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„Paprika“ ist im Grunde des Herzens einfach nur eine harmlose Männerfantasie, die den gesellschaftspolitischen Ballast vergangener Jahre bereits größtenteils von sich geschüttelt hat. Das auf dem Roman „Fanny Hill“ basierende Drehbuch, erstmals 1964 verfilmt von Russ Meyer, greift dennoch teils schwierige Themen auf, wie sie normalerweise eher in Dramen und Biografien mit historischer Kontextualisierung vorkommen. So ist bereits der Aufhänger normalerweise nicht unbedingt das ideale Spielfeld für eine erheiternde Frivolität. Junge Frauen, die vom eigenen Freund manipulativ in die Welt der Prostitution gezwungen werden, findet man in der Regel eher bei Regisseuren mit aufklärendem, dokumentarischem oder mitfühlendem Anspruch. Nur zu den Luftschlössern des Tinto Brass gehören solche Dinge eben auch mit dazu. Sie werden dann um so entschlossener in Zuckerwatte getaucht, je bedrohlicher sie wirken. Ein Erpressungsversuch des niederträchtigen Freundes, nachdem dessen abstoßender Charakter entlarvt wurde, kann das erhellende Lächeln der Protagonistin mit dem feurigen Namen nur vorübergehend erlöschen lassen; schon eine Szene später strahlt sie wieder wie ein Sonnenschein und erfreut sich ihrer brisanten Lebenssituation. Eine in der Realität zumindest ungewöhnliche Reaktion auf die schwierigen Umstände in einem von strenger Hand geführten Etablissement, zumal der Regisseur dem Zuschauer kein negatives Detail der präsentierten Welt vorenthält, die streckenweise hinterhältig, abstoßend, kompliziert und vor allem ungerecht erscheint.

Doch dies ist eben keine historische Dokumentation, sondern der mit Weichzeichner ausgeleuchtete Traum eines alten Mannes mit feuchter Zigarre im Mundwinkel. Im Geiste ist er immer noch der 14-Jährige, von dem er heute in Interviews erzählt. Ein neugieriger Bengel, den es von den dunklen Erotik-Kinos in die ebenso dunklen Bordelle trieb und von dort aus schließlich auf den Regiestuhl, wo er seine Obsessionen endlich greifen und einrahmen konnte.

Deswegen sind seine Darstellerinnen niemals von trübsinniger oder teilnahmsloser Anmut, wie es die ausbeuterische Situation ihnen eigentlich erlauben müsste, sondern wider aller Umstände das blühende Leben. Die Paprika, obgleich kulturell betrachtet ein Gemüse, ist botanisch gesehen als Frucht definiert, und Brass wird über diese Definition hinaus mit Freuden zum Botaniker. Seine Debora Caprioglio nämlich ist ein Früchtchen, wie es im Buche steht; nur 21 Jahre alt, aber dabei so abgekocht, dass sie alles und jeden mit offenen Armen empfängt; ob schön oder bucklig, unterwürfig oder dominant, männlich oder weiblich, jung oder alt, reich oder arm.

Die in Briefform angelegte Kapitelstruktur der zum Drehzeitpunkt bereits 242 Jahre alten Vorlage macht sich bei Brass in einem epischen Erzählbogen voller kleiner Zeitsprünge bemerkbar, der abgesehen von der Schönheit der Hauptdarstellerin alles um sie herum völlig zu verändern scheint. Es eröffnen sich narrativ gewisse Parallelen zu den Gangster-Epen eines Martin Scorsese; ein Vergleich, der waghalsig erscheint, sich aufgrund der geschmackvollen Ausstattung und des klug gesetzten Schnitts jedoch am Leben hält.

Nur wartet am Ende des Tunnels, anders als bei Scorsese, nicht die bittere Leere des Verlusts, sondern vollkommene Erfüllung. In „Paprika“ gebührt der finale Höhepunkt einem reichen, alten Mann, der sein innerstes Verlangen in Form vor Seinesgleichen herzhaft offen legt. Als sich Caprioglio hüllenlos vor der feinen Gesellschaft um die eigene Achse dreht, während ihren BetrachterInnen die Kinnlade vor Empörung auf den Boden fällt, ist das für ihren Inszenator ein stürmischer Jungbrunnen-Akt, der zugleich die aristokratische Borniertheit bloßstellt. Vergleichbares würde Brass einige Jahre später noch einmal mit „Frivole Lola“ wiederholen, indem er das zeremonielle Ritual der Hochzeit mit dem nackten Hintern von Anna Ammirati aufrühren würde. So zettelt ein alter Genießer seine Revolten an, der mit der beigen Garde seiner uniformen Altersgenossen nichts zu tun haben möchte. Lieber hält er sich in Gegenwart seiner Musen auf und nimmt das Leben auf die leichte Schulter. Wer möchte ihm das schon verdenken?

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