"Ich schrieb es nicht, um zu moralisieren, sondern um darzulegen, wie ernst Kinder zu nehmen sind. Es ist besser, ihnen harte Wahrheiten zuzumuten, als sie mit sanften Lügen zu betrügen."
sagte der Schweizer Autor Robert Pilchowski über sein Buch "Geständnis einer Sechzehnjährigen", das 1956 in der BRD erschienen war. Fälschlicherweise wird der Roman in unterschiedlichen Quellen (darunter auch die Imdb) dem Schriftsteller und Journalisten Hans Habe untergeschoben - als ob der sechsmal verheiratete Intellektuelle sich den Problemen von Ehescheidungen angenommen hätte, die auf Grund der soziokulturellen Veränderungen in den 50er Jahren langsam zunahmen. Dagegen war die Thematik für Pilchowski von besonderer Bedeutung, wie schon sein 1951 erschienener Roman "Daddy und Do" (verfilmt unter dem Titel "Ein Leben für Do" (1953)) zeigte, der sich ebenfalls mit einer Scheidung aus der Sicht eines Kindes auseinandersetzte. Der Text des herausgebenden Verlags brachte es entsprechend auf den Punkt:
„So wird das Tagebuch (der Sechzehnjährigen) zu einem schonungslosen Spiegel, den der Kommissar den Eltern vorhält. Waren sie noch vor wenigen Stunden bereit, die Verantwortung für das tragische Geschehen dem anderen zuzuschieben, müssen sie jetzt erkennen, wie schwer die eigene Schuld wiegt.“
Bei dem „tragischen Geschehen“ handelt es sich um den Mord an dem Geliebten der Mutter der Sechzehnjährigen, den das Mädchen gleich zu Beginn des Buchs einem Kommissar gesteht. Dieser kann sich angesichts des „kindlich reinen Geschöpfs“ (Verlagstext) die Tat nicht vorstellen. Dank des Tagebuchs der Sechzehnjährigen stellt es sich heraus, dass es sich um ein Unglück „durch eine Verkettung tragischer Umstände“ handelte, für das moralisch die Eltern mit ihrem „Betrug und ihren Lügen“ verantwortlich gemacht werden.
Idealer Stoff für den Typus „Moralfilm“ mit seiner klaren Warnung vor dem moralischen Verfall, wie er Ende der 50er Jahre Hochkonjunktur hatte, als sich die sozialen Veränderungen auf Grund des Wirtschaftswunders und der sich wandelnden Geschlechterrollen zunehmend bemerkbar machten. Dass hier das Verhalten der Erwachsenen-Generation in der Kritik stand, war kein Widerspruch, da auch die Inhalte der Jugendfilme immer als Reaktion auf ihre Eltern zu verstehen waren. Autor Pilchowski hatte zuvor schon mit seiner Vorlage für den Veit Harlan-Film „Anders als du und ich (§175)“ (1957) seine Eignung für moralische Aufklärung bewiesen, weshalb „Geständnis einer Sechzehnjährigen“ mit einschlägig erfahrenen Darstellern wie Wolfgang Preiss („Ich war ihm hörig“, 1958) und Ivan Desny („Alle Sünden dieser Erde“, 1958) ganz der angestrebten Richtung entsprach.
Das galt auch für die Besetzung von Michael Hinz („Und sowas nennt sich Leben“, 1961) und Barbara Frey in den Rollen der jugendlichen Protagonisten. Frey hatte im Jahr zuvor in „Und keiner schämte sich“ (1960) schon ein Scheidungskind gespielt und erlebte ihr Debut in „Endstation Liebe“ (1958) unter der Regie Georg Tresslers, der mit „Die Halbstarken“ (1956) den Auslöser für die Moralfilme abgeliefert und 1957 in der Otto-Dürer-Produktion „Unter 18“ ein weiteres Mal sein Einfühlungsvermögen für die Belange der Jugend in der Nachkriegszeit bewiesen hatte. Vielleicht der Grund für Otto Dürer, ihn erneut als Regisseur zu verpflichten, dabei übersehend, dass sich Tressler in seinen Filmen nie den warnenden Gestus typischer Moral-Filme aneignete. Im Gegenteil hatten er und Will Tremper in ihren zwei gemeinsamen Filmen „Die Halbstarken“ und „Endstation Liebe“ die ambivalente Situation der Jugendlichen zwischen konservativer Moral und einer sich unaufhaltsam verändernden deutschen Nachkriegsgesellschaft realistisch und ohne erhobenen Zeigefinger beschrieben.
Auch Tresslers letzter Film „Das Totenschiff“ (1959) zeichnete sich vor allem durch seinen pessimistischen Blick auf die menschliche Sozialisation aus. Positiv stimulierende Zukunftsaussichten waren von ihm kaum zu erwarten, wie sie der herausgebende Verlag angesichts der Buchvorlage noch für möglich hielt:
„Dass es sich nicht um einen Mord, sondern um einen Unglücksfall handelt, entlastet die Eltern nicht, lässt ihnen aber die Hoffnung, das verloren gegangene Vertrauen ihres Kindes wieder zurückzugewinnen.“
So eindeutig die Botschaft des Buches, so indifferent zwischen konservativer Warnung und desillusionierter Zustandsbeschreibung wurde das filmische Ergebnis. Im Moral-Film war die geografische und soziale Verortung von besonderer Bedeutung, da er oft an Brennpunkten wie Berlin (West) oder im Ruhrgebiet spielte. Obwohl die Außenaufnahmen der österreichischen Produktion in Wien stattfanden, verzichtete Tressler auf diesen Bezug und siedelte die Handlung in Deutschland an. Diesen generelleren Ansatz nutzte der Regisseur für die Konzentration auf eine kleine Gruppe, deren inneren Zustand er gleich zu Beginn bei der Dinner-Party im Haus von Juttas wohlhabenden Eltern offenbarte: der Vater (Wolfgang Preiss), angesehener Geschäftsmann, die Mutter (Nina Sandt), attraktive Ehefrau und Gastgeberin, ihr Liebhaber (Ivan Desny) und die offensichtlich am Vater interessierte Frau (Senta Wengraf) eines Kollegen – einzig Jutta (Barbara Frey) glaubt noch an das Funktionieren der Ehe ihrer Eltern.
