Review

"Ich HASSE Umberto Lenzi!" stellte ich einst als junger Horrorfan fest. Generell hegte ich einen ziemlichen Groll gegen alles italienische Horrorwerk, zumindest alle Produktionen, die NICHT den Namen Argento trugen waren mir verhasst. Alles, was sich jenseits der verhältnismäßig sauberen US - amerikanischen Gorexzesse bewegte widerte mich zutiefst an. Und die haben die Italiener meiner Meinung nach damals WEIT übertroffen. Nicht zwangsläufig vom Gewaltgrad her, sondern der Schmuddeligkeit oder Rohheit der Inszenierung geschuldet: ich hatte damals null Verständnis für das Verwenden von Schlachabfällen zu Effektzwecken geschweige denn für das Reinschneiden gewaltsamer Tiertode in vermeidliche Unterhaltungsfilme. So war es dann irgendwann der Trailer zu "Die Rache der Kannibalen", der mich dem Italohorror beinahe abschwören ließ, wäre da nicht der über allem thronende Dario Argento gewesen, der mein Interesse aufrecht erhielt. Nun, Fulci und co., selbst Deodatos "Nackt und zerfleischt" sollten sich bei mir irgendwann rehabilitieren und nach meinen ersten Erfahrungen im Genre des Poliziotesci war es an der Zeit, auch Umberto Lenzi die Chance einzuräumen. Und so traute ich mich an den zweitharmlosesten Film seiner drei Kannibalenheuler heran...

Der Stein des Anstoßes ist ein junger asiatischer Laiendarsteller, der hier in der Rolle des bösen Buschmannes gleich drei Männer mit dem Blasrohr zu Tode pusten darf, bevor der New Yorker Straßenverkehr ihm wiederrum das Lebenslicht ausbläst. Zur etwa selben Zeit hat die Textilerbin Sheila Morriss (Janet Agren) mit polizeilicher Unterstützung das Rätsel des Verschwindens ihrer Schwester Diana zu lösen. Bis auf eine Super 8 - Rolle, auf der Riten einer mysteriösen Sekte und die fehlende Schwester zu sehen sind gibt es keine eindeutigen Hinweise, aber diese reichen, um Sheila zur schier aussichtslosen Suche nach ihrer Schwester im Amazonas zu bewegen, zumal diese das gemeinsame Erbe dem Sektenführer Melvin Jonas in den Rachen gestopft hat - eben jenem Guru, in dessen Namen die drei Herren (von denen der erste aussieht wie Ugo Tognazzi nach der Reha vom "großen Fressen") am Anfang des Filmes abgemurkst wurden. 

Zusammen mit dem Vietnamveteranen Mark Butler (Ex - Pornodarsteller Robert Kerman, ein insgesamt dreifacher Wiederholungstäter im Kannibalensubgenre) bricht sie nach einiger finanzieller Überzeugungsarbeit auf, um ihre Schwester aus den Klauen der Sekte zu befreien. Zu dumm nur, dass diese ihr Lager mitten im Jagdgebiet eines Kannibalenstammes aufgeschlagen haben...

Im Vergleich mit dem einen Jahr später erschienenem letzten Menschenfressklopper Lenzis ist Lebendig gefressen leichte Kost. Zumindest, was Gewalt am Menschen betrifft: Bei den leider genretypischen Tiertötungen hielt der Maestro sich leider nicht zurück, obgleich hier meist Filmmaterial aus anderen Werken verbraten wird und Lenzi nicht extra neue Schlachtungen filmte, um den Film "aufzupeppen". Die restlichen Gewaltspitzen sind in Relation dazu fast schon milde. Aber die sind auch nicht notwendig, um dem Film eine Daseinsberechtigung zu attestieren, dafür sorgt das Tempo der Inszenierung schon. Allein bis zur Ankunft im Sektenlager ist schon fast die Hälfte des Filmes vergangen, ohne dass Lenzi zu lange in einer Szene verharrt. Bis hierhin lernt man die beiden Protagonisten des Filmes mit all ihren teils fragwürdigen Charakterzügen kennen, bekommt es mit einem paranoiden Ex - Sektierer zu tun, dem Mark nach einem Schlag in die Fresse für den sagenhaft niedrigen Preis von zwei Dollar ein Kanu, Lebensmittelvorräte und mehrere Träger abkauft, bezeugt das Ableben besagter Träger und flüchtet gemeinsam mit Sheila und Mark vor der ersten Kannibalenhorde.

Die steht übrigens thematisch etwas im Hintergrund: eigentlich ist Lebendig gefressen astreiner Sektenhorror und die Kannibalen nur schmückendes (oder eher schmatzendes) Beiwerk, eine zusätzliche Bedrohung und Rechtfertigung für den Goregehalt des Filmes. Bedient hat sich der Regisseur hier mehr als offensichtlich beim realen People's Temple und deren Gründer Jim Jones, der seine Jünger mit einer diffusen Mischung aus Urchristentum, Frühsozialismus und Drogenmystik vernebelte und zwei Jahre vor Kinorelease seine gesamte Gefolgschaft mittels Gift auslöschte. Seitdem ist "Drinking the Kool Aid" in den USA ein geflügeltes Wort für blinde und selbstzerstörerische Folgsamkeit gegenüber toxischen Glaubenssystemen: Mr Jones pflegte, das erforderliche Gift für den finalen Massensuizid seiner Gemeinde in besagtes Süßgetränk zu mischen.

