"Attack of the Red Herings"!
Mit den Slashern ist es wie mit dem Fischfang: nach jeder Fahrt gibts ein Riesennetz von den Dingern in der Auslage, aber die meisten sind dermaßen unreif, daß man sie eigentlich wieder ins Wasser hätte fallen lassen. Hin und wieder ist aber auch mal ein opulent-ausgewachsenes Ding dabei.
"Drowning Ghost", den man in Deutschland mit dem etwas verschämt-versteckten Titel "Der Fluch von Hellestad" verziert hat, ist so ein ausgewachsenes Exemplar, vor allem, wenn man auswändig weiß, was in so ein Geschnetzel denn von Amtswegen alles so reingehört.
Schweden ist ja nicht unbedingt die Heimat der gepflegten Messerwetzer, aber Mikael Hafströms Film rekapituliert in einer großen Tsunamiwelle wirklich alle bekannten Zutaten noch einmal, was nicht zuletzt hilfreich war, sich in Hollywood zu profilieren (was aber angesichts der mäßigen Ergebnisse mit "Derailed" und "Zimmer 1408" noch bedingt erfolgreich war).
"Drowning Ghost", mit 100 Minuten schon fast lang für einen Slasher zu nennen, bedient sich aufgrund seiner Fülle einer längeren Exposition, die erfolgreich dazu dient, den Zuschauer mit roten Heringen so lange totzuschmeißen, bis man selbst als gelangweilter Vielseher dranbleibt, weil man die Auflösung jetzt wissen will.
Dabei beginnt alles eher auf konventionellem Thriller-Mystery-Niveau, der dramatische Ereignisse übereinander häuft: ein etwas abgelegenes Internat kurz vor der 100-Jahr-Feier. Eine ebenso alte Gruselgeschichte von einem Dorfbewohner, der angeblich drei Schüler ermordete, um sich später im nahegelegenen See umzubringen und nie gefunden zu werden, was einer urban-ländlichen Legende eines Wiedergängers Vorschub leistet. Dann der just ein Jahr alte Selbstmord einer Schülerin (die gleich zu Beginn vom Dach hechtet), die natürlich a) zum Spott ihrer Mitschüler gequält wurde und b) einen Daddy hat, der solide schweigend in der Klappse einsitzt. Und der wiederum prompt zu Filmbeginn jubiläumsgetreu ausbricht, während Hauptdarstellerin und "final girl" Sara (die als einzige Brillenträgerin gar nicht anders kann, als in diesem snobistischen Haufen als Vernunftsmensch zu reüssieren) an einer brisanten Hausarbeit über die Vorgänge von 1904 arbeitet.
Wem das nicht genügt, der bekommt noch das Jahrgangsarschloch aus gutem bzw. schlechtem Hause, dessen Dad und Schulgeldgeber die Direktorin knallt, ein gequälter Hausmeister, ein hyperaktiver Grenzdebiler, eine goldlockige Mitschülerin, ein vertrauensvoll integrer Klassenlehrer und als Sahnehäubchen gleich ZWEI neue Schüler unbekannter Herkunft, die sich natürlich als Täter und/oder mögliche Lover und/oder Handlungskatalysatoren anbieten.
"Hellestad" wird den typischen Fans sicherlich zu spröde sein, denn alles ist in TV-Film-Optik gehalten und kommt mit ziemlichen Ernst des Weges, allgemeine Rumblödelei, überflüssige Dialoge und so etwas wie Nacktszenen sind in dem Mysterium relativ überflüssig, stattdessen sind alle mit gehörigem Ernst dabei, sich verdächtig zu machen. Relativ früh gibts dann den ersten Mord und etwas später einen zweiten, die allerdings eher im Off und damit blutarm geschehen, was das spekulative Gore-Element etwas außerhalb der Handlung läßt.
Erst nach einer guten Stunde tritt dann der Killer mit der Sackmaske (gewisse Parallelen zu bekannten Filmen von "Friday" bis "Urban Legends" sind übrigens stets zu registrieren, aber niemals penetrant präsentiert) endlich ans Licht - und genau da knickt dann etwas die Spannungskurve ein, denn es beginnt die altgediente Hetzjagd durch das dunkle Schulgebäude, bei der Häfström und Co-Autor "Vasa" (der auch den gefeierten "Kops" schrieb) meistens nur noch darum bemüht sind, die Rätselpunkte aus dem Weg zu räumen, in dem sie die fraglichen Figuren umbringen - und dann gibt es auch etwas Blut zu sehen, wenn auch nicht allzu viel.
Da geht dem Film dann kreativ etwas die Puste aus, die Jagd durch ein Tunnelsystem wird zur eher amtsmüden Angelegenheit und den Showdown (in einem Boot auf dem See) hat man anderswo schon besser gesehen, aber es sind noch genügend Figuren übrig, um die Show am Laufen zu halten, während das Skript ironisch die alte Regel bricht, nach der die Jubiläumssaufparty der Junioren der Zielort des Mörders ist - hier ist der Aufenthalt in dem Gruppenbesäufnis die beste Gelegenheit, um die Nacht zu überstehen.
Alles in allem macht Hafströms Film aber gerade für ernsthaftere Slasherfreunde, die einen guten Whodunit in ihren Cocktail mögen, aber einen packenden Eindruck, der das Sehen viel mehr lohnt, als ein beliebiges Dutzend aus dem Hause USA, die meistens nur Genreversatzstück abhaken, indem sie sie als kreischige Albernheit breit treten. Natürlich fluten auch die Schweden hier das Publikum mit typischen Handlungselementen, aber sie erinnern gleichzeitig erfolgreich daran, daß man Slasher nicht nur wegen Blut und Titten erfunden hat. (7/10)