Review

Die Kritik beruht auf der ungeschnittenen Fassung eines namentlich nicht bekannten Bootleg-Labels!

Der *Salon Kitty* war ein Bordell in Berlin-Charlottenburg, das 1939 - 1942 vom Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS und später dem Reichssicherheitshauptamt zu Spionagezwecken instrumentalisiert wurde. Die Klientel war entsprechend der exklusiven Lage gut betucht. Viele namhafte Personen des öffentlichen Lebens, ausländische Diplomaten und nicht zuletzt hochrangige Funktionäre des nationalsozialistischen Regimes gehörten bald zum Kundenstamm.
1976 wurde aus den Gerüchten, die sich um das Etablissement rankten, von Tinto Brass ein umstrittener Film inszeniert, der in Deutschland nur in einer wesentlich entschärften Version veröffentlicht wurde. In der deutschen Schnittfassung fiel fast ausschließlich sämtliche NS-Symbolik der Schere zum Opfer um nicht gegen deutsche Gesetze zu verstoßen.

3 Jahre vor Brass sehr freizügigen, später durch nachgedrehte Hardcore-Szenen erweiterten Monumentalfilm "Caligula", der seinerzeit für einen riesigen Skandal sorgte, inszenierte der Regisseur mit der Vorliebe für Frauen mit großen Oberweiten - was ihm in Fankreisen auch den Ruf eines italienischen *Russ Meyer* einbrachte - die Geschichte des berühmt-berüchtigten NS-Bordells als ebenso freizügiges und aufgrund seines geschichts-historischen Hintergrunds kontrovers diskutiertes Sittengemälde im Fahrwasser der damals sehr beliebten NS-Exploitation-Movies.

"Salon Kitty" ist dabei ein mit internationalem Staraufgebot hochkarätig besetztes und aufwendig inszeniertes Epos, ein auf anspruchsvoll und edel getrimmtes Hochglanz-Produkt mit künstlerisch anmutenden Sexeinlagen, dass Brass Ruf als Provokateur voll und ganz gerecht wird.
Brass versucht mit möglichst explizit dargestellten Nuditäten und einer Vielzahl grenzwertiger Tabus zu polarisieren und für Kontroversen zu sorgen, wobei vor allem in der ersten Hälfte des Films - trotz des realistischen Backgrounds - durch die selbstzweckhafte Nummernrevue sexueller Abartigkeiten und der epischen Laufzeit nicht nur Längen, sondern auch unfreiwillige Komik das Werk dominieren. Vor allem diverse Cabaret-Einlagen sorgen zwar für eine authentische Bordell-Atmosphäre, blasen aber aufgrund ihrer Vielzahl "Salon Kitty" auf eine überdurchschnittlich lange Laufzeit.

In üppig ausgestatteten Studiokulissen schöpft Tinto Brass aus der Bandbreite erotischer Spielarten und macht den Zuschauer zum Voyeur seiner selbstzweckhaften Inszenierung: Nackte Schwänze und haarige Muschis soweit das Auge reicht, dazu etwas S/M mit Auspeitschungen und Fesselspielen, Intimrasuren, Fellatio und Masturbations-Exzesse - Brass lässt nichts aus, gewährt tiefste Einblicke in weibliche Schamregionen, rückt pralle Hintern und üppige Busen ins rechte Licht und unverschämt nah an die Grenze zur Pornographie.
Glaubt man Brass Moralvorstellungen so ist die ganze Welt ein einziges Irrenhaus - fixiert auf Perversionen, Sadismen und Triebbefriedigung - und in Miss Kittys Salon ist die Zentrale.
Tabus existieren nicht, das Ausleben aller sexueller Abartigkeiten wird als selbstverständlich betrachtet.
Grenzwertige, teilweise geschmacklose Szenen wie Sex mit mißgebildeten Menschen, jüdischen KZ-Insassen, Hitlergruß und Sex unter der Hakenkreuz-Flagge, NS-Bonzen, die von Nutten in Lack und Leder an die Kette gelegt und wie ein Hund vorgeführt werden, hochdekorierte Generäle in rosa Damenunterwäsche, dazu Dialogperlen wie *Mach endlich die Beine breit - Ich will ficken!* oder *Er wollte nur Geschlechtsverkehr, den er wiederholt ausgeführt hat* dominieren das vulgäre Werk.