Toxisch ist übrigens ein weiteres Stichwort, was bei diesem Film (leider) angebracht ist: drehbuchseitig scheißt Signore Lenzi, von Kritikern ohnehin als rechts verschrien, auf jede politische Korrektheit. Robert Kermans kerniger Deserteur Mark pöbelt, prügelt und mansplaint sich durch den Film, wo es nur geht und "darf" die eher unscheinbar wirkende Sheila bei mehreren Gelegenheiten ohrfeigen, um sie "zu beruhigen". Naja, der Scheiß ist leider längst im Kasten. "Durch zwei Dinge hat sich dieser Teil der Welt einen Namen gemacht: durch religiösen Fanatismus und Geschlechtskrankheiten." lautet übrigens das Fazit des chauvinistischen Ex - Militärs zu seiner neuen Heimat, in der er als Exil - Ami sein Dasein fristet. Einzig, als gegen Ende die Gefangenschaft durch die Kannibalen droht und Mark als Option den gemeinsamen Freitod mit Sheila vorschlägt sind ansatzweise tiefergehende menschliche Regungen in dem unrasierten Rohling zu erkennen. 

Aber auch Sheila ist kein Kind von politisch korrekter Traurigkeit: "Ich habe in der Baumwollspinnerei meines Vaters zugesehen, wie die Neger sich abgeschuftet haben." ist ihre Antwort darauf, was sie in ihrer Heimat gemacht habe. Zudem hält sie hier bereitwillig als Objekt der Begierde für Mark hin ("Love Interest" wäre ein zu emotionaler Begriff für die rein körperliche Anziehung zwischen den Beiden) und sinniert darüber, wie gerne sie mit ihm in die Koje hüpfen würde, wäre er nicht so arrogant. Ein Weiteres Genreklischee erfolgreich abgehakt! 

Selbst im achso zivilisierten New York lässt Lenzi seine Figuren Zynismen und Dispektierlichkeiten übelster Sorte durch die Gegend rotzen: der Kannibalismus sei laut einem kurz im Film auftretenden Professor eine potenzielle Lösung für den Welthunger und einer zum Jonas - Kult befragten Prostituierten, einer ehemaligen Anhängerin seiner Sekte, wird mit dem Verweis, man könne nichts für sie tun, jede Hilfe gegenüber ihrem gewalttätigen Zuhälter verweigert. Mein persönliches Highlight ist allerdings das Telefonat eines Polizeibeamten mit seinem Sergeant: "Ich muss sofort mit Guinea sprechen. Nein, das ist NICHT die kleine Schwarze aus der Kantine, das ist ein scheiß Ort, wo Kannibalen leben!" Der Regisseur lässt keinen Zweifel daran, dass er in seiner veraltet chauvinistischen Weltsicht die Zivilisation trotz aller Probleme (Kriminalität, Drogen, Gewalt, die auch allesamt in diesem Film angesprochen werden) weitaus höher ansieht als alles jenseits der USA und Europas. So unangenehm diese "coolen" Sprüche wirken, so unfreiwillig komisch sind sie nach heutigem PC - Verständnis. Schwarzer Humor hilft generell sehr beim Genuss dieses Filmes.

Insgesamt ist der Film, dessen grandiosen Score Lenzi übrigens im Nachfolger komplett übernehmen sollte, noch weitaus genießbarer als das, was ein Jahr später folgen sollte. Der Sexismus, Rassismus und die Tiertötungen sind nach heutigen Maßstäben immer noch unverzeilich und schmälern den Unterhaltungswert etwas, aber rechtfertigen auch nicht die damalige Beschlagnahme des Streifens. Ob man den Film sehen muss hängt davon ab, wie viele Augen man zudrücken kann. Man kann sich jedenfalls, wie man zuvor bei der Konkurrenzproduktion "Nackt und zerfleischt" und auch ein Jahr später bei dessen Quasi - Rip off "Cannibal Ferox" sehen sollte, weitaus fragwüriger unterhalten lassen.

Letzteres scheint auch Meinung diverser Gremien zu sein, die den Film 2022 nach 36 Jahren im Giftschrank endlich wieder für das deutsche Publikum freigegeben haben. Wahrscheinlich, weil seit langem kein Hahn mehr nach dem Film kräht, vielleicht aber auch, weil sich die Gewaltprobleme unserer Gesellschaft mittlerweile schlecht auf einen 42 Jahre alten Film abwälzen lassen, der die heutige abgestumpfte Jugend ohnehin nicht mehr sonderlich beeindrucken sollte. Egal warum, dieser Film, der besser ist als sein Ruf, kann jetzt endlich ein neues Publikum finden und sein Altes kommt nun straffrei an die Kopie für den Hausgebrauch. Was längst überfällig ist.

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