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Zehn Jahre ist es her, seitdem Sean Veil zu unrecht als Mörder verhaftet wurde und die Presse ihn in der Öffentlichkeit in Verruf brachte. Mittlerweile lebt er zurückgezogen in einem stillgelegten Industriegebäude, sich selbst rund um die Uhr mit Aufzeichnungskameras überwachend, aus Angst vor einem fehlenden Alibi bei einem Wiederholungsfall. Er führt ein haar- und fingerabdruckfreies Leben mit Gummihandschuhen und geschorenem Kopf, während der medienträchtige Profiler Saul Seger in seiner Kriminalsendung noch immer Stimmung gegen den verstörten Sean macht. Als es tatsächlich zu erneuten Anschuldigungen kommt, fehlen in seinem mittlerweile riesigen Videoarchiv ausgerechnet jene Kassetten von der Tatzeit... Brillant verkörpert Lee Evans ("Das Fünfte Element") in der Hauptrolle den verängstigten Unschuldigen, seine Gedanken zu der schier ausweglosen Situation kommen ergänzend aus dem Off. Die Umgebung ist mit blassen, kühlen Farben abgefilmt, immer wieder durchbrochen von Seans Videoaufnahmen. Parallelen zu "Pi" kommen schnell aufgrund der paranoiden, bedrückenden Grundstimmung des Drehbuchs mit seinem finsteren, dramatischen Schicksalsplot. Das Design ist sorgfältig und stimmig arrangiert, einziger Gag am Rande ist wohl von der Produktion der Apple mit der Birne drauf. Postmoderne Pixelkunst trifft urbane Sets, eine erfreulich gelungene Mischung aus Realismus, Timecodes im Bild, Tonaussetzern und eingefrorenen Digitalbildern. Die Misere ist nachvollziehbar, was soll man auch schon sagen, wenn die Polizei nach dem 16. Oktober fragt, und zwar dem vor sechs Jahren? Der Clou ist die Verunsicherung des Zuschauers, dem schließlich doch Zweifel an Seans Glaubwürdigkeit kommen, überraschende Twists machen diesen dialoglastigen, nicht auf Actionszenen aufbauenden Thriller zu einem spannenden, fesselnden Vergnügen. Der Zuschauer spürt, wie ein Justizopfer systematisch in die Ecke gedrängt wird, eine Person, die schon längst mit einem absurden Sicherheitskonzept wie im eigenen Gefängnis lebt. Abgesehen vom etwas abfallenden, konstruiert konventionellen Finale eine dunkle, paranoide Idee, die auch erschreckend an die Realität von Überwachungssystemen im Medienzeitalter und ihren digitalen Fehlern angelehnt ist, "Off-Camera is Off-Guard", schöne neue Welt.

Fazit: Düsterer, verunsichernder Thriller im Arthaus-Look, irgendwo zwischen Perlen wie "The Alzheimer Case", "In A Glass Cage" und "Pi". 8/10 Punkten

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