Nur kann man diesen daraus keinen Vorwurf machen, da sie ihr angespanntes Verhältnis offen gegenüber ihrer Tochter kommunizieren, sogar über die rechtlichen Konsequenzen einer Scheidung mit ihr sprechen. Trotz ihrer Entfremdung bewahren sie einen disziplinierten Umgang – nur einmal brechen die inneren Gefühle aus ihnen heraus, als sie ihm zu verstehen gibt, dass ihr Geliebter gewusst hätte, wie man mit Frauen umgeht, und er sie daraufhin ohrfeigt. Doch Jutta, die die Schuld an dem Zerwürfnis allein ihrer Mutter und deren Geliebten gibt, will nicht wahrhaben, dass auch ihr abgöttisch geliebter Vater untreu war. Selbst als ihre Mutter eine Puderdose zugeschickt bekommt, die ihr nicht gehört, die sie aber in einem Hotel vergessen haben soll, glaubt die Tochter noch an eine Verwechslung. Ihr zuliebe arrangieren sich die Eltern noch einmal, aber von Lügen oder äußerlich behaupteter Harmonie, wie es in der Romanvorlage betont wird, ist hier wenig zu spüren.
Auch Jutta ist nicht das „kindlich reine Geschöpf“ aus dem Buch. Sie lässt sich auf Hans (Michael Hinz) ein, obwohl ihr sein Drängen zuerst missfällt. Hans steht hier stellvertretend für die Opfer moralischer Verwahrlosung. Seine Eltern verbringen ihre Zeit mit wechselnden Partnern und haben den jungen Mann deshalb zu seinem Onkel nach Deutschland ausquartiert, wo er inmitten von moderner Musik und aufreizender Literatur in seiner Fantasie-Welt lebt. Der Staatsanwalt wird später von seinem schlechten Einfluss reden, den er wegen seiner negativen Weltsicht auf Jutta ausübte. Von ihm hat sie auch die Pistole. Sollte Hans als abschreckende Figur dienen – ein im Moral-Film üblicher Charakter – misslang diese Absicht. Der junge Mann wirkt in seiner stilisierten Bindungslosigkeit zu Familie und jeder gesellschaftlichen Institution verloren und um äußerliche Sicherheit bemüht, aber als Einziger auch zu Emotionen fähig. Es ist die stärkere Jutta, die ohne sein Wissen seine Waffe an sich nimmt.
Barbara Frey ist in ihrem Spiel keine kindliche Angst vor dem Verlust von Sicherheit und Vertrautheit anzumerken, im Gegenteil verliert Jutta trotz ihrer Jugend nie die Kontrolle über sich. Ihr Weg zu dem Liebhaber ihrer Mutter wird nicht von Unsicherheit begleitet, sondern zeigt eine junge Frau, die mit der Waffe in der Hand bewusst vorgeht. Ob sie ihn töten wollte, bleibt offen, aber ihr Schuss fällt aus Entfernung und ist weder die Folge tragischer Umstände, noch eines Gerangels. Hier handelte kein verzweifeltes Opfer, sondern eine Täterin, um sich ihre Illusionen zu bewahren. Mit ihrem Geständnis bei der Polizei will sie nicht, wie im Roman, den Verdacht von den Eltern fern halten, sondern reagiert damit auf ihren Vater, den sie auf einem Rock’n Roll-Konzert mit einer Frau antrifft, die er zu heiraten gedenkt. Es ist der einzige Moment im Film, in dem er heiter wirkt. Juttas Gesichtszüge bleiben dagegen stoisch, fast regungslos erträgt sie die polizeilichen Untersuchungen, nicht mehr zu Emotionen fähig.
Am Beispiel einer gutsituierten Bürgerfamilie entlarvte „Geständnis einer Sechzehnjährigen“ den äußerlichen Glanz der Wirtschaftswunderjahre als hohle Fassade und spiegelte mit seiner kaum Lebensfreude ausstrahlenden Inszenierung die innere Entfremdung seiner Protagonisten wider. Aber der Film musste auch dem moralischen Auftrag der Romanvorlage gerecht werden, sollte vor den Folgen einer Ehescheidung für die Trennungskinder warnen. Entsprechend betroffene Gesichter machen die Eltern angesichts ihrer inhaftierten Tochter, predigt der Staatsanwalt von schlechtem Einfluss und Schuld der Erwachsenen und beschränkt sich der Richter deshalb auf zwei Jahre Jugendhaft – mit der Aussicht, diese vielleicht noch auf Bewährung aussprechen zu können. Doch Tressler hatte zuvor eindeutige Schuldzuweisungen vermieden, hatte kein kindliches Opfer hochstilisiert, um mit dem Mitgefühl des Publikums rechnen zu können, sondern ließ es in das desillusionierte Gesicht einer jungen Frau blicken. (7/10)