Umberto Lenzi war in der italienischen Filmbranche einer der umtriebigsten Regisseure und in vielen Genres beheimatet. Im Abenteuerfilm mit "Sandakon" ebenso wie im Actionkrimi mit "Die Viper" oder "Camorra - Ein Bulle sieht rot" oder im Giallo unter anderem mit "Das Rätsel des silbernen Halbmonds", "Das Labyrinth des Schreckens" oder "Spasmo".
Mit dem 1972er "Mondo Cannibale" inszenierte er einen der ersten Kannibalenfilme und versuchte sich auch mit "Großangriff der Zombies" in einem weiteren erfolgreichen Subgenre des Horrorfilms. 1990 folgte im Zuge des Niedergangs der italienischen Filmindustrie mit Lenzis "Black Zombies" einer der letzten Zombiefilme.
Nachdem Ruggero Deodato mit "Mondo Cannibale II - Der Vogelmensch" und "Cannibal Holocaust" nun endlich den Kannibalenfilm als eigenständiges Genre etabliert hatte, zog Lenzi nach diversen Gialli und dem Kriegsfilm "Nur drei kamen durch" mit "Lebendig gefressen" und "Die Rache der Kannibalen" nach und bescherte dem Publikum zwei der härtesten und blutigsten Beiträge des Genres, die nur noch von Deodatos kaltblütiger und schonungsloser Inszenierung aus "Cannibal Holocaust" übertroffen wurden.
Lenzi führte nicht nur Regie, sondern schrieb auch das Drehbuch zu "Lebendig gefressen", der dann auch als schwächster Film im Kannibalen-Double Feature angesehen werden darf.
Die Kannibalen dienen hier lediglich als Beiwerk einer an den Haaren herbei gezogenen Rumpfhandlung um eine mysteriöse Mordserie, die im Zusammenhang mit der obskuren Purifikationssekte zu stehen scheint - nur um die ohnehin exploitative Mischung aus Sex und Gewalt mit einigen unappetitlichen Ausweidungsszenen und kannibalistischen Fressorgien zu bereichern.
Zwar bedient sich "Lebendig gefressen" unzähliger Stilmittel des klassischen Abenteuerfilms, liefert mit Hardcore-Darsteller Robert Kerman einen kernigen Macho und Draufgänger und mit Janet Agren ("Ein Zombie hing am Glockenseil") eine junge Schönheit in höchster Bedrängnis - doch es dauert schon eine ganze Weile bis das Machwerk ordentlich in die Gänge kommt. Hanebüchene Dialogflosskeln und alberne Macho-Allüren sorgen dann auch für einen trashigen Charakter - doch die halbwegs realistische Atmosphäre vom Dschungel der 1000 Gefahren macht diverse Makel halbwegs wieder wett.
Den größten Teil seines Unterhaltungswerts bezieht "Lebendig gefressen" dann aus der Nebenhandlung um die besagte Purifikationssekte, die von dem besessenen, religiösen Fanatiker Jonathan angeführt wird, der in Ivan Rassimov (bekannt aus Lenzis "Mondo Cannibale", "Spasmo" und Sergio Martinos "Die Farben der Nacht") einen ausdrucksstarken und sehr überzeugenden Darsteller gefunden hat. Schauplatz, Riten und Motive der Sekte sind grob, aber über weite Strecken glaubwürdig und nachvollziehbar skizziert, während die Kannibalen lediglich Mittel zum Zweck sind und den Blutzoll in angenehme Höhen treiben.
Der oftmals in Filmen dieser Art kritisierte Tiersnuff ist hier ebenso zu bewundern, wie schlecht geschminkte Statisten, die man den Zuschauern als wilde Eingeborene schmackhaft machen will - die aber trotz mancher Widerwärtigkeiten eher ein Schmunzeln als Schrecken erzeugen. Dafür sind die Effekte handgemacht, extrem blutig und verfehlen nicht ihre Wirkung.
Insgesamt bietet "Lebendig gefressen" eigentlich alles, was man von einem Machwerk seiner Klasse erwartet: sexistische, menschenverachtende Szenen mit ekelerregenden Splattersequenzen - und doch bremst sich die Mischung aus Horror- und Abenteuerfilm mit Sektendramatik zu oft aus, um letzten Endes zu hundert Prozent überzeugen zu können.
Und wer es an dieser Stelle kaum glauben mag: mit "Die Rache der Kannibalen" beweist Umberto Lenzi, dass man das hier gesehene Niveau noch um einiges niedriger ansetzen und die Thematik noch brutaler, blutrünstiger, rauher, frauenverachtender und exploitativer inszenieren kann als es hier bereits der Fall war.
Lassen Sie es sich schmecken! 6,5/10