Welch vielversprechender Beginn:
Schwarz-Weiß. Graffitis an Häuserwänden. Ein Schulbus fährt zu „Gangsta's Paradise" von Coolio durch eine anrüchige Gegend. Drogen werden von Schwarzen vertickt. Kriminalität ist an der Tagesordnung.
Dangerous Minds will die Nöte von Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen beleuchten, was schon anhand dieser ersten Szenen gelingt. Doch leider hat der Film diesen Klischees nicht wirklich etwas hinzuzufügen, sondern er zeigt, wie Gewalt und Kriminalität bis in die Highschool getragen werden und dort im Mikrokosmos einer „schwierigen Klasse" gipfeln, welche von Anarchie und Chaos bestimmt ist.
Die vorherige Lehrerin wurde in die Flucht geschlagen, nun wird Louanne Johnson (Michelle Pfeifer) diese widerspenstige und scheinbar bildungsresistente Klasse aus Schwarzen und Mexikanern anvertraut. Nachdem sie bei ihrer Vorstellung als neue Lehrerin komplett versagt und vom Gigolo Emilio (Wade Dominguez) angemacht wird, verlässt sie die Klasse. Sie besinnt sich ihrer Vergangenheit als Marine und bringt ihren Schülern in der nächsten Stunde erst einmal Karate bei. Das stößt bei den Schülern zwar auf Interesse und kommt an, aber beim Rektor, der konservative Lehrmethoden und das Durchdrücken des Lehrplans präferiert, auf wenig Gegenliebe. Fortan gelingt es Louanne durch kleinere Anregungen in Form von Schokoriegeln und einen Ausflug auf den Rummel, die Aufmerksamkeit und durch Hausbesuche das Vertrauen ihrer Schüler zu gewinnen und alles wird gut. Naja nicht ganz: Irgendwann ist auch ein Todesfall zu beklagen und der Zuschauer bekommt noch einmal vor Augen gehalten, dass die Realität trotz Gewalt und Kriminalität doch nicht ganz so rosarot ist, wie sie im Film - mal abgesehen vom oben angesprochenen, vielversprechenden Beginn - dargestellt wird.
Da wären wir also beim Sozialkitsch, der zwar hin und wieder berührt, aber gerne vereinfacht und Klischee auf Klischee munter abhakt. Eine Schwangere, ein unterforderter mexikanischer Schüler, besagter Schönling und jede Menge Willkür und rückständige Auffassungen seitens der Schulleitung. Dass Dangerous Minds trotz dieses Problemfilm-Baukastensets so etwas wie Charme versprüht, ist den authentisch anmutenden Sets und Michelle Pfeiffer, der charismatische Hauptfigur, zu verdanken. Obwohl auch ihre Figur eine nicht gerade einfache Vorgeschichte (ihr Mann hat sie verlassen, Abtreibung etc.) aufweist, nimmt man ihr die unkonventionelle Lehrerin ab und entwickelt Sympathie für sie. Auch wenn es natürlich idealistischer Blödsinn ist, dass ihr Unterricht auf dem für sie ziemlich kostspieligen Nutzen- und Belohnungsansatz beruht, in dem sie Schokoriegel für richtige Antworten verteilt oder schon mal bei einem Gourmet-Dinner mit einem Schüler 200 Dollar für seine Lederjacke, die er bei einem kriminellen Individuum erworben hat, vorschießt. Soweit das Wunschdenken der amerikanischen Filmemacher, bei dem sich alle unbequemen Probleme, alle Dreckigkeit einfach weginszenieren lässt, indem man sie einfach ausspart genau wie eventuelle negative Charaktereigenschaften von der gutmenschlichen, idealistischen Louanne. Aber das - die Realität - will und wollte Hollywood auch nie 1:1 abbilden.
Ich kenne „My Posse Don't Do Homework" der echten LouAnne Johnson, auf dem der Film basiert, nicht und weiß deshalb auch nicht, was im Film von ihrem Roman übriggeblieben und welche Dinge von Drehbuchautor Ronald Bass (der das oscarprämierte Skript zu Rain Man schrieb) hinzugedichtet wurden. Mir scheint es, als sei Bass' Anteil jedoch signifikant höher, was man an ebensolchen Wendungen sehen kann. Auch das vorhersehbare Ende, bei dem Louanne ihrer mittlerweile liebgewonnenen Klasse (zunächst) gesteht, dass sie ihren Job an den Nagel hängen will, könnte durchsichtiger nicht sein. Ronald Bass mag ein ordentlicher Dramaturg sein, was erklärt, dass man Dangerous Minds kurzweilig weggucken kann, doch gerade bei einer glaubwürdigen Milieuzeichnung, die eben auch Realismus umfasst, offenbaren sich Schwächen.
Mehr bleibt eigentlich zu Dangerous Minds nicht zu sagen. Wer größeren Realismus beim Unterrichten von Schülern aus sozialen Brennpunkten auf Zelluloid gebannt sehen will, sollte sich Die Klasse (2008) anschauen. Zuschauer, die einem phasenweise sehr schwarz-weiß gezeichnetem Sozialmärchen um unkonventionelle Lehrmethoden etwas abgewinnen können oder Michelle Pfeiffer (die den Karren ziemlich solide aus dem Dreck zieht) mögen, sind hier richtig. Schade nur, dass sich aus dem vielversprechenden Anfang nur wenige Dinge in den übrigen Film hinüberretten konnten (6/10).