Und wieder mal verkehrte Welt: auch im Falle von „The Call“ versuchte sich der Rezensent versehentlich erst an dem US-Aufguß von 2008 und kam schauerlich ins Husten – da verspürt man keinen großen Reiz, das bereits vielfach gescholtene Original nachzuschieben. Aber man erinnere sich an „Pulse“ aka „Cairo“, da breitete sich vor dem „open mind“ dann plötzlich ein unheimliches Meisterwerk aus und somit mußte der gute Wille herhalten.
Und siehe da: ganz so schlecht, wie „The Call“ von der zeitgenössischen Kritik gemacht wurde, ist er gar nicht.
Die Hauptkritikpunkte bestanden sowieso darin, daß man den gefeiert-gefürchteten Skandal-Vielfilmer Takashi Miike dafür runterputzte, trotz seiner beachtlichen Anzahl an total schrägen Filmen dann noch einen 104.Aufguß einer typisch japanischen Geistergeschichte aus dem Krale von „Ringu“ oder „The Grudge“ zu machen, in dem Gruselmädchen mit langen schwarzen Haaren eckig um die Ecken kriechen. Alles schon mal dagewesen, lautete das Urteil und nachdem „Ringu“ es mit VHS vorgemacht hatte, war natürlich der Handyfluch von „The Call“ nur noch ein billiger Abklatsch.
Aber auch da präsentieren sich mitunter ungeahnte Qualitäten, denn wenn der Plot vielleicht nicht ganz überzeugen kann, so muß es der Regisseur erst mal schaffen, überhaupt Gruselstimmung zu erzeugen und da präsentiert sich Miike überraschend stringent und fokussiert.
Die Story von den Delinquenten, die mit einer Vorlaufzeit von etwa zwei Tagen ihre eigene Todessekunde auf die Mailbox geschickt bekommen, hat zumindest so ihre Reize, von der Verweigerung bis zum versuchten Ausweichen – inclusive aller mysteriösen Zeichen. Ist die Szenerie dann erst mal etabliert, schimmert immer mehr das Bemühen durch, den Fall dahinter dann möglichst auch noch aufzuklären, was wieder eine Parallele zu „Ringu“ ist, doch der Fall gestaltet sich als relativ kompliziert und irreführend – weist aber, und da holt Miike wieder Parallelen zu seinem anderen Werk hervor, Bezüge zur verpfuschten Jugend seiner Hauptfigur in einem kaputten Elternhaus auf.
Nachdem aus dem Versuch des Fluchausweichens der letzte Saft gepresst wurde – mittels eines im TV übertragenen Exorzismus, der höllisch fehl schlägt – wendet sich dann das letzte Drittel komplett der detektivischen Aufklärung zu und bietet noch einige Wendungen an, die durchaus überraschen dürften.
Leider liegt hier aber auch einiges im Argen, was den Film runterzieht, denn die Konstruktion mehrerer Enden hat offenbar alle Beteiligten komplett den Faden verlieren lassen, so daß der Film nach einem schier endlosen Showdown mit immer neuen Twists in einem relativ unverständlichen Wirrwarr endet, daß nicht so recht erklärt werden kann. Es ist zwar nicht ganz so hauruck und schnell-schnell wie im einfallslosen US-Remake, läßt aber, abgesehen von der Aufklärung der Hintergründe, einfach zu viele Fragen offen.
Herausragend dabei sind und bleiben die Spannungssequenzen wie etwa der Exorzismus, der die Möglichkeiten dieser Szene wirklich melkt und den Geist oder Fluch (der sich meistens in visuellen Verwerfungen, langen Haaren oder geisterhaften Händen manifestiert) richtig schön creepy erscheinen läßt.
Wäre nicht das wirre und überlange Finale, der Film wäre ein schöner Gruselbeitrag einer langen erfolgreichen Reihe, so bleibt es nur ein Achtungserfolg – aber es war ja schon vorher bekannt, daß Miike zwar im Drehen ganz groß ist, im Trimmen aber nur ein Amateur. (6/10)