Das klischeehaft gezeichnete Abziehbild des blonden, blauäugigen und bis ins Mark perversen Nationalsozialisten nervt ebenso wie das Hohelied auf den italienischen Faschismus und den deutschen Nationalsozialismus. So entwirft hier der Italiener Brass keinesfalls ein Sittenbild vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs, dass sich notfalls hinter dem Deckmantel der Satire hätte verstecken können, sondern ein provokatives Epos, das aus der Tatsache, sich zur politischen Situation zu bekennen, keinen Hehl macht.
"Salon Kitty" fehlt jegliche kritische Auseinandersetzung mit der brisanten Thematik, glorifiziert nahezu den Nationalsozialismus und stellt gewagte Thesen auf, die nicht zu Unrecht in der deutschen Veröffentlichung entfernt wurden.
Vor allem die komplett aus der deutschen Fassung geschnittene Szene im Leichenschauhaus, in dem der Professor (dargestellt vom deutschen Schauspieler Ulrich Haupt) seinen Studenten die anatomischen Unterschiede eines *Negers* und einer *reinrassigen Arierin* erklärt, ist mehr als fragwürdig.
"Salon Kitty" ist und bleibt ein Erotikfilm vor einem tragischen, geschichts-historischen Hintergrund, bei dem die Zurschaustellung von Nuditäten den Löwenanteil der Handlung beansprucht. "Salon Kitty" ist weder Geschichts- noch Kriegsfilm, der sich kritisch mit diesem Hintergrund auseinandersetzt und somit sind solche Passagen - ohne den Zeigefinger erheben zu wollen - unmoralisch.

Von Brass unbändigem Hang zur Provokation und seinem Faible für üppige Scham- und Achselbehaarung abgesehen - Markenzeichen seiner späteren Werke, die auch hier ansatzweise vorhanden sind - besticht sein Werk vor allem durch eine beachtliche, namhafte Schauspieler-Riege: Ingrid Thulin überzeugt ebenso als Puffmutter mit Herz wie Enfant terrible Helmut Berger als machtbesessener und sadistischer SS-Kommandant Wallenberg. Auch Teresa Ann Savoy weiss in ihrer freizügigen Rolle zu gefallen, während Italo-Veteranen wie John Steiner oder US-Stars wie John Ireland in Nebenrollen überzeugen können.
Vor allem aber überrascht und überzeugt "Salon Kitty" mit seinen edlen und exquisiten Roben, Kostümen und eigens für Helmut Berger angefertigte ausgefallene Uniformen, die die Machtbesessenheit seines Charakters vorzüglich zum Ausdruck bringen, sowie durch die opulente Ausstattung, für die kein geringerer als Ken Adam verantwortlich zeichnete, oscar-prämierter Set-Designer für diverse James Bond-Verfilmungen.

Tinto Brass ist in seinen Werken stets um eine anspruchsvolle Ausstattung und Besetzung bemüht, doch vor allem die Inszenierung von erotischen Szenen fällt bei ihm, der Erotik in den Vordergrund seiner Werke stellt, häufig sehr plump  und plakativ aus. Erotik wirkt bei ihm teilweise wie ein leidenschaftsloser Quickie mit expliziten Momentaufnahmen, aber schnell auf den Höhepunkt gebracht. In anderen Szenen mutet die Erotik  künstlerisch an, wirkt theatralisch inszeniert und ist von einer übertriebenen Albernheit gekennzeichnet, der das Feuer und die Leidenschaft fehlen.

Obwohl die Thematik um das Spionage-Bordell genug Spielraum für Intrigen und Verschwörungen bietet, konzentriert sich "Salon Kitty" leider viel zu sehr auf die erotische Komponente und verschenkt somit das Potential für spannende und dramatische Entwicklungen. Bei einer Laufzeit von 128 Minuten fehlt es dem Film an Abwechslung, zu sehr verweilt die Kamera in dem Bordell oder in Bade-Thermen und lässt Action und Berliner Lokalkolorit vermissen.

Aufgrund eines solide ansteigenden Unterhaltungswerts in der zweiten Hälfte sowie eines soliden Spannungsaufbaus mit einigen dramatischen Entwicklungen kann "Salon Kitty" letzten Endes trotz seiner fragwürdigen Handlung überzeugen - jedoch mehr als Ausstattungs- und Ensemble-Film als als Erotikfilm.

6,5/10

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