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„Das Individuum besteht aus der Summe der zahlreichen Möglichkeiten, die es in sich birgt.“

Mit „Dédales“, in Deutschland um den Titelzusatz „Würfel um dein Leben“ ergänzt, gelang dem französischen Regisseur René Manzor („Deadly Games“) ein Psycho-Thriller, der im Jahre seines Erscheinens (2003) den Nerv der Zeit traf, verglichen mit anderen Mindfuck-Thrillern jedoch eher ein Nischendasein fristet – meines Erachtens zu Unrecht.

Die 25-jährige, zierliche Claude (Sylvie Testud, „Jenseits der Stille“) soll eine für den Tod von 27 Menschen verantwortliche Serienmörderin sein. Sie gibt jedoch an, sich an keine ihrer Taten erinnern zu können, weshalb ihr Richter sie in eine Psychoheilanstalt überführen lässt, wo sie auf ihre Schuldfähigkeit hin untersucht werden soll. Dort beauftragt Anstaltsleiter Dr. Freud (Michel Duchaussoy, „Nada“) den Psychiater Brennac (Lambert Wilson, „Catwoman“), herauszufinden, ob Claude tatsächlich an einer multiplen Persönlichkeitsstörung leidet oder dieses Krankheitsbild lediglich simuliert, um einer Haftstrafe zu entgehen. Brennac ist sich unsicher und begibt sich selbst in Gefahr, als er Stück für Stück in die Persönlichkeit Claudes vordringt, die sich als das Labyrinth von Knossos aus der griechischen Mythologie darstellt: So spricht er zu Daedalus, zu Ariadne und zu Theseus, lernt den gefährlichen, aggressiven Minotaurus kennen – doch kommt einfach nicht an Claude heran. Nach und nach entblättert sich jedoch Claudes furchtbares Geheimnis, das bis in ihre Kindheit zurückreicht. Wird man einen Weg aus Claudes geistigem Labyrinth finden und sie mitnehmen können?

„Dédales“ entpuppt sich als bierernster Psycho-Thriller mit dominanten Kriminal- und Mysteryfilm-Elementen, der sich spröde, kalt, abweisend und pessimistisch gibt. Er arbeitet mit mehreren Rückblenden-Ebenen und rekonstruiert sowohl die letzte Woche vor Claudes Verhaftung als auch Teile ihrer Kindheit. Scheinbar nur lose miteinander verbundene Protagonisten erzählen die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven, denn neben den Ereignissen in der Heilanstalt spielt der eigenbrötlerische polizeiliche Ermittler Mathias (Frédéric Diefenthal, „Taxi“) eine zunächst etwas unklare Rolle. Spannung im klassischen Sinne erzeugt Manzor, der auch das Drehbuch verfasste, dabei nicht; vielmehr legt er sein Augenmerk darauf, die Handlung intelligent zu konzipieren und zu verschachteln und weckt damit nachhaltig das Interesse des Zuschauers, der nach und nach immer neugieriger wird. Dies gelingt allein schon durch den Kontrast zwischen einem unscheinbaren Mädchen und einem brutalen, skrupellosen Mörder, die ein und dieselbe Person sein sollen. So wird das Publikum entführt in die psychologischen Abgründe einer gespaltenen Persönlichkeit, wird es Zeuge einer originellen und nicht ganz anspruchslosen Verknüpfung mit der griechischen Mythologie und dürfte es ebenso viele Verdachtsmomente hegen wie Überraschungen erleben. Das für mich in seiner Konsequenz unerwartete Ende führt dann alle Fäden zusammen, regt in bester Plot-Twist-Manier zum Nachgrübeln und Abklopfen auf innere Logik und evtl. gar zum gleich noch einmal Gucken ein und stellt das, was der Zuschauer zuvor zu sehen und verstehen glaubte, gehörig auf den Kopf – wenn auch manch erfahrene Zuschauer den Braten möglicherweise bereits gerochen haben könnte. Grundsätzlich gilt hier, dass je stärker man sich auch auf Details der Handlung konzentrierte, man umso näher an den Rätsels Lösung herangeführt wurde. Etwas schwierig erscheint das Handlungskonstrukt jedoch hin und wieder, wenn entscheidende Situationen nicht gezeigt, sondern lediglich die Resultate präsentiert werden bzw. man generell das Gefühl bekommt, dass bewusst Informationen vorenthalten werden, um das dramaturgische Gerüst nicht zum Wackeln zu bringen.

Was der Zuschauer indes nicht wissen kann, ist die Einnahme einer anderen Perspektive als der der Realität, woran sich letztlich sicherlich die Geister scheiden werden: Wer diesem Stil aufgeschlossen gegenübersteht, wird davon fasziniert sein, wer ihn ablehnt, wird sich übertölpelt und irregeleitet fühlen. Auch ist die naturalistisch-nüchterne Ästhetik nicht immer einladend, wird jedoch immer mal wieder von ungewöhnlichen Kameraperspektiven aufgebrochen. Ansonsten ist das Interesse jedoch auf die Schauspieler zu richten, die fantastische Arbeit leisten: Sylvie Testud spielt aufgrund ihrer multiplen Rolle faktisch gleich mehrere Rollen auf einmal und versieht tatsächlich jede derart mit individuellem Charakter, dass das Zusehen die reinste Wonne ist. Frédéric Diefenthal umgibt eine mystische Aura und mimt glaubwürdig einen irgendwie getriebenen, obsessiv künstlerisch veranlagten Einzelgänger. Lambert Wilson gibt den schnell mit seiner Schulmedizin an Grenzen stoßenden Psychiater auf eine Weise, die den Zuschauer bald selbst um dessen geistige Gesundheit bangen lässt. Durch regelmäßige Betonung der Ziffer „7“ wird sogar der Bereich der Zahlenmythologie gestreift. Ich bin mir sicher, dass eine Zweitsichtung noch einige interessante Details offenbaren wird. Davon einmal abgesehen hat mich der Höhepunkt, die Pointe des Films, die theoretisch alles hätte kaputt machen können, derart beeindruckt, dass ich beim Rekapitulieren des Gesehenen noch immer leichte Kälteschauer im Rückenmark spüre. Ich zücke zunächst wohlverdiente 7von 10 Punkten für diese ungemütliche Charakterstudie, die dem Film jedoch möglicherweise noch nicht ganz gerecht werden. Einfach selbst anschauen!

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