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Der Fernfahrer Heinrich Schlüter (Hans Albers) erinnert sich in Nachts auf den Straßen an die am selben Tage gefeierte Hochzeit seiner Tochter. Er fährt, weil seine Frau glaubt, daß er so auf andere Gedanken komme. Er fährt aber auch, weil sein Anhänger abbezahlt werden muß und die Rechnungen des Bausparvereins nicht warten. Präzise fügt sich das soziale Bild in die Zeit kurz nach dem Krieg. All die Entbehrungen, immer zurückstecken, das Kind großziehen und ein Haus kaufen. Sülze. Warum immer nur Sülze auf der Klappstulle?
Doch Nachts auf den Straßen wird als Hommage an die Menschen eingeleitet, die nachts Gefahren ausgesetzt seien. Fernfahrer und Tankwarte sind diese tapferen Männer, welche den Puls des Wiederaufbaus am Pochen halten. Zweisprachige Straßenschilder sprechen Zeugnis von der Besatzung. Heinrich Schlüter ist ein redlicher Mann, der nichts zu fürchten hat. Als ihn ein Cabrio überholt und er dies kurz darauf überschlagen auf der Straße findet, gibt er der herangeeilten Polizei fast den Umschlag mit den 20000 Mark zurück. Doch die Leiche, bei der er das viele Geld gefunden hat, ist ein Devisenschmuggler, so erfährt er. Was ist Gerechtigkeit? Er könnte nun endlich seiner Frau Anna (Lucie Mannheim) den über Jahre ersehnten Pelzmantel kaufen. Schlüter steckt das Geld in seine Tasche.

Nacht und Straße, archetypische Schlagworte für einen Film Noir und es scheint wirklich, als habe Fritz Rotter, nach dessen Geschichte Helmut Käutner das Drehbuch verfasste, etwas mitgenommen von seinem Aufenthalt in den USA. Dort schrieb er unter anderem auch die Vorlage für Edgar G. Ulmers Stimme aus dem Jenseits. Die Pendelei und der LKW wird sinnbildlich für die aufkeimende Zerrissenheit der Hauptfigur Schlüter, der in dieser einen Nacht noch eine zweite Entscheidung getroffen hat, die sein Leben stark beeinflußt.
Vor seinen Augen die eigene Tochter, liest er die 24-jährige Inge Hoffmann (Hildegard Knef) bei Regen an einem für Nachts auf den Straßen symbolischen Umleitungsschild auf. Daheim nicht in der Lage das gefundene Geld zu genießen baut er sich so eine lustwandlerische Zweitexistenz in Frankfurt auf. Nach dem Aufruhr um Die Sünderin offenbar auf ein gewisses Rollenbild abonniert, gibt die Knef eine deutsche Femme Fatale in abenteuerlicher Aufbruchs- und Goldgräberstimmung einer unsteten Zeit. Sie führt etwas im Schilde und so vernetzen sich auch die kleinsten aufgegriffenen Fäden zu einem perfekt ausgearbeiteten Gesamtbild. Heinrich Schlüter ist angreifbar geworden und wird so in kriminelle Machenschaften verwickelt. Im Hintergrund tanzt Johanna König (die Ariel Klementine) ihren ersten Filmauftritt.

In Nachts auf den Straßen als der aufrechte Deutsche bezeichnet, inszeniert der Käutner-Adept Rudolf Jugert seinen Star Hans Albers als robusten Burschen in der Waage zwischen Bürgerlichkeit und einem mit verschmitztem Machismo großmütigen Onkel. Die Verführung fruchtet bei beständiger Liebe zur Ehefrau eher in der Sehnsucht geben zu können, was so lang unterdrückt werden mußte. Wenngleich Sexualität und Drogenmißbrauch relativ offen zur Sprache gebracht werden, so stellt Jugert dies Moral und zeitgenössischen Konventionen sehr nüchtern gegenüber.
Nachts auf den Straßen verläuft wie eine reguläre und irreguläre Straßenführung zwischen zwei fixen Endpunkten einer Route. Die Last nimmt man von einem Punkt zum nächsten und beläßt sie dort. Ab und an fährt man eine Extratour. Nur den/die Laster nimmt man immer mit. Am Steuer bleibt die Zeit zur Reflektion. Es ist nicht nur die Frage, am rechten Zeitpunkt das Steuer herumzureißen, sondern auch was man von der Fahrt berichtet. Bewertet wird von den Figuren, allenfalls noch dem Zuschauer. Rudolf Jugert sieht entspannt zu und schafft Hans Albers Raum für eine Rolle fast so groß wie Hannes in Große Freiheit Nr. 7. Nur hat Deutschland seinen Film Noir nahezu vergessen. Es wird Zeit dies zu ändern.

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