Immer noch als Geheimtipp herumgereicht und noch nicht zu den endgültig verdienten Ehren gekommen: „Freeze Frame“!
John Simpson ist mit diesem kleinen Film ein beklemmender kleiner Thriller gelungen, der das Visuelle und das Erzählerische so miteinander kombiniert, das der Zuschauer permanent in einem Stadium der Unsicherheit gehalten wird.
Im Fokus von Dutzenden von Kameras steht nämlich Sean Veil, der sich seit gut 10 Jahren 24 Stunden am Tag ablichtet, um die Aufnahmen zu archivieren, eine Kamera schnallt er sich sogar ständig vor die Brust. Der Grund: eine Anklage wegen Dreifachmordes, den er nicht begangen hat und aus der er nur durch eine Hetzkampagne der Öffentlichkeit zufällig herauskam. Daraus entwickelte sich eine Neurose zur Psychose, nach der er stetigen Beweis führen will, wo er wann war.
Ein kranker Polizist und ein Psychiater wollen ihn aber trotzdem überführen – und natürlich passiert das zu Erwartende: ein neuer Mord und ein paar fehlende Bänder…
Simpson, der auch das Buch schrieb, lässt sich nicht sonderlich auf den dringlichsten Zweifel ein, ob Sean eventuell doch der Mörder sein könnte, das rückt vielmehr in den Hintergrund.
Stattdessen rollt in den nächsten 70 Minuten eine endlose Kette von immer neuen Wendungen vor dem Zuschauer ab, die den Fall in eine neue Richtung lenken.
Immer wenn sich die Schlinge zuzieht, dreht sich der Film um 180 Grad und zeigt dem Zuschauer eine neue Perspektive.
Das wiederum hat meistens mit dem Auge der Kamera zu tun, durch das wir das Geschehen meist doppelt betrachten, denn die Filmkamera ist nicht selten hier Seans eigene Kamera, die uns ruckhaft und verzerrt seine Handlungen vor Augen führen. Ist sie das nicht, steht er nicht selten im Fokus einer anderen, sei es nun durch einen geheimnisvollen Verfolger oder mittels der Frau, die er, wie er neu verdächtigt wird, vor fünf Jahren ermordet haben soll.
Im untrüglichen Vertrauen auf die Sicherheit seiner Methode bzw. seiner Psychose, hat Sean, der inzwischen längst ein Wrack ist, immer noch ein As im Ärmel, während dem Zuschauer immer wieder das beschützende Medium Video als Mittel zum Betrug vorgeführt wird – Bilder sind manipulierbar – doch Sean glaubt ungebrochen an sie.
Das führt immer wieder zu Doppeldeutungen, mal fälscht Sean Timecodes, dann scheinen Bänder Indizien, aber nicht Taten zu liefern. Später wird es sogar reale Täuschungen geben und Sean wird sogar Teil einer gefälschten Videoaufnahme mitten in seinem gesicherten Heiligtum der Überwachung.
Der genaue Ablauf der Wendungen soll nicht näher beschrieben werden, dafür macht der Film einfach zu viel Spaß, auch wenn die Auflösung (es gibt eigentlich mit Sean nur vier Verdächtige) durchaus schon vorab erkennbar ist.
Doch gerade der Schluß – als die allgegenwärtige Kamera endlich abgeschaltet wird, lügen die Bilder, gaukelt uns ein harter Schnitt etwas vor, was so nicht geschehen ist, bis es enthüllt wird.
Es ist die paranoide Gespaltenheit, die den Film so spannend und anrührend macht. Sean, geradezu manisch gespielt von Lee Evans, der sich sonst hauptsächlich als begabter Komödiant hervor tat (Verrückt nach Mary, Mäusejagd, Funny Bones), bleibt beharrlich bei seiner Sicherheitsfixierung, auch als die Videoaufnahmen ihn in Bedrängnis bringen; in dem unerschütterlichen Glauben, er hätte sich gegen alles abgesichert.
Daß er es, gegen die ganze Welt, am Ende auch hat und sich durchsetzt, um doch Opfer seines maroden Verstandes zu bleiben, ist eine böse Pointe, die uns gar nicht so doll aufstößt, weil wir mit Sean Veil fühlen – und seine Angst, seine Paranoia stets nachvollziehbar bleiben.
Ein kleiner feiner fieser Film mit einem guten Drehbuch – was will man mehr? (8/10)