penn als Nice Guy Eddie, Sohn des Bosses, der permanent um die Anerkennung seines Vaters ringt – sie alle verleihen ihren Charakteren Ecken, Kanten und nachvollziehbare Charakteristika, die im Aufeinanderprallen innerhalb einer Extremsituation ein Höchstmaß an explosiver Spannung erzeugen. Dabei sind diese brutalen Gangsterfiguren so packend gezeichnet, dass selbst ihre übelsten rassistischen, sexistischen und homophoben Ausfälle nicht sauer aufstoßen, sondern brillant zur Charakterisierung dieser bösen Antihelden dienen: Einerseits werden sie als coole, harte Männlichkeitsabbilder inszeniert (und ja, hier schwingt definitiv ein Hauch fragwürdiger Glorifizierung mit); andererseits erweisen sie sich alle als dermaßen zynische, gewaltbereite und menschenverachtende Monster („Hast du jemanden erwischt?“ – „Nur ein paar Bullen.“ – „Keine richtigen Menschen?“), dass eine simple Identifikation mit ihnen schwer bis unmöglich ist. Auch diese Fokussierung auf dermaßen krass antisoziale Typen dürfte selbst fürs raue Gangstergenre eine neue Dimension gewesen sein.
„Reservoir Dogs“ liefert bis heute die Blaupause für moderne, zynisch-skurrile, gewalttätige Gangsterfilme, springt von einer mittlerweile ikonischen Szene zur nächsten – die Anfangsdialoge im Restaurant über Madonnas „Like a Virgin“ und Trinkgeld, die Folterung eines entführten Polizisten, oder wie wäre es auch einfach mit dem vor sich hin blutenden Tim Roth am Boden des Treffpunkts – und liefert mit irrwitzigen Dialogen, literweise Kunstblut und punktueller, aber umso brachialerer Gewalt ein Musterbeispiel des knüppelharten, in jeder Einstellung durchdachten Genrekinos. Ein blutdurchtränktes, geniales, ultraunterhaltsames Regiedebüt und ein Kultfilm für die Ewigkeit!