Catherine Miles, 18 Jahre und einen Tag jung, unternimmt mit ihren Eltern und Verwandten gerade einen Bootsausflug im Amazonasgebiet, als das Grauen über sie hereinbricht. Das Hausboot wird attackiert, ihre Eltern getötet und enthauptet, und Catherine von Kopfjägern in den Dschungel verschleppt. Mehr als ein Jahr wird sie bei den wilden Indios leben...
1985 war es endlich soweit. Regisseur Roy Garrett (= Mario Gariazzo) und sein Drehbuchautor Franco Prosperi (La settima donna) gingen dahin, wo es richtig wehtat, wo sich nicht einmal Ruggero Deodato (Cannibal Holocaust) und Umberto Lenzi (Cannibal Ferox) hinwagten. Richtig, sie erzählten eine zarte, romantische und unglaublich tragische Liebesgeschichte zwischen der blonden, hübschen, langbeinigen, kleinbusigen, zivilisierten jungen Catherine und dem brutalen Kopfjäger Umukai. Wer da bei der Bootsszene am Schluß nicht Rotz und Wasser heult, der hat noch nie unglücklich geliebt.
Okay, Spaß beiseite. Schiave bianche: violenza in Amazzonia entstand, als das kontroverse Genre des Kannibalenfilms bereits in den letzten Zuckungen lag. Die aufwühlende Geschichte, welche die Kannibalenthematik übrigens nur ganz am Rande streift, wird chronologisch und pseudodokumentarisch in Rückblenden serviert, da Catherine wegen Mordes vor Gericht steht und darlegt, wie es dazu gekommen ist. Das wird gegen Ende dann, nach einem schönen aber nicht wirklich überraschenden Twist, auch gut und nachvollziehbar geschildert. Zuvor, im Dorf der Indios, erlebt Catherine natürlich das volle Programm. Die Bedauernswerte muß z. B. mitansehen, wie die als Trophäen aufgehängten Köpfe ihrer Eltern langsam verwesen. Zwei in flagranti erwischte Ehebrecher werden furchtbar bestraft. Er wird gefesselt, verkehrt rum aufgehängt und bekommt das Gesicht mit Honig eingerieben, worauf ihm selbiges von Insekten weggefressen wird. Sie wird in ein Kanu verfrachtet und auf die Reise geschickt, mit Endstation Wasserfall. Ein Entjungferungsritual darf natürlich ebenso wenig fehlen wie eine Versteigerung (Catherine ist übrigens ein kleines Wasserschweinchen, eine Gans und eine Schildkröte wert; also, bei der süßen Schnecke hätte ich noch einen Tapir, einen Wellensittich und einen Hamster draufgelegt!) oder ein Kampf gegen einen rivalisierenden Kannibalenstamm.
Aber das Leben in der Natur hat auch seine schönen Seiten, und Umukai ist ja an und für sich ein ganz lieber Kerl, der seine Angebetete ohne deren Einverständnis niemals anfassen würde. Die Naturkulisse ist phasenweise atemberaubend, und auch die Archivaufnahmen der exotischen Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum geben was her. Weniger schön ist der Tiersnuff, den die Macher glaubten, drei, vier Mal einstreuen zu müssen. Die an den Fingern von zwei Händen abzählbaren Gore-Effekte (überwiegend Enthauptungen) sind billig und leicht zu durchschauen, haben aber nichtsdestotrotz eine gewisse Härte. Gegen Ende stellt sich dann wieder mal die Frage, wer denn nun eigentlich die Wilden sind. Schiave bianche: violenza in Amazzonia ist akzeptabel inszeniert, auf eine sehr sympathische Weise schlecht gespielt und erfreulich kurzweilig, wobei das Abenteuer-Dschungel-Flair ebenso gefällt wie der stimmungsvolle Score von Franco Campanino und die häufig nackt agierende Elvire Audray, die gegen Ende zum erbarmungslosen Racheengel mutiert. Daß der Film, der u. a. auch auf den Namen Cannibal Holocaust 2 hört, auf einer wahren Begebenheit basiert, ist natürlich ausgemachter Humbug.
Fazit: Wenn man über den unnötigen Tiersnuff hinwegsehen kann, wird man mit einem unterhaltsamen, trashigen, unfreiwillig komischen, aber irgendwie doch auch wieder berührenden Abenteuerfilmchen belohnt.